Es ist gar nicht wahr, dass die Jugend vor allem an Konsum und an Genuss denkt. Joseph Ratzinger

Tuntentrupps, keep partying!

Alle Jahre wieder: Derzeit wälzen sich erneut Horden Homosexueller zu fetten Beats in knappen Kostümchen durch viele EU-Metropolen – eigentlich, um an den Schwulenaufstand in der New Yorker Christopher Street gegen Polizei-Willkür zu erinnern.

Dieser legendäre Tag im Juni ’69 endete blutig. Umso unverständlicher mutet es nun manchem an, dass einem solchen Anlass heute mit volksfestartigen Auswüchsen gedacht wird. Selbst einige Schwule bleiben dem munteren Party-Protest inzwischen ausgerechnet aus Protest fern. Sie finden nämlich, dass der Ursprung der Idee über die große Sause mittlerweile in Vergessenheit geraten ist. Ich meine: Mag sein, aber kann es bessere Zeichen dafür geben, was wir alles erreicht haben, als unsere bunten Tuntentrupps?

Feiernde Homo-Party-Sanen

„Nichts ist so mächtig wie die Sehnsucht“, hat mal irgendein Dichter geschrieben. Wenn das stimmt, dann zeigen wir feiernden Homo-Party-Sanen der restlichen Welt doch nur (egal ob bewusst oder unbewusst), was hier längst erreicht wurde und anderswo an Freiheit noch erkämpfenswert ist. Und je ausgelassener ein CSD im zivilisierten Europa gefeiert wird, desto schmerzlicher fallen uns doch Ereignisse wie jüngst in Kroatien auf, wo sich rund dreihundert friedliche Demonstranten von etwa zehntausend vermeintlich braven Bürgern bedrohen, beschimpfen, mit Flaschen bewerfen und von der Polizei beschützen lassen mussten, was laut Veranstalter allerdings nur sehr halbherzig erfolgte. Übrigens: Selbst dieses Ereignis müsste kurioserweise fast schon als Fortschritt im Kampf um mehr Freiheit gewertet werden. In Moskau wäre eine solche Demonstration gar nicht erst zugelassen worden oder es hätte die Polizei mit der wilden Meute gemeinsame Sache gemacht und auf die Demonstranten eingeknüppelt.

Der beste Zivilisationsindikator

Also, liebe Party-Protestierer: Ihr seid der beste Zivilisationsindikator, den ich mir wünschen kann. Weiterfeiern, denn es gibt noch viel zu tun! Je bunter, desto besser. Damit die Welt auch ja hinschaut.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Tobias Sauer, Nils Pickert, Anna Polonyi.

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