Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es. Erich Kästner

Ein europäisches Signal

Europa muss ein Zeichen setzen. Der Wahlausgang in Deutschland macht dies einmal mehr deutlich. Wie sehr vor diesem Hintergrund die Zusammenlegung der Bahnsparten von Siemens und Alstom als politisches Signal zu werten ist, steht dahin. Was wird sich durchsetzen: die Idee von der Stärkung Europas oder die Bedenken vor einem Ausverkauf diesseits und jenseits des Rheins?

Seit rund drei Jahren war die immer wieder im Gespräch, doch nie wurde so recht etwas daraus. Irgenwie sehr plötzlich steht sie nun fest: Die Fusion der Zug- und Bahntechniksparten von Siemens und Alstom. Der Zeitpunkt der Einigung, die eher überraschend kam, dürfte dabei alles andere als zufällig sein. Wieviel Politik darin steckt, möchte keine der beteiligten Seiten sagen. Eines ist jedoch klar: ein Signal für ein starkes Europa, das wirtschaftlich handlungsfähig ist, ist derzeit dringenf nötig wie schon lange nicht mehr.

Rein wirtschafltich gesehen reagieren die beiden europäischen Bahn-Schwergewichte auf die erstarkende Konkurrenz aus China. Bei Anlegern kam im übrigen Freude auf, die Kurse beider Technologiekonzerne stiegen im Anschluss kräftig. Insoweit ist das politische Kalkül, von dem füglich ausgegangen werden darf, durchaus aufgegangen. Doch der Deal birgt Risiken. Im Technologisektor befürchten sowohl Franzosen als auch Deutsche einen Ausverkauf der eigenen Industrie. Abseits der Politik stellt sich die Frage: Bleiben am Ende zwei Gewinner oder nur einer?

Nachdem die Aufsichtsräte der beiden Unternehmen einstimmig für eine Zusammenlegung ihrer jeweiligen Zug- und Bahntechniksparten votiert hatten, wählten sowohl Siemens-Chef Joe Kaeser als auch Alstom-CEO Henri Poupart-Lafarge Superlative und Lobeshymnen in Bezug auf den neuen Gemeinschafts-Konzern. „Dieser deutsch-französische Zusammenschluss unter Gleichen sendet in vielerlei Hinsicht ein starkes Signal“, sagte Kaeser und sprach von der Schaffung eines neuen europäischen Champions und nicht zuletzt davon „die europäische Idee in die Tat umzusetzen“. Poupart-Lafarge sieht in der Fusion einen „Schlüsselmoment“ und fügte an: „Ich bin besonders stolz darauf, die Schaffung eines solchen Konzerns zu leiten, der zweifellos die Zukunft der Mobilität prägen wird.“

Wird am Ende doch nur einer übrigbleiben?

Ob das tatsächlich so sein wird und vor allem ob davon Siemens und Alstom auf Dauer im gleichen Maße profitieren können, muss sich aber erst noch zeigen. Zunächst lohnt ein Blick auf die Fakten. Durch die angestrebte Fusion, die erst noch von den Kartellbehörden genehmigt werden muss, entsteht ein neues Konzernkonstrukt mit 62.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 15 Milliarden Euro im Jahr. Der Unternehmenssitz soll Paris werden, dort hatte Alstom auch bisher seine Unternehmenszentrale. Damit wird man auch in der französischen Hauptstadt börsennotiert sein. Berlin bekommt dafür den Zuschlag für die Sparte der Mobilitätslösungen, in der hauptsächlich Signaltechnik entwickelt und gefertigt wird. Es wäre auch mehr als verwunderlich, wenn diese Entscheindung anders ausgfallen wäre: Die Signaltechnik ist seit über 160 Jahren eine Siemens-Spezialität.

Für Analyst William Mackie von Kepler Cheuvreux sind das alles in allem Gründe für einen steigenden Aktienkurs. Er hob sein Kursziel von 125,00 auf 126,50 Euro an, stuft die Aktie aber weiterhin nur mit „Halten“ ein. Das neu entstehende Unternehmen dürfte global eine führende Stellung übernehmen und den Wert steigern, schrieb er in einer Studie. Ähnlich sieht das auch Independent Research-Analyst Sven Diermeier. Die Transaktion sei nicht überraschend. Mit der Fusion verkürze man den Rückstand zum chinesischen Weltmarktführer CRRC, der allerdings dennoch beträchtlich bleibe, so der Experte. Den Kurs der Siemens Aktie sieht er bei 128 Euro und rät ebenfalls dazu, das Papier zu halten.

Wirft man einen Blick auf den Siemens-Chart, ist der angestrebte Zusammenschluss für Aktionäre bisher wohl tatsächlich ein gern gesehener Kurstreiber. Im Zuge der neu-aufgeflammten Gerüchte und der nun erfolgten Bestätigung legte der Börsenkurs des Technologiekonzerns seit Anfang September sieben Prozent zu und steht nun bei 118,65 Euro pro Anteilsschein. Zum einen nämlich ist die Fusion ein wichtiger Schritt, um sich die chinesische Konkurrenz vom Leib zu halten. Der ebenfalls durch eine Fusion, und zwar von China North Rail und China South Rail, entstandene CRRC-Konzern ist eineinhalb Mal so groß wie die Bahnsparten von Siemens, Alstom und dazu der von Bombardier aus Kanada zusammengenommen. Und die Chinesen präsentieren sich expansionsfreudig. „Was auch immer die europäischen Bahnkunden und Fahrgäste in der Zukunft wünschen, wir können es bieten“, so das Management. „Man muss angesichts der Konkurrenz am Ball bleiben“, hatte Siemens-Chef Kaeser deshalb schon vor längerem wiederholt betont und eine Branchenkonsolidierung damit als notwendig erachtet.

Siemens und Alstom erhoffen sich durch die Fusion alles in allem Synergieeffekte in Höhe von 470 Millionen Euro pro Jahr, im besten Falle bereits im vierten Jahr nach Abschluss der Zusammenführung. Ein ehrgeiziges Ziel, dem auf kurz oder lang allerdings auch Arbeitsplätze zum Opfer fallen können, so befürchten es namhafte Experten. Denn auch wenn Kaeser und Poupart-Lafarge davon nichts wissen wollen, dürften in einigen Segmenten die Doppelfunktionen ersichtlich sein. Macht es Sinn in Zukunft zwei verschiedene Schnellzüge, den ICE und den TGV zu bauen? Wohl kaum. Allerdings können Siemens und Alstom derzeit auf ein gemeinsames Auftragsvolumen in Höhe von 61 Milliarden Euro blicken. Diese Summe spricht eher gegen großflächige Entlassungen. Die könnte es dagegen vor allem beim kanadischen Konkurrenten Bombardier geben. Die Nordamerikaner haben bereits angekündigt bis zu 2.200 Stellen streichen zu wollen. Der Flugzeug- und Eisenbahnbauer aus dem Land mit dem Ahornblatt auf der Flagge könnte durch die deutsch-französische Fusion in starke Bedrängnis geraten.

Einige Franzosen aber sehen durch den angestrebten Zusammenschluss vor allem die eigene Industrie in Gefahr. Die Regierung sei dabei, Frankreich Stück für Stück zu verkaufen, kam es von Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon. Gewerkschaften zeigen sich hinsichtlich einer zum späteren Zeitpunkt möglichen deutlicheren Führungsübernahme von Siemens besorgt. Dies könne zum Verlust von Arbeitsplätzen führen.

Das warnende Beispiel: Airbus

Dabei muss man sich fragen, ob das nicht andersherum eher der Fall sein könnte. Siemens hält zwar eine klitzekleine Mehrheit der Aktienanteile und könnte später auf 52 Prozent aufstocken, dennoch ist der Chef des neuen Konzerns mit Poupart-Lafarge ein Franzose und der Unternehmenssitz lautet wie bereits erwähnt Paris. Eine französische Job-Garantie für die kommenden vier Jahre scheint ausgehandelt. In diesem Sinne erscheint es nicht ganz unwahrscheinlich, dass am Ende die Jobs in Deutschland verloren gehen. Und damit auch Know-How.

Hat sich Siemens am Ende gar verzockt? Profitiert vor allem Alstom von der Mega-Kopplung der Bahnsparten? Mit dem Flugzeugbauer Airbus gibt es bereits ein Beispiel eines europäischen Super-Konzerns, der zu einem großen Teil auch durch deutsche Firmen entstand, der nun aber seinen Sitz in den Niederlanden und seine Konzernzentrale in Toulouse hat. So sehr Franz Josef Strauß als europäischer Visionär zu gelten hat: dass die Stadt Toulouse ihm ein Denkmal in Bronze gesetzt hat, hat seinen guten Grund.

Zu Strauß’ Entlastung kann gesagt werden, dass dies alles in der Nachkriegszeit geschah. In einer Zeit, in der Deutshcland mitspielen durfte, aber nie das Spiel bestimmte. Möglich, dass dies noch nachwirkt, aber wenn, ist eine Schere im Kopf der Deutschen – konkret: bei Siemems. Die Zeit dafür ist jedoch vorbei. Das ist zumindest das Signal der Bundestagswahl 2017, auch wenn es bislang nur von einer Prtei ausgesprochen wird, mit der keiner reden möchte.

Im Geschäft mit Motoren für E-Autos hat Siemens derweil ein 50:50-Gemeinschaftsunternehemen mit Valeo (Unternehmenssitz: Paris) ausgehandelt. Und nach Informationen des Handelsblatts haben die Franzosen die Option darauf in Zukunft die Führung zu übernehmen. Zur Siemens-Alstom-Fusion äußerte sich die französische Regierung durch Macrons Verkehrsministerin hoch erfreut. „Eine Konsolidierung wäre eine sehr gute Sache.“

Ja, TGV und ICE als Geschwister. Das klingt tatsächlich sinnvoll und gut. Politisch ist es geboten, global-wirtschaftlich sowieso. Und für die beteiligten europäischen Konzerne ist es zumindest so lange ersprießlich, wie eine der Schwestern nicht plötzlich die Oberhand gewinnt. Das sollten auch Anleger nicht außer Acht lassen.

Mehr zur Analyse der Aktien von Siemens und Alstom in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf Achim Wiegand, Anton Hofreiter, Alice Weidel.

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