Wenn man will, könnte man sein Leben entgooglefizieren. Jeff Jarvis

Der Traum vom Nullrisiko

Die Bilder aus Japan haben sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingegraben. Eine gesellschaftliche Mehrheit für Atomkraft wird es in Deutschland nicht mehr geben. An der Faktenlage hat sich hingegen nichts geändert. Die Idee einer risikofreien Technologie war schon immer irreführend.

Die Katastrophe in Japan hält uns gefangen. War der Unfall vermeidbar? Waren die Risikoabschätzungen fehlerhaft? Ist gar geschlampt worden? Zurzeit lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Fakt ist, dass die Kombination von Erdbeben und Tsunami von dem Atomkraftwerk Fukushima nicht verkraftet wurde. Das ist im Übrigen nicht auf ingenieurverursachte Mängel oder fehlerhaftes Design zurückzuführen. Für die Kombinationswirkung dieser beiden Naturgewalten waren die Kernkraftwerke schlichtweg nicht ausgelegt. Bei jeder Anlage muss man vorab festlegen, für welche Belastungen man die Anlage und die damit verbundenen Funktionen auslegt. Wenn man dies zu eng festlegt, erhöht man das Risiko. Wenn man das zu weit auslegt, verursacht man unnötige Kosten. Heute wissen wir, dass diese Auslegungsgrenzen in Japan zu eng definiert wurden. Hier waren die japanischen Behörden wohl der Ansicht, dass ein Erdbeben der Stärke 9 plus einem direkt folgenden Tsunami als so unwahrscheinlich einzustufen seien, dass es als Auslegungsstörfall nicht infrage kam. Versagt haben also nicht Konstrukteure, sondern diejenigen, die für die Auslegungsrichtlinien Verantwortung tragen. Insofern haben die Reaktoren so reagiert, wie vorherzusehen war: Das Erdbeben haben die Blöcke noch leicht lädiert verkraften können, die dann einsetzende Tsunamiwelle nicht mehr.

Prägung des kollektiven Gedächtnisses

Dieser verheerende Unfall wird sich ähnlich wie Tschernobyl in das kollektive Gedächtnis eingraben. Nach einer Blitzumfrage sind jetzt fast 80 Prozent der Deutschen für eine schnellere Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke. Diese hohe Zahl wird sich im Verlauf der Zeit wieder etwas nach unten bewegen, aber das Verhältnis von 40 zu 60 zwischen Befürwortern und Gegnern der Kernenergie, die vor dem japanischen Reaktorunfall herrschten, wird meines Erachtens nicht mehr erreicht. Der Sockel an Gegnern wird auch langfristig höher sein als früher. Aber die Auswirkungen gehen über die Debatte zur Kernenergie hinaus. Es wird weltweit, aber vor allem in Deutschland, noch schwerer werden, Großtechnologien mit erheblichem Gefahrenpotenzial einzusetzen. Die Pläne, den Klimawandel durch Geo-Engineering (wie Meeresdüngung oder künstliche Wolkenbildung) zu begrenzen, haben jetzt kaum mehr eine Chance.

So ist jetzt schon abzusehen, dass es in Ländern mit einer demokratischen Öffentlichkeit ähnlich wie in Deutschland heftige Debatten geben wird. Wie diese ausgehen, lässt sich nicht genau vorhersagen. Solche Diskussionen können eine starke Eigendynamik entwickeln. Es kann aber ebenso gut sein, dass eine gefestigte Meinung herauskommt, die sagt: Wir bleiben dabei, das Risiko ist zwar hoch, aber wir können und wollen damit leben. Solche Töne kommen gerade aus den USA und Großbritannien. Aber es kann auch ebenso zu einer Abkehr von der Kernenergie kommen. Der Ausgang solcher Debatten ist nicht vorhersehbar. In Ländern, in denen es eher eine autokratische Herrschaft gibt, etwa China und teilweise auch Russland und Japan, wird man wahrscheinlich bei der Kernenergie bleiben. Zumindest in China sehe ich überhaupt keine Chance, dass dieser Weg noch einmal verlassen wird.

Nach bestem Wissen und Gewissen

Bei aller Debatte über diesen Unfall und die Konsequenzen, die man jetzt recht schnell gezogen hat, darf nicht übersehen werden, dass es bei großtechnischen Anlagen ein Nullrisiko nicht geben kann. Ein Nullrisiko gibt es weder bei Kohle, noch bei Biomasse, Wind oder Sonne als Energieträger. Die Art der Risiken sind unterschiedlich: sie können die Gesundheit, die Umwelt, die Versorgungssicherheit, das soziale Zusammenleben oder die Wirtschaft betreffen. Da keine Alternative risikolos ist, muss zwischen den Optionen abgewogen werden. Das ist bei komplexen Fragestellungen nicht einfach und erfordert zweierlei: ausgeprägtes Systemwissen (Mit welchen Folgen muss man rechnen?) und klare ethische Kriterien (Was soll die Gesellschaft im Abgleich der Risiken und Chancen akzeptieren oder tolerieren?). Insofern sind jetzt keine Schnellschüsse gefragt, sondern nüchterne Abwägungen auf der Basis besten wissenschaftlichen Faktenwissens und ethischer Kriterien der Akzeptabilität.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ralph Martin, Patrick Spät, Dave Webb.

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