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Alice Weidel: „Ich habe selber Angst, was mit unserem Land passiert."

Ich möchte nicht alle AfD-Anhänger über einen Kamm scheren (…). Ich glaube nicht, dass alle AfD-Wähler Rassisten sein müssen. Manche fühlen sich abgehängt und im Stich gelassen. Die meisten von ihnen bekommen wohl mit, dass der Staat für Migranten und Integration viel Geld locker macht und fragen sich: „Und was ist mit mir?"

Was passiert, wenn ich als Deutscher mit Migrationshintergrund auf eine Spitzenkandidatin der AfD treffe? Diese Frage habe ich mir gestellt, bevor ich am Montag der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel in der ARD-Sendung „Hart aber Fair" begegnet bin. Die Antwort: Es entstand eine Unterhaltung, die ich so schnell nicht vergessen werde. Und zwar nicht vor, sondern hinter der Kamera.

Was vor der Kamera passierte, war nur ein kleiner Teil

Meine Eltern sind vor knapp 35 Jahren legal aus dem Iran nach Deutschland gekommen, um zu studieren. Ich bin in Düsseldorf geboren und aufgewachsen und wohne jetzt wegen meines Studiums in München.

Vergangene Woche habe ich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in der ARD-Wahlarena eine Frage gestellt – wurde deswegen dann zu „Hart aber fair" eingeladen.

Dort diskutierten dann Cem Özdemir (Die Grünen), Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung, Alice Weidel (AfD), Joachim Herrmann (CSU) und Moderator Frank Plasberg über Flüchtlingspolitik. Zusammen mit mir, einem 22-jährigen Studenten mit Migrationshintergrund.

Was vor der Kamera passierte, war jedoch nur ein kleiner Teil meiner Begegnung mit den eingeladenen Politikern. Schon hinter den Kulissen habe ich Alice Weidel kennen gelernt – und ein überraschend konstruktives Gespräch mit ihr geführt.

„Ich kann Sie verstehen, habe aber selbst Angst davor, was mit unserem Land passiert"

„Sie sind also der, der Angst vor der AfD hat?", fragte mich die AfD-Spitzenkandidatin, als sie sich neben mich in die Maske setzte.

Ich antwortete: “Ich habe keine Angst vor der AfD, sondern davor, was sie aus unserem Land machen möchte.”

„Wissen Sie", antwortete mir die 38-Jährige, „ich kann Sie verstehen. Aber ich habe selber Angst, was mit unserem Land passiert."

Der Satz von ihr klingt gut, kann aber alles heißen. Ich habe Angst vor einem Land voller Fremdenhass. Sie vielleicht vor einem Land, in dem zu viele Migranten leben. Trotzdem war es ein sachliches, konstruktives, ruhiges Gespräch. Mir kam der Gedanke, dass sie genauso gut eine ganz normale Mutter aus dem Nobelort Grünwald sein könnte.

Ich erzählte ihr, wie ich einmal an einer Münchner Bushaltestelle von einem Fremden gefragt wurde, welcher Terrorzelle ich denn angehöre. Ihre Antwort: „Das ist Wahnsinn."

Ich hatte den Eindruck, sie verstand, wie sehr mich der Vorfall bewegte – und zeigte sich selbst empört über die rassistische Anschuldigung. Alice Weidel grenzte sich mir gegenüber ganz klar von Rassismus ab.

In der Sendung dann nicht mehr.

Die AfD möchte in erster Linie provozieren

Als ich vor der Kamera die Frage stellte, was sie gegen Ausgrenzung von Migranten tun will, wich sie aus.

„Ich fürchte mich selbst vor einer Spaltung der Gesellschaft", antwortete mir die Politikerin und machte im Nachsatz eine “verkorkste Flüchtlingspolitik” dafür verantwortlich.

Das klang wie vorhin in der Maske. Aber anders als da hat sie sich nicht mehr klar gegen Rassismus positioniert. Entweder hat sie mit dem Satz schon vorher etwas anderes gemeint als ich oder sie hat sich in der Sendung dem Einfluss anderer AfD-Politiker gebeugt, die mit ihrer Rhetorik Hass und Rassismus in Deutschland schüren.

Wenn Björn Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal als ein „Denkmal der Schande" bezeichnet oder Alexander Gauland die Leistungen deutscher Soldaten in den beiden Weltkriegen lobt, ist das für mich nichts anderes als übertriebener Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus.

An solchen Aussagen kann man erkennen, dass die AfD in erster Linie provozieren möchte und die Flüchtlingskrise geschickt für ihre Zwecke nutzt. So bleibt die Partei im Gespräch.

Ich denke nicht, dass alle AfD-Wähler Rassisten sind

Ich möchte aber nicht alle AfD-Anhänger über einen Kamm scheren – so, wie sie das mit uns Migranten machen. Ich glaube nicht, dass alle AfD-Wähler Rassisten sein müssen.

Manche fühlen sich abgehängt und im Stich gelassen. Die meisten von ihnen bekommen wohl mit, dass der Staat für Migranten und Integration viel Geld locker macht und fragen sich: „Und was ist mit mir?" Einige Menschen haben Angst vor dem Unbekannten.

Die Medien schüren diese Angst.

Wenn ich eine Sendung wie „Hart aber fair" schaue, erfahre, ich dass der Anteil der Zuwanderer, die einen Mord begangen haben sollen, um 97 Prozent gestiegen ist. Das klingt nach sehr viel. Aber die absoluten Zahlen können trotzdem niedrig liegen.

Ich meine also: Die AfD trägt einen großen Teil dazu bei, dass Rassismus wieder an der Tagesordnung ist. Aber sie ist nicht alleine schuld. Genauso wenig, wie alle AfD-Mitglieder Monster sind.

Das Gespräch wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet.

Quelle: Huffpost

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Arndt, Boris Palmer, Gregor Gysi.

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