Fortschritt braucht den Schritt nach vorne, nicht zurück. Franz Müntefering

„Poesie ist das Rückgrat der arabischen Sprache“

Der syrisch-amerikanische Rapper Omar Offendum Chakaki hat mit dem Lied #Jan25 einen viralen Erfolg zur ägyptischen Revolution gelandet. Mit Cora Currier sprach er über die Verbindungen zwischen Hip-Hop und neuen Medien, Politik und seine Rolle als Brücke zwischen zwei Welten.

The European: Hip-Hop ist auf der ganzen Welt populär, auch im Nahen Osten. Woher kommt diese globale Faszination?
Offendum: Es gibt Tausende von Künstlern auf der Welt, die ihre jeweiligen musikalischen Traditionen und ihre Schwierigkeiten durch Hip-Hop ausdrücken. Das ist das Schöne an der Musikrichtung. Hip-Hop ist ein künstlerischer Rahmen, ein Chamäleon, die Musik kann sich anpassen an die Bedürfnisse einer bestimmten Gemeinschaft.

The European: Musik wurde schon immer verwendet, um sich explizit politisch zu äußern. Sehen Sie sich in dieser Tradition?
Offendum: Das Internet verändert alles. Künstler wie ich hätten vor fünfzehn Jahren niemals dieses Publikum gehabt, wir hätten nicht diese Art von Musik machen und mit unseren Fans sprechen können. Die Verbreitung von Hip-Hop lief parallel zur Verbreitung des Netzes – vor allem auch im arabischen Raum. Die Menschen waren lange vom Staatsfernsehen abhängig. Seit den 1990er Jahren gibt es das Satellitenfernsehen, jetzt gibt es das Internet. Diese Entwicklungen haben einen enormen Raum für Politik geschaffen. Die Regierungen waren zu verkalkt, um das mitzubekommen und haben die neuen Freiräume nicht besetzt. Das haben die Menschen gemacht, vor allem die Jugend, unter Anwendung neuer Technologien.

„Musik wirkt anders als Bilder im Fernsehen“

The European: Glauben Sie nicht, dass man die Wichtigkeit des Internets für die Entwicklung der Protestbewegungen leicht überschätzt?
Offendum: Man darf natürlich nicht den Erfolg der Revolution in Ägypten allein auf Facebook zurückführen. Das ist doch Quatsch, Millionen Menschen sind auf die Straße gegangen, ohne dabei Zugang zu Telefonen oder dem Internet zu haben. Am Ende des Tages lebte die Revolution von der Mundpropaganda zwischen den Menschen und von ihrer Bereitschaft, auf die Straße zu gehen und für reale Veränderungen zu demonstrieren. Doch die Technologie hat diesen Prozess vereinfacht und nach Jahrzehnten der Zensur einen virtuellen Raum für die Meinungsfreiheit geschaffen. Es gibt in Ägypten eine ausgeprägte Blogger-Kultur, das darf man auch nicht vergessen.

The European: Warum gerade Hip-Hop? Knüpfen Sie bewusst an die politisierte Geschichte dieser Musik an – oder gibt es inhärente Gründe, warum Hip-Hop besonders für politische Aussagen geeignet ist?
Offendum: Sie können mehr Worte pro Minute in einem Rap-Song unterbringen als in einer Ballade; Sie haben mehr Raum für ihre Aussagen. Aber es gibt direkte, enge Verbindungen zwischen den politischen und den sozioökonomischen Ursprüngen des Hip-Hop in afroamerikanischen Vierteln in den 70er- und 80er-Jahren und den Bestrebungen von jungen Künstlern weltweit, sich durch dieses kulturelle Werkzeug auszudrücken. Im Nahen Osten ist die Poesie das Rückgrat der Sprache. Die Menschen haben einen natürlichen Respekt für das gesprochene Wort und für poetische Sprachrhythmen. Historisch gesehen haben Dichter oftmals die sozialen Bewegungen enorm beeinflusst. Und die arabische Welt hat eine sehr musische Kultur: Egal, wo sie hingehen, sie hören immer und überall Musik, rhythmische, schlagzeugartige Musik. Wenn man das alles zusammennimmt, hat man Hip-Hop. Sogar der amerikanische Rap definiert sich ja immer noch über seine afrikanischen Wurzeln – die orale Tradition, das Rhythmusgefühl. Diese Wurzeln sind natürlich sehr präsent im Nahen Osten.

The European: Sie leben in den USA. Wie ist es, als Diaspora-Künstler Musik zu machen über einen Konflikt, an dem man selbst nicht teilnimmt?
Offendum: Wenn ich Musik zu einem bestimmten Anlass mache, wie jetzt zur Revolution in Ägypten, dann sage ich immer, dass ich solidarisch handele. Mir ist in Interviews gesagt worden, ich hätte den „Song der Revolution“ gemacht. Da sage ich immer schnell, dass das nicht stimmt. Der wirkliche Soundtrack der Revolution kommt von den Menschen vor Ort. Dieser Unterschied ist mir wichtig. Ich sitze hier in den USA hinter meinem Schreibtisch, in meinem Haus, während diese Menschen buchstäblich für die Freiheiten sterben, die ich momentan genießen darf. Ich weiß aber auch, dass ein Großteil meiner Hörer in den USA sich nicht besonders verbunden fühlt mit den Entwicklungen im Nahen Osten. Durch meine Musik, durch die künstlerische Sprache, wird diese Situation auf einmal sehr viel realer für sie. Das ist anders, als nur auf Bilder im Fernsehen zu starren.

„Ich will eine Brücke zwischen den Kulturen schaffen“

The European: Welchen Effekt soll Ihre Musik haben, in den USA und im arabischen Raum?
Offendum: Ich arbeite zweisprachig, ich will eine Brücke zwischen den zwei Kulturen schaffen. Ein Projekt ist, Poesie zu übersetzen. Ich nehme Gedichte aus dem Nahen Osten und übersetze sie ins Englische, und ich suche mir Werke von afroamerikanischen Künstlern wie Langston Hughes und übersetze sie ins Arabische. Und es ist mir wichtig, auch vor einem amerikanischen Publikum auf Arabisch zu singen. Ich glaube, das kann die Sprache ein wenig entmystifizieren. Die meisten Menschen in den USA hören Arabisch nur, wenn im Fernsehen ein wütender Mann mit Gewehr herumzetert. Nach dem 11. September hatte Musik aus arabisch-amerikanischen Gemeinden oftmals einen entschuldigenden, defensiven Unterton. Sie wollte ausdrücken: „Wir sind ganz anders, als ihr denkt.“ Im Laufe der Jahre ist mir bewusst geworden, dass es viel wichtiger ist, zu sagen, wer man denn eigentlich ist. Und wenn ich Langston Hughes nehme und die übersetzten Gedichte einem Publikum im Nahen Osten vortrage, dann sind das Menschen, oftmals junge Künstler, die vielleicht sonst niemals diese Verbindung zu den historischen Ursprüngen von Hip-Hop und zu den aktuellen Protestbewegungen gezogen hätten. Doch diese Verbindungen sind wichtig; sie sind die Meilensteine, die den heutigen Hip-Hop erklärbar machen.

The European: In welcher Sprache ist es einfacher für Sie, sich auszudrücken?
Offendum: Ich bin in einer englischsprachigen Umgebung aufgewachsen und würde lügen, wenn ich nicht zugebe, dass das einfacher ist. Rapper im Nahen Osten hören mich in Arabisch und sagen mir, dass sie Hip-Hop noch nie so gehört haben. Ich habe den amerikanischen Takt in mir drin, auch wenn ich korrekt Arabisch spreche. Ich kann diese amerikanische Seite auch nicht ablegen. Aber ich habe auch das genaue Gegenteil gehört: Meine Gestik, meine Körpersprache seien sehr afrikanisch geprägt. „Kein normaler Rapper macht das so“, sagen mir manche Amerikaner. Das ist das Ergebnis dieser doppelten Zugehörigkeit, ich bin in beiden Kulturen zu Hause. Ich bin die personifizierte Reflexion dieser Kulturen mit ihren eigenen Traditionen. Das ist letztendlich die Essenz von Hip-Hop: ehrliche Selbstreflexion.

Omar Offendums aktuelle CD „SyrianamericanA“ ist 2010 erschienen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Thomas de Maizière: „Der Einsatz in Afghanistan endet 2014“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Musik, Aegypten, Hip-hop

Kolumne

Medium_c3180e2262
von Alexander Wallasch
17.06.2013

Kolumne

Medium_ee80644634
von Jennifer Nathalie Pyka
07.09.2012

Gespräch

Medium_ee3e62631c
meistgelesen / meistkommentiert