Die Generation Y ist überhaupt nicht faul. Kerstin Bund

Egos im Rampenlicht

Parteiwechsel machen einsam. Oswald Metzger hat zwei davon hinter sich. Nicht nur einstige Weggefährten haben Schwierigkeiten mit dem Abtrünnigen.

Der Homo politicus ist ein eigenartiges Wesen, vor allem dann, wenn es sich um die Gattung Berufspolitiker handelt. Dabei ist vollkommen gleichgültig, welche Parteiflagge geschwenkt wird. Ich maße mir dieses Urteil an, weil ich den immergleichen Phänotypus in mehreren Parteien aus der Binnensicht erlebt habe.

In den politischen Parteien gibt es unter den Berufspolitikern so gut wie keine wirklichen Freundschaften, höchstens Seilschaften zur Erringung von Positionen. In den Parteien wird systematisch zum Opportunismus erzogen. Intellektuell redliche, aber kontrovers geführte Debatten um die richtige Lösung, sind nicht gefragt. Das riecht nach innerparteilichem Streit, und den mag das Wahlvolk anscheinend nicht.

Für die Karriere sind Überzeugungen hinderlich

Also lernt der Politiker von der Pieke der Parteijugendorganisation an, dass es klüger ist, dem innerparteilichen Mainstream zu folgen und sich am jeweiligen Führungspersonal zu orientieren, als sich eine zwar inhaltlich fundierte, aber abweichende Meinung zu erlauben. Überzeugungen und Standpunkte sind für die berufspolitische Karriere hinderlich, also hat man besser keine. Denn schon morgen könnte die eigene Führung unter dem Einfluss des permanent demoskopisch ermittelten Zeitgeistes eine andere Richtung einschlagen.

Die Mühlen des Politikbetriebs prägen den Charakter. Es gibt viele eitle Persönlichkeiten auf dem politischen Parkett. Die Sucht nach öffentlicher Anerkennung, die Gier, im Rampenlicht zu stehen, sind Teil des Politiker-Egos. Diese zahlreichen ehrgeizigen Egos reiben sich beständig aneinander, was zu einer erschreckenden Misstrauenskultur führt. Gerade innerhalb der eigenen Partei wird leidenschaftlich intrigiert.

Journalisten können ein Lied davon singen, wie oft sie im innerparteilichen Machtkampf mit Indiskretionen gefüttert werden – von den angeblichen Parteifreunden. Gute Medienpräsenz gönnt der Berufspolitiker noch eher dem politischen Konkurrenten als dem eigenen Fraktionskollegen, den es im Gerangel um Einfluss und gut dotierte Funktionsstellen auszustechen gilt.

Ich machte diese Erfahrung, als ich im April 2008 in meinem Wahlkreis Mitglied der CDU werden wollte. Die gleichen CDU-Politiker, die mich über Jahre hinweg als wertkonservativen Abgeordneten der Grünen öffentlich wegen meiner finanz- und wirtschaftspolitischen Überzeugungen hofierten, schlugen plötzlich das Kreuz, als ich Mitglied ihrer Partei und damit Konkurrent um die raren Positionen werden wollte. Selbst die Mitgliedschaft sollte mir anfangs verwehrt werden. Bis heute, mehr als fünf Jahre nach meinem Eintritt, fremdeln manche „Parteifreunde“ mit mir, auch wenn die Akzeptanz über die Jahre deutlich zugenommen hat.

Wahre Freundschaften sind selten in der Politik

Trotz dieser Skepsis halte ich politische Freundschaften über Parteigrenzen hinweg für äußerst wichtig. Koalitionen beispielsweise hängen viel stärker von der Chemie zwischen den jeweiligen Führungspersönlichkeiten als von der Programmatik der Parteien ab. Denn die konzeptionellen Unterschiede sind oft eher gradueller als prinzipieller Art. Und Regieren heißt ohnehin, die Kraft des Faktischen über kurz oder lang zu akzeptieren und Ideologien abzuschwören.

Ob aber hinter dem Persönlich-Miteinander-Können der Spitzenpolitiker von Koalitionsparteien wirkliche persönliche Freundschaft steckt, wage ich zu bezweifeln. Bei allem Leben-Und-Leben-Lassen des Partners geht es immer stark um Taktik und Kalkül. Wahre persönliche Freundschaften zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass man sich offen und ungeschützt die Meinung sagt, aufeinander hört, sich wechselseitig unterstützt und sich auf keinen Fall gegeneinander ausspielt.

Schließen will ich mit einer weiteren Anekdote aus meinem politischen Leben: 2005 suchte mich der damalige Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stuttgarter Landtag, Winfried Kretschmann, im heimischen Bad Schussenried auf, um mich zu einer Kandidatur für den baden-württembergischen Landtag zu bewegen. „Wir brauchen einen für die CDU satisfaktionsfähigen Finanzpolitiker wie dich, um nach der nächsten Landtagswahl eine schwarz-grüne Koalition mit Günther Oettinger zu schmieden“, war seine Ansage. Nach einigem Zögern kandidierte ich schließlich und wurde mit sehr gutem Ergebnis im Wahlkreis Biberach gewählt.

Aus Schwarz-Grün wurde bekanntlich dann nach der Wahl im März 2006 nichts, obwohl es rechnerisch möglich gewesen wäre. Stefan Mappus, der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende, bremste den zu zaghaften Oettinger aus. Die CDU sitzt heute in der Opposition im Stuttgarter Landtag, und Winfried Kretschmann hat als erster Ministerpräsident der Grünen einen Platz in den Geschichtsbüchern sicher.

Überhaupt Winfried Kretschmann: Den halte ich für einen der seltenen Charakterköpfe in der Politik, mit dem sich auch ein vertrauensvolles, ja, freundschaftliches Verhältnis pflegen lässt. Diesem Winfried Kretschmann hatte ich 1994 auf einem Parteitag in Biberach eine Fahrkarte in den Bonner Bundestag verwehrt, weil ich – absprachewidrig – gegen ihn um Listenplatz acht kandidierte und dank der Unterstützung der Parteilinken, für die Kretschmann damals das innerparteiliche Feindbild war, gewann.

Kretschmann war stinksauer auf mich und ließ mich das auch monatelang spüren. Doch bereits ein halbes Jahr später kam er auf mich zu mit dem Kompliment: „Du machst das richtig gut im Bundestag.“ Ab diesem Zeitpunkt war unser Verhältnis wieder geklärt. Und auch heute als Ministerpräsident ist er für mich authentisch geblieben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Groß, Ludwig Winter, Claudia Roth.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

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