Berlin hat ein Verwahrlosungsproblem. Hans-Olaf Henkel

Uneitle Präzision

Eines der berühmtesten sogenannten ewigen Talente im deutschen Fußball ist Mehmet Scholl. Und das Kuriose daran: Alle lieben ihn. Das ist heute nicht anders als noch zu seiner Zeit als aktiver Spieler. Keinem anderen Ex-Bayern fliegen die Sympathien so zu wie Scholli. In seiner neuen Rolle als Netzer-Nachfolger bei der ARD setzt er seine Erfolgsgeschichte als Liebling der Fußballnation fort.

Nach dem Länderspiel unter der Woche wurde viel über die junge deutsche Mannschaft berichtet, über den Luxus des Bundestrainers, so viele Talente zur Verfügung zu haben. Löw erklärte, wie wichtig es für die Entwicklung dieser jungen Spieler ist, dass sie in ihren Vereinen zum Einsatz kommen. Nur so könnten sie ihre Fähigkeiten optimal ausbauen und das schlimme Schicksal des ewigen Talents vermeiden.

An Mehmet Scholls Stelle wäre ich wohl mit Tränen in den Augen aus dem Studio gerannt, denn Scholl hat trotz seiner frühen Karriere bei Bayern München nie die Chance bekommen, sich in die Nationalmannschaft zu spielen. Das lag nicht nur an den vielen Verletzungen, die er Ende der 90er-Jahre auszukurieren hatte. Das lag vor allem am Bundestrainer Berti Vogts, der dem Dribbelkünstler in Diensten des FC Bayerns kein Vertrauen entgegenbrachte.

Intime Kenntnisse des Fußballerdaseins

Doch Scholl hat seinen Frieden mit seiner Fußballerlaufbahn gemacht. Und daher analysiert er die Länderspiele mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen im deutschen Fernsehen sucht. Er kommentiert ohne Krawatte, ohne staatstragende Gesten, aber mit einer beeindruckenden Präzision – unbeschwert wie sein Spiel als Profi. Scholl ist wie kein anderer im TV-Biz ausgestattet mit intimen Kenntnissen des Fußballerdaseins. Die entscheidenden Situationen erklärt er mit einem ausgeprägten Auge für Details und einer Sprache, die sich jenseits des altbackenen Kommentatorenvokabulars befindet.

Einst galt er wegen seines losen Mundwerks als Enfant terrible, da er sich mit Sprüchen wie “Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt” nicht nur bei Joschka Fischer & Co. unbeliebt machte. Daher muss man der ARD Mut bescheinigen, sich mit Scholl so einen unkonventionellen Exprofi als Experten eingekauft zu haben.

Scholl ist der Antipode zu Günther Netzer. Der Weltmeister von 1974 urteilte mit dem Charme, der Eloquenz und vor allem mit dem Abstand eines Altmeisters über das fußballerische Können der Nationalspieler. Diesen Abstand hat Scholl nicht. Er wirkt in seinen Analysen so konkret, als ob er gerade selbst vom Spielfeld angetrabt käme. Ob es nun darum geht, dass Messi seine Gegenspieler beim Torabschluss immer wieder tunnelt, um den Torhütern zusätzlich die Sicht zu versperren, oder um Lewis Holtby, der sich nach einer vergebenen Chance pathetisch bekreuzigt.

Das Gesamtpaket Scholl kann aber noch mehr. Die ehemalige Nummer sieben ist für einen Exprofi unfassbar uneitel. Auf die Frage, ob Ribéry oder Robben besser seien, als er es je war, erklärte er gegenüber Bild: “Beide! Und wie!” Scholl tut der deutschen Fußball-Medienlandschaft gut. Viele Altprofis, die nach ihrer Karriere zum Fernsehen gehen, nehmen sich zu wichtig, verfallen immer wieder ins Anekdotische, weil sie nicht loslassen können. Scholls jahrelanger Wegbegleiter beim KSC und bei den Bayern Oliver Kahn ist so ein Beispiel.

Scholls Gemächt im Kino

Der Regisseur Christian Zübert hatte Scholls Einzigartigkeit als Person schon früh erkannt. Daher kommt er auch im Drehbuch zu dem Film “Lammbock” vor. Die Protagonisten Kai (Moritz Bleibtreu) und Stefan (Lucas Gregorowicz) sinnieren darüber, dass Mehmet der einzige Mann sei, dem sie je einen Blowjob geben würden. In dem Dialog kommt nicht heraus, warum es ausgerechnet Scholls Gemächt ist, dem sie orales Vergnügen bereiten würden.

Aber eins ist sicher: Wäre es so weit gekommen, hätte es nie den Weg in die Medien gefunden. Scholl hatte sein Privatleben nach der EM 1996 in England abgeschottet, entzog sich bis zu seinem Karriereende den Medien, so gut es ging. Das zeigt, dass Scholl mit seinem Engagement bei der ARD seiner eigenen Vergänglichkeit kein Schnippchen schlagen will. Er will einfach nur über Fußball reden, denn damit kennt er sich besser aus als die meisten.

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