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„Für Afrikaner ist spiritueller Beistand in Krisen sehr wichtig“

Der Kampf gegen Aids in Südafrika ist schwer. Wie Glaube und Beistand das Leben der Betroffenen aber erleichtern können und weshalb Präsident Jakob Zuma trotz skurriler Äußerungen dennoch zur Bekämpfung von AIDS beigetragen hat, erklärt Pastor Otto Kohlstock im Interview mit The European. Die Fragen stellte Franziska Prinz.

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The European: Sie sind seit vielen Jahren Leiter des Lutheran Community Centres “iThemba Labantu” im Township Philippi in Südafrika. Wie hat sich die Situation in Bezug auf Aids in diesen Jahren verändert, gibt es Fortschritte?
Kohlstock: Ja, es gibt eine ganze Reihe von Fortschritten, vor allem, wenn man die heutige Situation mit der Zeit vergleicht, in der Thabo Mbeki Präsident war. Heute wird HIV/Aids wenigstens nicht mehr geleugnet oder als harmlos dargestellt. Die Regierung ruft immer wieder dazu auf, sich testen zu lassen, und Präsident Zuma ging mit gutem Beispiel voran. Zumindest was das Testen angeht.

Immer mehr Menschen haben Zugang zu den lebensverlängernden antiretroviralen Medikamenten, und die Krankheit scheint auch nicht mehr ganz so stigmatisiert zu sein. Zu viele Menschen haben Familienangehörige oder Freunde, die an dieser unheilbaren Krankheit leiden. Und viele wissen auch: Es gibt Medikamente, die das Leben um 20 bis 30 Jahre verlängern können.

Dennoch: Angesichts der knapp sechs Millionen HIV-Positiven ist der Staat einigermaßen überfordert. Noch zu wenige bekommen die Medikamente. Dazu kommt die große Armut vieler Menschen, die eine gesunde Lebensweise unmöglich macht.

“Für Afrikaner ist spiritueller Beistand in Krisen sehr wichtig”

The European: In dem Center befindet sich unter anderem auch eine Krankenstation für HIV-positive Menschen aus den Townships. Was können Sie als Geistlicher für die Erkrankten tun?
Kohlstock: Für Afrikaner ist spiritueller Beistand im Allgemeinen und vor allem in Krisensituationen sehr wichtig. Sie sind in der Regel tiefgläubige Menschen. Wenn schwer kranke Patienten bei uns eingewiesen werden, haben sie oft schon jede Hoffnung verloren, da die Krankheit zu weit fortgeschritten ist und die Schmerzen zu groß sind. In der neuen Umgebung sind sie oft auch ängstlich und fühlen sich irgendwie ausgeliefert. Mir ist es dann wichtig, ihnen in einem ersten Gespräch Hoffnung zu geben. Die beruht auf folgenden Erfahrungen: Gott ist da, er wird dir helfen. Viele Patienten vor dir kamen mit den gleichen Symptomen – und heute geht es ihnen wieder sehr gut. Wir haben starke Medizin und gutes Essen. Oft lächeln sie dann zum ersten Mal und schöpfen wieder neuen Mut.

The European: Haben die Menschen in den Slums denn mittlerweile die Chance, effektiv zu verhüten? Oder liegt die immer noch sehr hohe Verbreitung der Krankheit daran, dass viele Menschen vorhandene Schutzmöglichkeiten einfach nicht einsetzen wollen?
Kohlstock: Verhütung ist kein afrikanisches Thema, da von alters her Kinderreichtum als Segen gilt. Auch heute noch. Selbst Armut oder ein positiver HIV-Befund kann diese Einstellung nicht beeinträchtigen. Aber es gibt noch viele andere Gründe, warum nicht verhütet wird.

In der traditionell patriarchalischen Gesellschaft schaffen es nur wenige Frauen, volle Kontrolle über ihr Sexualleben zu erlangen. Alte polygame Formen leben im neuen Gewand fort, und nicht selten entsteht ein Konkurrenzdenken zwischen den Frauen. In dieser Situation können Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes als Aufwertung der Stellung einer Frau gesehen werden. Junge Mädchen, oft ohne Zärtlichkeit und Liebe groß geworden, verwechseln oft das sexuelle Interesse der Männer mit echter Zuneigung und Liebe und sind so schneller bereit, sich dem Drängen hinzugeben. Und – leider – gibt es in Südafrika eine sehr hohe Vergewaltigungsrate.

“Die Regierung muss mehr für Aufklärung tun”

The European: Präsident Jacob Zuma hat noch vor vier Jahren behauptet, Duschen würde vor Aids schützen. Wenn schon die politische Elite solche Ansichten verbreitet, wie betreiben Sie Aufklärung?
Kohlstock: Hier möchte ich Zuma etwas in Schutz nehmen. Ja, er hat das mal gesagt und sicher auch ernst gemeint. Aber auch er hat dazu gelernt und würde eine so falsche Aussage nicht mehr wiederholen. Obwohl er in seinem persönlichen Lebenswandel nicht gerade das Vorbild der Nation ist, hat er sich zumindest öffentlich testen lassen und sein (negatives) Ergebnis bekannt gemacht. Natürlich müsste die Regierung mehr für Aids-Aufklärung tun, etwa wie in Uganda, wo die Infektionsrate durch stündliche Radiospots gesenkt wurde, in denen über Aids aufgeklärt und vor Ansteckung gewarnt wurde.

The European: Ihr Gemeindecenter wird hauptsächlich durch Spenden finanziert. Haben Sie das Gefühl, die Regierung Südafrikas tut selbst zu wenig, um der Aids-Epidemie Herr zu werden? Wünschen Sie sich mehr Engagement der Politik?
Kohlstock: Wie schon gesagt, müsste die Regierung viel aggressivere Kampagnen starten, um die Menschen immer wieder wach zu rütteln und auf die Gefahren von ungeschütztem Sex aufmerksam zu machen. Dass das nicht geschieht, sehen wir daran, dass die Infektionsrate im letzten Jahr weiter gestiegen ist und dass unzählige Schülerinnen schwanger werden, was bedeutet, dass sie nicht verhütet haben.

Unsere Krankenstation wird zu circa 70 Prozent vom Staat finanziert, und die Antiretrovirale bekommen wir umsonst. Aber viel zu wenige Patienten bekommen die Medikamente. Das liegt auch daran, dass es insgesamt nicht gut um das staatliche Gesundheitswesen bestellt ist und nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung eine Krankenversicherung haben, die ihnen eine gute Behandlung in einem privaten Krankenhaus ermöglicht.

Hier finden Sie die Homepage des Berliner Missionswerks und alle Informationen, um für das Projekt zu spenden.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Gerald Asamoah: „Der Verlust von Ballack wird die Mannschaft nach vorne bringen“

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