Eigentlich wollte ich heute ein Resümee über die Hinrunde zum Besten geben. Da hätten dann Sätze dringestanden wie: “Louis van Gaal und Felix Magath wurden nach der Halbserie für ein Remake des Films ‘Große Erwartungen’ gecastet.” Ich kann das aber nicht machen, weil mich das Europa-League-Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Sevilla in der vergangenen Woche immer noch beschäftigt, sogar wahnsinnig macht. Die Art und Weise, wie die Spanier beinahe die gesamte zweite Halbzeit auf Zeit gespielt haben, war beispiellos.
Noch nie habe ich es gesehen, dass Balljungs über so einen langen Zeitraum ihren Job nicht machen. Waren die überhaupt noch am Spielfeldrand? Sevillas Torhüter Palop ließ keine Situation ungenutzt, um weiter die Uhr runterlaufen zu lassen, ohne dass irgendetwas auf dem Rasen passierte. Er ließ sich bei Abstößen sogar so viel Zeit, dass ich mir gründlich die Augen reiben musste, um mich zu vergewissern, dass es sich nicht um eine Zeitlupe handelte, die ich da auf dem Bildschirm zu sehen bekam. Immerhin bekam er dafür irgendwann die Gelbe Karte. In einer anderen Situation rückte er den Ball einfach nicht raus, obwohl das Spiel längst unterbrochen war und in der Hälfte der Dortmunder hätte fortgesetzt werden sollen. Er wehrte mehrere Versuche Dortmunder Spieler und sogar des fünften Schiris an der Grundlinie erfolgreich ab, ihm den Ball wegzunehmen. Er tat einfach so, als hätte er die Unterbrechung nicht mitbekommen. Wieder ein paar Sekunden gespart.
Peinliche Vorstellung
Wichtiger als das Verstreichen der Sekunden ist bei dieser Taktik die Unterbrechung des Rhythmus der gegnerischen Mannschaft. Gerade in diesen spielentscheidenden Schlussphasen einer Partie kann man die Angriffsbemühungen des Kontrahenten mit vielen langen Spielunterbrechungen empfindlich stören. Je häufiger der Ball ruht, umso zerfahrener und unorganisierter läuft das Spiel. Die Spieler werden nervös, machen dann selbst häufiger Fehler und versuchen schließlich nur noch, mit langen hohen Bällen zum Erfolg zu kommen. So war das auch am Mittwochabend in Sevilla.
Zu Recht ärgerte sich Jürgen Klopp nach dem Spiel: “Irgendein Trottel wird morgen dann schreiben, dass es meiner Mannschaft noch an internationaler Erfahrung fehlt. Wenn so ein Verhalten als internationale Erfahrung bezeichnet wird, will ich nicht, dass meine Jungs so etwas jemals lernen.” Der Dortmunder Trainer nannte die Vorstellung Sevillas “peinlich”. Das erwartete Rauschen im Blätterwald blieb aus, überall nur Bedauern über das Ausscheiden des Herbstmeisters. Was mir allerdings fehlt, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit solchen Unsportlichkeiten.
Bei dieser Diskussion darf es nicht nur über uns Fußballliebhaber gehen, die es über alle Maßen ankotzt, wenn perfekt austrainierte Sportler in entscheidenden Situationen einfach umfallen, als hätte sie der Blitz getroffen, und Wadenkrämpfe vortäuschen. Für diese Schauspieleinlagen kriegen sie von ihren Mannschaftskollegen, ihrem Trainer, Vereinsfunktionären und Fans auf die Schulter geklopft: “Das hast du clever gemacht”, sagen die dann. Von mir gäb‘s höchstens die Goldene Himbeere.
Eine Schande
Die Diskussion muss sehr viel weiter führen, denn in solchen Spielen geht es um Millionen von Euro. In der freien Wirtschaft werden drastische Strafen für unlauteres Verhalten verhängt. Ich will damit nicht sagen – auch wenn mir der Gedanke gefällt –, dass Andres Palop verhaftet und hinter schwedische Gardinen soll. Die Verbände müssen sich aber zusammensetzen und einen verbindlichen Strafenkatalog für Zeitspiel entwickeln. Denn solche Auswüchse wie in Sevilla haben nichts mehr mit Cleverness zu tun. Sie sind betrügerisch.
Wo bleibt da der Sportsgeist, wo das viel zitierte Fairplay? Stattdessen schwenkten die Fans aus Sevilla mit debilen Gesichtsausdrücken ihre Schals und feierten ihre Mannschaft. Ich will damit niemandem persönlich zu nahe treten, aber wie tief muss man eigentlich sinken, um sich über einen derart erzielten Sieg zu freuen? Das ist eine Schande, und jeder, der sich für Sevilla freute, sollte sich in Grund und Boden schämen.














Juve, Juve, hahahahahahaha!
Eine wahrhaft große Geste des Protests wäre es gewesen, wenn sich die Spieler des preußischen Bolzvereins von 1909 nach dem Spiel den redundanten Stern von der Brust gerissen hätten. Ist dieser doch die faule Auszeichnung aus einer Schlacht des Generals Hitzfeld gegen die südländische Schönspielerei, die sich erdreistete, ein komplettes Champions League Finale auf ein einziges Tor stattfinden zu lassen, das von Borussia Dortmund. Hierfür wurde die Schönspielerbande, die zu Elft von nur einem Torwart gestoppt wurde, mit einem 3:1 bitter bestraft.
Die (un)gepflegte Spielzerstörung durch ein Mannschaftskollektiv wurde hierzulande über Jahrzehnte als Durchsetzungsfähigkeit und ein Zeichen charakterlicher Reife gepriesen. Sie ist daneben auch integraler Bestandteil des Wunders von Bern, das geistiges Eigentum der Ruhrpottkicker ist. Es ist ein gutes Zeichen für den deutschen Fußball, der zwei Stammspieler von Real Madrid stellt, dass er sich von seiner eigenen Hässlichkeit emanzipiert hat, weniger schön ist es, dass man sich nicht mehr an son visage vor dem Lifting erinnert, v. a. auch in Dortmund.
Sie wollen “damit niemandem persönlich zu nahe treten, aber wie tief muss man eigentlich sinken, um sich über einen derart erzielten Sieg zu freuen?” Na, etwa so tief wie Dortmund beim CL-Sieg?