Selbst sehr mächtige Länder können fremde Gesellschaften nicht in den Griff bekommen. Stephen Walt

Nerd-Sprech

Die Piraten stehen im Ruf, im Gegensatz zu den etablierten Politikern, viel näher an den Menschen dran zu sein. Das liegt auch an ihrer Sprache. Sagen wir: rtfg!

Geil, Shit, Kackscheiß, Tittenbonus, sich einen von der Palme wedeln – all dies sind Worte von Piratenpolitikern. Die junge Partei pöbelt gerne. Provoziert mit Vokabular, das unter die Gürtellinie zielt. So ist sie halt, die Sprache der Piraten, mögen viele denken. Laut, aggressiv, ein bisschen pubertär vielleicht, in jedem Fall unsachlich. Gänzlich anders als das, was wir von den etablierten Parteien kennen. Ein Pauschalurteil, das zu kurz greift.

Die Sprache der Piraten ist in mancherlei Hinsicht keineswegs anders als jene der etablierten Parteien. So beispielsweise auf „Liquid Feedback“, einer Art Online-Antragsfabrik für das Parteiprogramm der Piraten. Josef Klein, Professor für Politolinguistik an der Freien Universität Berlin: „Sobald sich die Piraten in einem institutionellen politischen Kommunikationsraum bewegen, fallen sie gar nicht so sehr aus dem Rahmen.“ Wie sie intern und extern mit Sachthemen umgingen, unterscheide sich sprachlich kaum von anderen Parteien. Er sieht gar „eine beachtliche politische Diskussionskultur, die mit relativ viel Sachkenntnis geführt wird“. Manches, das auf Liquid Feedback diskutiert wird, hätte „nicht nur sprachlich, sondern darüber hinaus sogar inhaltlich eine Antragsdiskussion sein können, wie sie in fast jeder anderen Partei auch stattfindet. Nur dass sich die anderen Parteien in einem Vereinsheim treffen und nicht wie die Piraten im Internet.“

Erstaunlich nah an der Sprache der etablierten Parteien

Klein konstatiert auch bei parlamentarischen Reden, dass die Piraten nicht so weit weg von den anderen Parteien sind wie häufig angenommen. Er sieht schlicht und ergreifend „typische Oppositions-Lyrik“ gegen den, der regiert. Ein bisschen Häme, und natürlich auch teilweise lockeres Vokabular. „Deftige Umgangssprache ist in der Politik aber ganz normal in einer konfrontativen Situation, sofern sich ein Politiker nicht als besonders staatsmännisch präsentieren will.“ Selbst Helmut Schmidt habe Worte wie „Scheiße“ im Bundestag verwendet. Oder erinnern wir uns an Joschka Fischers legendäre Worte: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ Das war 1984, ein Jahr, in dem viele Piratenpolitiker noch gar nicht geboren waren.

Die Piraten bewegen sich noch in einem weiteren Punkt erstaunlich nah an der Sprache der etablierten Parteien. Sie sind ähnlich verständlich – oder wenn man so will – ähnlich unverständlich. Das haben Untersuchungen an der Universität Hohenheim bei Stuttgart ergeben. Jan Kercher ist Kommunikationswissenschaftler dort und hat zum Thema „Verstehen und Verständlichkeit von Politikersprache“ promoviert. Kercher hat die ersten 15 Plenardebatten aus dem Berliner Abgeordnetenhaus analysiert, seit die Piraten dort im September 2011 eingezogen sind. Sein Zwischenfazit: Es deute sich an, dass die Sprache der Piraten im Durchschnitt keineswegs so verständlich sei, wie häufig angenommen würde. Dafür spricht der sogenannte Verständlichkeitsindex, den Kercher erhoben hat. Auf einer Skala von 0 (sehr unverständlich) bis 10 (sehr verständlich) erreichen die Berliner Piraten im Schnitt zwischen 5,6 und 9,1 Punkten – ganz ähnlich wie die anderen Parteien im Abgeordnetenhaus. Sie erreichen Werte zwischen 5,9 und 9,2. Untersucht hat Kercher bewusst nur rein formale Merkmale der Sprache – zum Beispiel Länge der Satzteile, Fremdwortanteil oder wie oft abstrakte Substantive auftauchen. Der Inhalt ist nicht in die Analyse eingeflossen. Gleiches gilt für Mimik, Gestik oder Sprechgeschwindigkeit.

Dass die Sprache der Piraten dennoch als verständlicher wahrgenommen wird, liegt möglicherweise wiederum am gelegentlichen Pöbeln. „Da fallen dann gerne mal Worte wie ‚Dreckmist‘. Das fällt auf und wird zitiert.“ Und genau daraus zögen viele Bürger (und auch Journalisten) dann offensichtlich den Schluss: „Da redet ja jemand wie ich, das verstehe ich, dann muss der Rest auch verständlich sein.“ Objektiv betrachtet fallen die Unterschiede zu den anderen Parteien aber erstaunlich marginal aus. Und das nicht nur bei Parlamentsreden, sondern auch im schriftlichen Bereich. Ein Beispiel: Bei den Wahl- und Grundsatzprogrammen der deutschen Parteien liegen die Piraten nach den Analysen von Kercher bei der Verständlichkeit ebenfalls nur im Mittelfeld. Bei den Wahlprogrammen zur Bundestagswahl 2009 lagen die Piraten sogar auf dem letzten Platz.

Read the Fucking Grundgesetz

Ist die Sprache der Piraten also gar nicht anders als das, was uns die etablierten Parteien seit Jahren vorsetzen? Doch. Sie ist anders. Aber anders anders. Der Unterschied liegt im Computer- und Internethintergrund der Partei. Der Berliner Pirat Martin Delius beispielsweise sagt, dass er Anglizismen aus der Internetkultur als bewusstes Stilmittel einsetzt. Unter anderem, wenn er mit anderen Parteien auf Podien streite. „Ich benutze zum Beispiel ‚rtfg‘, wie wir sagen: ‚Read the Fucking Grundgesetz‘. Damit provoziere ich, grenze mich ab.“ Netzanglizismen finden sich auch im institutionellen Sprachgebrauch der Piraten: Ortsvereine und Arbeitsgruppen heißen „Squads“ oder „Crews“. Begriffe, die aus Online-Rollenspielen stammen. Der Politik-Sprachforscher Josef Klein vermutet: Englische Begriffe „sind wahrscheinlich Teil einer Art ‚Nerd-Sprache‘“. Schädlich sei das nicht. Die Piraten könnten sich Anglizismen leisten bei ihrem Publikum.

Zudem schlägt der Netzhintergrund noch an der womöglich wichtigsten Stelle durch: Die Netzcommunity weiß, dass Verschleierungen und Unwissen schnell entlarvt werden können. Denn im Netz gibt es immer jemanden, der sich im Zweifel besser auskennt. Das führt dazu, dass die Piraten Lücken offener zugeben. Ihre Sprache setzt weniger auf floskelhaftes Ausweichen – zumal die Piraten ja Transparenz ohnehin als eines ihrer Grundprinzipien verstehen.

Die Piraten mögen teilweise also etwas härter sprechen. Sie mögen ähnlich unverständlich sein wie die etablierten Parteien, wenn sie Programme schreiben oder Reden halten. Und sie bedienen sich selbst mancher rhetorischer Tricks, die wir von den etablierten Parteien kennen. Aber: Insgesamt reden sie weniger um den heißen Brei herum.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Andersen, Stefan Andersen, Patrick Spät.

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