Eine selbstbewusste Gesellschaft kann viele Narren ertragen. John Steinbeck

Löws Salamitaktik

Jogi Löw hätte in der K-Frage eine klare Entscheidung treffen müssen. Am Mittwoch hat er Ballack als Kapitän der Nationalmannschaft zwar bestätigt, aber mit dem Zusatz, dass dieser noch nicht wieder in der Verfassung sei, um nominiert zu werden. Der Vorhang im Theater um die Personalie Ballack ist noch nicht gefallen – mindestens ein Akt steht noch aus.

Seit jenen verhängnisvollen Worten von Philipp Lahm während der WM in Südafrika diskutiert sich Fußball-Deutschland die Lippen wund: Wer soll denn nun Kapitän der Fußballnationalmannschaft werden beziehungsweise bleiben? Ballack oder Lahm. Das Gezeter um die Besetzung des Kapitäns der Herrenauswahl nahm schnell absurde Züge an und wurde mit dem merkwürdig sakralen Begriff der K-Frage überschrieben – was eigentlich nichts Ungewöhnliches in diesem Sport ist, wenn man einmal bedenkt, wie oft uns schon der Fußballmessias erschienen ist.

Mit viel Fantasie kann man sogar eine biblische Geschichte in dem Fernduell zwischen dem kleinen Lahm und dem Hünen Ballack sehen: die von David und Goliath. Doch das führt zu weit, trifft den Kern des ganzen Malheurs nicht, denn ein Dritter hat über diese “K-Frage” zu entscheiden: Bundestrainer Joachim Löw, und der hat die Entscheidung inzwischen getroffen, am vergangenen Mittwoch. Oder: Löw hat für einen Moment die Luft aus der angespannten Situation gelassen.

Es sollte niemanden wundern, wenn sich Ballack verarscht vorkommt

“Ballack bleibt Kapitän.” So eindeutig diese Aussage ist, so sehr gibt die dazugehörige Fußnote Anlass zu Zweifeln an der Aufrichtigkeit dieser Entscheidung: “Wenn er fit ist.” Im Moment sehe der Teamchef seinen Capitano allerdings noch nicht in der Verfassung, dass dieser der Mannschaft helfen könne. Ballack bleibt also vorerst Kapitän im Trockendock. Und ob er je wieder das Team mit der Binde am Arm aufs Spielfeld führen wird, hängt von seiner Leistung ab, die er, Löw, zu beurteilen hat.

Lieber Herr Löw, was bitte soll der Quatsch? Ist diese Salamitaktik jetzt eine Gesichtswahrungsmaßnahme für Ballack, damit dieser sich seines Alphatierstatus gewiss sein kann und endlich Ruhe gibt? Soll Ballack denn weiterhin in dem Glauben gelassen werden, er sei das Herz der Nationalmannschaft? Wieso sind Sie nicht so ehrlich und verklickern dem in die Jahre gekommenen Kicker, dass seine Zeit vorbei ist, dass er eigentlich schon bei der EM in der Schweiz und Österreich für das schnelle Kombinationsspiel, das Ihnen, Herr Löw, vorschwebt, schlicht zu langsam war?

Es ist doch allen Beteiligten klar, dass Ballack eine wahre Leistungsexplosion vorweisen muss, um je wieder eine ernst zu nehmende Chance in der Nationalmannschaft zu bekommen. Mit knapp 34 Jahren ist ihm das kaum noch zuzutrauen. Es sollte niemanden wundern, wenn sich der Bayer-Profi verarscht vorkommt. Zu der Aussage des Bundestrainers hat sich Ballack bislang noch nicht geäußert – auch eine Art, seine Meinung kundzutun. Man kann eben nicht nicht kommunizieren.

Was wird in den nächsten Wochen und Monaten über die Nationalmannschaft hereinbrechen? Ein alternder Star, angeknockt, aber noch lange nicht bereit, kampflos das Feld zu räumen. Die Personalie Ballack wird Unruhe in die Mannschaft bringen. Woche für Woche werden die Journalisten den Spieler mit der Nummer 13 besonders kritisch beäugen und den Millionen von Bundestrainern auf den deutschen Couchs Zündstoff liefern. Die viel zitierte Harmonie im Team ist dahin, solange die Zukunft Ballacks nicht endgültig entschieden ist.

Ein hartes, aber ehrliches Goodbye wäre besser gewesen

Zusätzlich droht weiteres Störfeuer von dem ehrgeizigen Ballack-Berater Becker. Der erzählt jedem, wer alles schwul ist in der Nationalmannschaft, ob man das nun hören will oder nicht. Becker hatte angekündigt, dass ein ehemaliger Spieler der DFB-Auswahl die “Schwulencombo” demnächst auffliegen lassen wolle. Gerüchte über Homosexualität begleiten das Team von Löw schon seit einiger Zeit, konkrete Äußerungen oder Outings haben noch nicht stattgefunden. Das hochsensible Thema – egal, wie viel Wahres dran ist – stellt für die Mannschaft ebenfalls eine Belastung dar. Wer will schon seine sexuelle Identität in den Händen eines gekränkten Alt-Stars wissen?

Löw hat dem deutschen Fußball mit seiner Wischiwaschi-Entscheidung einen Bärendienst erwiesen, denn niemals hatte ein DFB-Trainer so viele talentierte Spieler zur Auswahl. Um aus dem Haufen eine Weltklassemannschaft zu formen, bräuchte Löw Ruhe und vor allem Respekt im Team. So einer wie Ballack, der vor Ehrgeiz immer wieder zu platzen droht, wird nichts unversucht lassen, diesen Respekt zu untergraben. Ein hartes, aber ehrliches Goodbye wäre besser gewesen. Löw hätte bei Chelsea London mal fragen sollen, wie so etwas geht.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Karl-Heinz R – 06.09.2010 - 09:04

    Aeh, mal sehen: Loew moechte, dass Ballack Kapitaen bleibt, gleichzeitig ist dieser aber noch nicht wieder fit genug, um aufzulaufen. Was also macht Loew? Er entscheidet die Kapitaensfrage und laesst Ballack draussen. Was das mit “Quatsch” oder “Salamitaktik” zu tun hat, weiss wohl nurr der Autor dieses einmal mehr voellig unnoetigen Beitrags…

  • Theeuropean-placeholder
    Oliver Scheiner – 06.09.2010 - 15:15

    Lieber Herr R.,

    ich verstehe Ihre Kritik nicht. Was an meinem Artikel ist irrelevant? Immerhin widmen sich “Spiegel” und “FAS” diesem Thema. Ich erkläre mich Ihnen gerne, wenn Sie etwas Substantielles in Ihrem Kommentar unterbringen – vielleicht ein Argument, dass meine Kritik am Bundestrainer entkräftet. Das wäre schon mal ein Anfang.

  • Theeuropean-placeholder
    Karl-Heinz R. – 06.09.2010 - 16:13

    Nun, die Tatsache, dass sich Spiegel und FAS einem Thema annehmen, sagt per se nichts ueber die Relevanz eines Themas aus. Dass Sie dies in Ihrer Antwort unterstellen, bestaetigt allerdings die These von einer gerade im Journalismus ganz ausgepraegten Kollegenorientierung. (Damit sind natuerlich in erster Linie Kollegen gemeint, die bei sog. Leitmedien arbeiten; Spiegel und FAS kann man wohl als solche gelten lassen.) Nun zu meinem “Argument”: Versetzen wir uns doch einmal in die Lage Loews, schauen uns sein Verhalten an und unterstellen ihm dabei zur Abwechslung einmal keine hintergruendigen Motive. Ballack soll Kapitaen bleiben, also macht Loew diese Entscheidung oeffentlich. Gleichzeitig ist er aber noch nicht wieder voll einsatzfaehig. Also laesst Loew in zuhause. Die Behauptung, dass Ballack waehrend der EM eine Belastung fuer das deutsche Spiel war, entbehrt doch jeder Grundlage. Und dass ein Ballack in der Form wie vor seiner Verletzung eine Verstaerkung fuer die Nationalelf ist, halte ich auch fuer einigermassen unstrittig. Das ist fuer die Journallie natuerlich nicht besonders interessant, weshalb der Fantasie freier Lauf gelassen wird. Das ist alles furchtbar durchschaubar und wird auch nicht besser dadurch, dass Spiegel und FAS mit von der Partie sind.

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