Jetzt ist die Katze wohl endgültig aus dem Sack. Nach dem soeben erschienenen, ungewöhnlich ausführlichen Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde über das iranische Nuklearprogramm kann sich wohl kaum noch jemand in der Hoffnung wiegen, bei Teherans Projekten gehe es – wie von Irans Führung immer wieder beteuert – lediglich um die friedliche Nutzung der Kernenergie. Nein, wer – um nur ein Beispiel zu nennen – Studien und Experimente dazu durchführt, wie die Wurflast einer Rakete über einem Ziel gezündet werden kann, dem geht es eindeutig um die Atombombe.
Teherans Selbstüberschätzung
Doch ist dies wirklich so schlimm? Gibt es nicht seit Hiroshima und Nagasaki ein nukleares Tabu? Ist nicht auch der Kalte Krieg, atomarer Rüstungswettläufe zum Trotz, letztlich glimpflich ausgegangen?
Nur unerschütterliche Optimisten gehen davon aus, dass nukleare Abschreckung auch im Mittleren Osten dauerhaft funktionieren wird. Wahrscheinlicher ist, dass irgendwann eine Krise außer Kontrolle gerät und ein Kernwaffeneinsatz erfolgt.
Die größte Gefahr besteht in Fehlkalkulationen der Teheraner Führung. Sollte sich die Islamische Republik trotz jahrelangen Widerstands Amerikas und seiner Partner durchsetzen und den Bau der Bombe tatsächlich verwirklichen, droht einerseits Selbstüberschätzung. Andererseits könnten Chamenei, Ahmadinedschad und ihre Mitstreiter dem Missverständnis aufsitzen zu glauben, Amerika sei zu schwach, um sich iranischen Dominanzansprüchen in der Region zu widersetzen.
Ähnlichen Fehleinschätzung unterlag Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre auch der damalige Sowjetführer Chruschtschow. Die daraus resultierenden Berlin- und Kuba-Krisen konnten nur mit einigem Glück gemeistert und eine atomare Auseinandersetzung vermieden werden. Danach begannen die beiden Supermächte USA und Sowjetunion mit einem Prozess des “nuklearen Lernens”, heiße Drähte und rote Telefone wurden eingerichtet, Über die Kontrolle und später die Abrüstung der Kernwaffenarsenale wurden jahrelange Verhandlungen geführt. Beide Seiten lernten durch die Gespräche allmählich, wie die jeweils andere Strategien und Doktrinen entwickelte. Das gegenseitige Verständnis wuchs.
Im Mittleren Osten ist eine solche Entwicklung unwahrscheinlich. Die fundamentale Voraussetzung “nuklearen Lernens” ist die gegenseitige Akzeptanz und die Anerkennung von legitimen Interessen. Davon ist Iran mit seiner aggressiven anti-israelischen Rhetorik meilenweit entfernt. Hinzu kommt die Geografie. Das kleine Israel wäre in einer Krise gezwungen, Iran seine Kernwaffen aus der Hand zu schlagen. Denn nur eine oder zwei Atomdetonationen würden den kleinen Staat Israel wohl unwiederbringlich verwüsten. Daher wiederum sähen sich die Entscheidungsträger in Teheran genötigt, ihre wenigen Atomwaffen einzusetzen, bevor Israel sie zerstörte. Krisenstabilität sieht anders aus.
Sanktionen haben ihr Ziel verfehlt
Was also ist zu tun? Eigentlich war die internationale Koalitionsbildung gegen das iranische Atomprogramm recht erfolgreich. Doch die im Sicherheitsrat beschlossenen Sanktionen haben bislang ihr Ziel verfehlt. Noch scheint es ein Zeitfenster zu geben, um die Sanktionsschraube noch einmal anzuziehen, etwa indem man die Aktivitäten der iranischen Banken einschränkt. Sollte dies auch nicht zum Erfolg führen, steht die Welt wohl bald vor einem klassischen Dilemma: Entweder das Risiko eines militärischen Vorgehens gegen Irans Atomanlagen einzugehen, oder auf das Vabanquespiel nuklearer Abschreckung zwischen Iran und seinen Nachbarn zu setzen.





















