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Verspätete Bosmann-Panik

Wo sind die deutschen Knipser geblieben? Bundestrainer Jogi Löw sieht auf den deutschen Fußball ein Stürmerproblem zukommen, das er sich nicht erklären kann. Die Antworten sind denkbar einfach. Die Lösungen sind gerade Anfang zwanzig und mischen die Liga auf.

Im deutschen Fußball gibt es zwei Problemzonen, wenn man DFB-Trainer Jogi Löw glauben darf: linker Verteidiger und Stürmer. Über den Mangel an talentierten Spielern auf der Defensivposition in der Viererkette ist in den vergangenen Jahren viel gesprochen worden. Dass es angeblich ein Sturmproblem gibt, ist eine neue Erkenntnis des Bundestrainers. Sie hätte nicht besser getimt sein können als in dieser Woche, in der der Bomber der Nation, Gerd Müller, seinen 65. Geburtstag feierte.

Zynisch wird’s in dem Augenblick, in dem Löw erklärt, dass er für dieses Phänomen keine Erklärung hat – so geschehen im Gespräch mit dem kicker am vergangenen Donnerstag. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass es dafür keine hinreichende Begründung gibt. Die Erkenntnis des Bundestrainers ist ganz einfach falsch.

Die Erklärung ist simpel

Widmen wir uns kurz den Fakten: Derzeit befindet sich unter den Top Ten der Torschützen lediglich ein Spieler mit deutschem Pass, nämlich Mario Gomez mit fünf Treffern. An erster Stelle befindet sich der Grieche Gekas in Diensten von Eintracht Frankfurt (Topquote: elf Spiele, elf Tore). Ihm folgt der Senegalese Cissé (neun Treffer), auf dem dritten Platz steht der Bosnier Edin Dzeko mit sieben Toren. Auf den Plätzen dahinter folgen Demba Ba (Senegal), Grafite (Brasilien), Hugo Almeida (Portugal), Jan Klaas Huntelaar (Niederlande) und Srdjan Lakic (Kroatien) mit jeweils sechs Treffern, ehe mit Gomez der erste deutsche Torjäger in der Liste auftaucht.

Nach dem zehnten Spieltag gab es in dieser Liste keinen einzigen deutschen Spieler. Wie der kicker herausfand, zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesliga. Kein Wunder, dass die Redaktion in Nürnberg auf die Suche nach den Knipsern mit Adler auf der Brust ging. Die Erklärung für dieses Phänomen erfordert aber keine analytische Meisterleistung, sie ist eher simpel. Drei deutsche Torgaranten sind in dieser Saison verletzungsbedingt kaum zum Einsatz gekommen: Stefan Kießling, Patrick Helmes und Miroslav Klose. Mit Kevin Kuranyi hat ein vierter Torjäger die Bundesliga in Richtung Moskau verlassen. Alles Kandidaten, die sich in Normalform locker unter die ersten zehn Torschützen geballert hätten. Schon sähe die Liste anders aus, und keiner würde merkwürdige Schlussfolgerungen ziehen.

Dennoch ist es nachvollziehbar, wie die Kollegen des kickers auf die falsche Fährte gelangt sind. Schaut man sich nämlich die Namen der Torschützenkönige der letzten zehn Jahre an, fällt auf, dass in den Jahren 2001 bis 2010 nur zwei Deutsche die Torjägerkanone in Empfang nehmen durften: Martin Max (2002) und Miro Klose (2006). Wer sich aber ein wenig mehr Mühe mit diesen Fakten macht, kommt schnell von selbst darauf, woran das liegt.

Im Jahr 1995 hob der Europäische Gerichtshof im sogenannten Bosmann-Urteil die restriktiven Regelungen für ausländische Fußballprofis auf. Seither durften deutlich mehr Ausländer eingesetzt werden, seit 2006 dürfen Bundesligisten beliebig viele Ausländer aufs Feld schicken. Die Wende in der Hall of Fame der Torjäger kam vor genau zehn Jahren, zu jener Zeit also, als die Liga anfing, ihre neuen Freiheiten nach jenem Urteil aus Luxemburg sinnvoll einzusetzen.

Keine Panik

Der deutsche Fußball befand sich in dieser Zeit in seiner schwersten Krise. Die Nachwuchsprogramme der Vereine und des DFB waren antiquiert. Also wurden immer mehr Ausländer eingekauft, um in der nationalen wie internationalen Konkurrenz weiterhin bestehen zu können. Dieser Run auf die Bundesliga machte sich folgerichtig auch in der Torschützenliste bemerkbar.

Tatsache ist, dass sich der deutsche Fußball auf einem guten Weg befindet, die Ausbildungsmethoden haben sich stark verbessert, die jungen Talente wie Lewis Holtby, Ilkay Gündogan oder Mario Götze mischen die Liga jetzt schon ordentlich auf. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich diese Spieler auch in den Top Ten der erfolgreichsten Torschützen festgesetzt haben. Kein Grund zur Panik also, auch wenn es ein Stürmer wie unser "kleines dickes Müller“ mit 40 Toren in einer Saison wohl nie wieder geben wird.

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