Es gab und gibt nur die Musik. Die Idee des Scheiterns kam mir nie. St. Vincent

„Vielen Christen fehlt die Perspektive“

Im Interview mit The European spricht der Menschenrechtsexperte des internationalen Missionswerks “Missio”, Otmar Oehring, über Christenverfolgungen heute, die Not irakischer Flüchtlinge und erklärt, warum sich Christen in der Türkei bedrängt fühlen.

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The European: Herr Oehring, wir dachten, Christenverfolgungen gibt es nur noch in Geschichtsbüchern. Nach Angaben von “Kirche in Not” sind aber bis zu 80 Prozent aller religiös Verfolgten der Gegenwart Christen.
Oehring: Der Trend stimmt, bei den Zahlen bin ich skeptisch. Viele religiöse Organisationen glauben, dass sie mit dramatischen Aussagen Aufmerksamkeit für das Thema erzeugen können. Niemand kennt aber die genauen Zahlen. Man müsste zunächst definieren, was Christenverfolgung heute bedeutet.

The European: Was verstehen Sie darunter?
Oehring: Ein gutes Beispiel ist die Situation im Sudan. Die katholischen Bischöfe sprechen von “harassment”, was so viel wie Bedrängung bedeutet. Es ist mehr als Diskriminierung, aber weniger als Verfolgung.

The European: In welchen Staaten stehen Christen noch unter Druck?
Oehring: In nordafrikanischen Ländern wie Algerien, Tunesien und Marokko. Dort gibt es eine Zunahme von Repression gegen Christen. Insbesondere gegen evangelikale Gruppierungen, die sich in den letzten 10 bis 20 Jahren dort etabliert haben.

Strafe auf Tragen eines Kreuzes

Aber auch im Nahen-Osten, vor allem in Saudi-Arabien, wird Christen das Leben schwer gemacht. Schon das Tragen eines Kreuzes oder der Besitz von christlichen Publikationen wird mit harten Strafen geahndet. An Gebetsräume für Christen ist gar nicht zu denken. Aber auch in nicht-islamischen Staaten gibt es Probleme. So kam es in Indien in den letzten Jahren immer wieder zu Übergriffen von Hindu-Nationalisten auf Minderheiten, darunter auch viele Christen.

The European: Wer steht hinter Diskriminierung und Verfolgung? Ist es der Staat oder geht die Aggression von der Bevölkerung aus?
Oehring: Das kommt auf den Blickwinkel an, aus dem man die Situation betrachtet. Der Staat ist kein Verfolger, sondern oft nur ein Bedränger. In Ägypten brauchen Christen das Dekret des Präsidenten, um eine Kirche bauen zu dürfen. Der Präsident gibt das Dekret aber nur, wenn die Situation im Land ruhig ist und er glaubt, sich eine solche Entscheidung erlauben zu können. Bei der staatlichen Bürokratie gibt es manchmal das Phänomen des vorauseilenden Gehorsams. Mit dem Islam hat das aber nichts zu tun. In der Bevölkerung gibt es am wenigsten Probleme. Jedoch gibt es interessengeleitete und kriminelle Gruppen, zum Beispiel El Kaida im Irak, die mit Angriffen gegen christliche Gruppen versuchen, die eigene Regierung zu destabilisieren.

The European: Viele Konfliktforscher bezweifeln, dass religiöse Unterschiede Konflikte verursachen.
Oehring: Meist ist es eine Mischung von Ursachen. Wenn sie ein christliches Dorf im Nahen Osten besuchen, finden sie vielleicht Armut, aber dennoch eine relativ gute Organisation. Bei einem muslimischen Dorf gibt es auch Armut, aber meist keine gute Organisation. Dazu kommen oftmals Bildungsunterschiede. Christen schicken ihre Kinder mehrheitlich in Schulen, wenn möglich in gute Schulen. Die machen später Karriere und sind in den Spitzenpositionen der Wirtschaft stark vertreten. Das weckt natürlich auch Neid und Missgunst.

“Die Flüchtlinge sind in einer verzweifelten Situation”

The European: Besonders groß ist die Not für Christen aus dem Irak. Mehrere Hunderttausend haben seit dem Irakkrieg 2003 ihr Land verlassen, viele leben heute als Flüchtlinge in Syrien und Jordanien. Gibt es eine Chance auf eine Rückkehr?
Oehring: Einige wenige sind schon zurückgekehrt. Doch die meisten mussten erkennen, dass sie keine Zukunft in diesem Land haben. Sie wurden und werden bedroht. Sie haben ihre Arbeit verloren. Sie haben Haus und Habe verloren. Die Flüchtlinge sind in einer verzweifelten Situation. Zurückkehren können sie nicht und die Türen im Westen sind weitgehend verschlossen.

The European: Die europäischen Innenminister haben sich doch aber 2008 darauf geeinigt, irakische Flüchtlinge in Europa aufzunehmen.
Oehring: Man hat empfohlen, 10.000 irakische Flüchtlinge aufzunehmen. Darunter nicht nur Christen. Deutschland hat sich bereit erklärt 2.500 Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Großteil ist bereits da. Andere Länder haben gar nichts zugesagt oder sind noch weiter hinter ihren Zusagen, die 10.000 sind noch lang nicht erreicht. Für das deutsche Engagement muss man dankbar sein, trotzdem reicht es nicht.

The European: Warum können irakische Flüchtlinge nicht in der Region bleiben?
Oehring: In der gesamten Region, von der Türkei bis nach Ägypten, gibt es allein rund 100.000 christliche Flüchtlinge. Dazu kommen bis zu einer Million muslimische Flüchtlinge. Der Verbleib einer solch großen Zahl von Flüchtlingen droht zu sozialen Spannungen zu führen.

The European: Der ehemalige Innenminister Wolfgang Schäuble hat sich sehr für die Aufnahme vor allem von irakischen Christen eingesetzt. Wie sieht es mit der Kanzlerin aus?
Oehring: Bis Juli 2008 schien nicht zuletzt Dank des Engagements von Minister Schäuble die Aufnahme irakischer Flüchtlinge möglich. Dann besuchte der irakische Premierminister Maliki am 24. Juli 2008 Frau Merkel. Er behauptete, im Irak gebe es keine Christendiskriminierung, zudem brauche man die Christen für den Aufbau des Landes. Frau Merkel hat damals scheinbar politische und vor allem wirtschaftliche Interessen der Bundesrepublik höher bewertet als das humanitäre Anliegen.

The European: Auch in der Türkei machen sich Christen Sorgen um ihre Zukunft. Wie sieht die Situation dort aus?
Oehring: Das Grundproblem für viele Christen ist die fehlende Perspektive. Vor allem diejenigen, die wirtschaftlich nicht abgesichert sind und auf dem Land leben, haben in der Türkei zu kämpfen und werden bedrängt. Das ist besonders im Süd-Osten des Landes ein Problem. Dort gerieten Christen in der Auseinandersetzung zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen PKK immer wieder zwischen die Fronten..

The European: Der größte Teil der christlichen Minderheit lebt aber in den Städten, allein 60.000 in Istanbul.
Oehring: Vor einigen Monaten wurden die Haustüren von christlichen und jüdischen Familien in einem Istanbuler Stadtbezirk mit roter und grüner Farbe markiert. Es ist aber zum Glück nichts passiert. Zugenommen hat auch eine unseriöse Berichterstattung über Christen in den Medien. Dazu kommt die Auseinandersetzung zwischen der islamischen Partei AKP und den Nationalisten in der türkischen Politik. Die Nationalisten versuchen, Christen zu diskreditieren, um die Regierungspartei AKP gegenüber dem Ausland in Schwierigkeiten zu bringen. Da gibt es permanenten Druck. Vom Pfarrer bis zum einfachen Gemeindemitglied fühlen sich viele bedrängt. Es herrscht ein Klima der Angst.

The European: Das Minarettverbot in der Schweiz wurde von Vertretern der türkischen Politik scharf kritisiert. Können denn Christen eine Kirche in der Türkei bauen?
Oehring: Rechtlich ist das möglich. Letztlich kommt es aber auf die Details an. Die Gesetzesänderung zum Bau von christlichen Kirchen in der Türkei kam im Rahmen der EU-Harmonisierung zustande. Viele alteingesessene christliche Kirchen brauchen aber gar keine neuen Kirchenbauten. Viele alte Kirchen stehen ja schon leer. Ganz anders sieht es bei den evangelischen Freikirchen aus, die 50 Gemeinden stellen. Statt großer Kirchen würden sie gerne Wohnungen oder Ladengeschäfte für die Gemeinde nutzen. Dafür gibt es aber keine rechtliche Grundlage. Gottesdienste können dann schnell zu ungenehmigten Versammlungen mit entsprechenden Folgen werden.

The European: Noch ist nicht entschieden, ob die Türkei in die Europäische Union aufgenommen wird. Was erhoffen sich Christen in der Türkei von den Beitrittsverhandlungen?
Oehring: Sie hoffen, dass sich ihr Leben verbessert. Sie hoffen auf eine Demokratisierung und einen Schutz ihrer Minderheitenrechte. Bislang ist das nicht zu sehen. Menschen, die in Istanbul aufgewachsen sind, sagen heute: “Wie war das noch, als Griechen und Juden in Istanbul gewohnt haben.” Diese Zeiten sind vorbei. Trotzdem muss man sagen: Es hat sich unglaublich viel geändert in den vergangen zehn Jahren. Täglich werden aufs Neue Tabus gebrochen.

The European: Wagen wir ein Fazit der letzten Jahre. Vielleicht gibt es zwischen Muslimen und Christen keinen Kampf der Kulturen, sondern eine Entfremdung der Kulturen?
Oehring: Entfremdung würde heißen, dass wir uns früher nahe waren und uns dann voneinander entfernt haben. Das ist falsch. Wir kennen uns schlicht nicht. Es ist Zeit, die Wissenslücken zu schließen.

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