Seien wir mal ehrlich: Nach der WM-Euphorie, dem tollen Bundesligastart mit krassen Überraschungen, interessanten Entwicklungen und der Nominierung von fünf deutschen Profis zur Wahl des Weltfußballers des Jahres kann man schon in einen Fußballrausch verfallen – auch als Sportjournalist einer renommierten Tageszeitung. Dass aber die Herren Boris Herrmann, Christopf Kneer und Philipp Selldorf jetzt aber mit Schnappatmung reagieren und die ganze Aufmacherseite des Sportteils mit zehn angeblichen Belegen für die Überlegenheit der Bundesliga vollschreiben, ist mindestens so überraschend wie die Tabellenführung von Mainz 05.
Aber zu den Argumenten: Als Erstes wird die Fünf-Jahres-Wertung der UEFA genannt. Richtig ist, dass Deutschland in der nächsten Saison an Italien vorbeizieht. Das wäre dann der dritte Platz hinter Spanien und England. O.k., Mathe gehört nicht zwingend zu den Hardskills eines Sportjournalisten, aber bei einem olympischen Wettbewerb hat auch nicht der gewonnen, der auf der niedrigsten Stufe des Siegertreppchens steht. Der ist nur Drittbester, bekommt Bronze. Da gibt es noch zwei, die besser sind.
Das zweite Argument ist nicht nur falsch, sondern auch moralisch fragwürdig. Die Autoren behaupten allen Ernstes, dass “Professorensöhne” die besseren und reiferen Fußballer seien. Bei ihnen wären keine Skandale, Mittelfinger und heimlichen Nachtklubbesuche zu erwarten. Weit gefehlt, denn der “Professorensohn” an sich ist kein besserer Mensch, und außerdem sind die Jungs, die dort aufgezählt werden, gerade ein paar Monate in der Bundesliga aktiv. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Benders, Götzes, Schürrles und Holtbys Versuchungen widerstehen müssen. Ob sie Charakter haben, zeigt sich erst dann.
Ausgeglichenheit kann auch auf niedrigem Niveau stattfinden
Argument drei: das liebe Geld. Die Bundesliga hat die Wirtschaftskrise beachtlich gut weggesteckt. Die Vereine haben keine ernsthaften finanziellen Sorgen, ganz im Gegenteil zu anderen europäischen Klubs. Das liegt an der Beschaffenheit der Bundesliga, am Solidarprinzip etwa bei der Verteilung der TV-Einnahmen. Das führt aber auch dazu, dass in der Liga kein Verein – mal abgesehen vom FC Bayern – um internationale Topstars mitbieten kann. In der Folge spielt auch keiner dieser internationalen Stars in der Bundesliga, es sei denn, er reift in Deutschland zu solcher Qualität.
Das vierte Argument ist altbekannt und trägt mitnichten dazu bei, aus der Bundesliga die beste Liga der Welt zu machen. Die Autoren behaupten, dass in der deutschen Profiliga jeder jeden schlagen kann, dass der Wettbewerb ausgeglichener sei. Das stimmt, sagt aber gar nichts über die Qualität aus. Ausgeglichenheit kann auch auf niedrigem Niveau stattfinden.
Fünftens: Trainer machen Spieler. Wo ist das Argument? Das war schon immer so. Es ist richtig, dass uns eine neue Trainergeneration begegnet, Tuchel & Co. machen einen großartigen Job. Aber das ist in anderen Ländern längst so. Internationale Titel sammeln die Trainer aus England, Italien, Spanien, Portugal und Frankreich, ihre Namen lauten: Jose Mourinho, Sir Alex Ferguson, Fabio Capello, Carlo Ancelotti, Josep Guardiola, Rafael Benítez und Arsène Wenger. Erst wenn die jungen deutschen Trainer ähnliche Erfolge vorweisen können, darf ein Anspruch auf Weltspitze erhoben werden. Bis dahin tut uns allen ein wenig Demut gut.
Sechs: Ein neuer Spielertyp setzt sich in der Bundesliga durch. Gefragt seien nicht mehr beinharte Manndecker, sondern kleine technische und spielstarke Akteure. Na herzlichen Glückwunsch, in anderen Ländern haben wir diesen Typus längst, in Deutschland hinkte man dieser Entwicklung entsetzlich lange hinterher. Auch das ist kein Argument.
Nummer sieben: In Deutschland brauche man keinen Hauptstadtklub im Oberhaus. Die Qualität käme aus den Provinzen. Aha, und was hat das mit gutem Fußball zu tun? Welche Rolle spielt es, in welcher Stadt er gespielt wird? – Wieder kein Treffer.
Argument acht: In der Bundesliga werden immer bessere Transfers getätigt, weil sich die Vereine gut geschulte Talentscouts leisten. Auch hier gilt: Bravo, endlich hat man das auch hierzulande mal erkannt.
Realitätsferner Quatsch
Vorletztens: Multikulti tut der Qualität in der Liga gut. Das beißt sich mit der These der “Professorensöhne”, denn viele Jungprofis mit Migrationshintergrund kommen aus bildungsfernen Familien. Liebe SZ-Sportredaktion, was denn nun? Richtig ist, dass insbesondere durch den DFB mehr Kids mit Migrationshintergrund gefördert werden. Aber noch mal, für alle, die es immer noch nicht kapiert haben: Guter Fußball hat nichts mit Hautfarbe, Religion oder Muttersprache zu tun.
Und schließlich das letzte Argument: Fünf deutsche Spieler sind für die Wahl zum Weltfußballer des Jahres nominiert. Das ist tatsächlich außergewöhnlich, die Trophäe wird aber keiner von ihnen kriegen. Mein Tipp: Es wird Andrés Iniesta. Zurück zum Argument. Wenn die Bundesliga jedes Jahr fünf Spieler in diesem illustren Kreis unterbringen kann, wäre das tatsächlich ein Indikator für die Eingangsthese der Autoren. Aber ein gutes Jahr reicht nicht aus.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich der Sportjournalismus in München mit dem derzeitigen Tief der Bayern ziemlich schwertut, sonst hätte es so ein realitätsferner Quatsch wie dieser Artikel nicht zum Aufmacher im Sportteil geschafft.


















denen hastes gezeigt, alter! ich teile nicht vollständig deine meinung und vermisse auch ein klein wenig die dialektik in deinem artikel, aber grundsätzlich finde ich es auch albern, sich kritiklos der these des herrn magath anzuschließen, die der nur ins gespräch bringt, um seinen eigenen bockmist in ein besseres licht zustellen. beste liga der welt. jo! und übrigens auch beste wirtschafts-, steuer- und sozialpolitik! nationalistischer unfug und selbstbeweihräucherung, finde ich – auch ganz ohne argumentation.
und doch: was das letzte argument betrifft, hättest du sogar noch mehr auf die kacke hauen können: denn es sind nicht mal fünf deutsche, sondern nur in deutschland kickende spieler – aber gut, es geht auch um die qualität der liga. naja, herr -was ist eigentlich ein medienjournalist, ist das nicht doppelt gemoppelt? – scheiner.
beste grüße aus mainz!