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„Sie nennen mich Doktor Schicksal“

Er hat als einer der wenigen Ökonomen die Finanzkrise vorhergesagt: Im Interview mit The European spricht Nouriel Roubini, Wirtschaftsprofessor an der Stern School of Business der New York University, nun über die weitere Zukunft der Weltwirtschaft.

The European: Herr Roubini, Sie haben die aktuelle Finanzkrise vorhergesagt. Jetzt ist auch Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank, der Meinung , dass die Situation sich bessert – aber kommt unsere Wirtschaft wirklich aus dem Tal heraus?
Roubini: Diese Einschätzung ist meiner Meinung nach zu optimistisch. Es stimmt, dass die Wirtschaftsleistung nicht so stark abnimmt wie im vierten Quartal 2008 oder im ersten Quartal 2009. Aber eine Analyse der mikroökonomischen Daten, vom Arbeitsmarkt und dem Hypothekenmarkt bis zum Konsumentenverhalten, deutet noch kein Ende der Rezession an. Ich glaube, dass die Rezession eher am Jahresende vorbei sein wird. Auch der Aufschwung wird dann ein langer und harter Prozess werden.

The European: Aber wir sehen doch bereits einen Aufschwung.
Roubini: Ja, es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. Die Rezession nähert sich ja auch zusehends ihrem Ende.

The European: Sind Sie überrascht vom Tempo der wirtschaftlichen Erholung? Sie haben immerhin einmal die düstere Vision einer globalen wirtschaftlichen Pandemie entworfen. Das ist doch kein wahrscheinliches Szenario mehr, oder?
Roubini: Meiner Meinung nach ist dies die schlimmste Rezession, die in den vergangenen sechzig Jahren die USA heimgesucht hat. Letztes Jahr gab es eine Debatte zwischen denen, die eine kurze v-förmige Rezession mit einer schnellen Erholung sahen, und denen, die eher eine langwierige, u-förmige Rezession sahen. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Wir sind davon ausgegangen, dass sich die Krise 24 Monate hinziehen wird. Jetzt sind wir bereits im 20. Monat und müssen uns immer noch Sorgen machen.

The European: Bleiben wir kurz bei den Buchstaben-Allegorien. Wir haben von einer L-förmigen Erholung gehört. Was bedeutet das?
Roubini: Vor sechs Monaten war die Lage so schlecht, dass man eine extrem flache Erholung befürchten musste. Japan hatte nach der dortigen Wirtschaftskrise kaum Wachstum für weitere zehn Jahre, die Erholung war also fast eine neue Krise. Dieses Risiko hat sich inzwischen minimiert. Aber nach meiner Einschätzung werden wir ein langsames Wachstum sehen. Es gibt sogar die Gefahr einer “Double-Dip”-Rezession, also einer w-förmigen Rezession: Die Erholung könnte sich Ende 2010 wieder umkehren.

The European: Das wäre die nächste Frage gewesen. Die US-Regierung hat viel Geld in die Wirtschaft gepumpt, durch Finanzspritzen und die Rettung von Großbanken. Hat das keine Konsequenzen? Was passiert, wenn die Erholung wirklich nur ein kurzzeitiges Phänomen ist?
Roubini: Das ist eines der Hauptprobleme. Auf der einen Seite brauchten wir die monetären und finanzpolitischen Hilfen, um eine Wiederkehr der Weltwirtschaftskrise der 1930er zu verhindern. Das ist gelungen. Auf der anderen Seite haben solche Programme ihren Preis. Unsere Staatsverschuldung wird in den kommenden Jahren stark anwachsen: Wir machen weitere neun Billionen Dollar Schulden und wir drucken Geld, um dieses Defizit zu finanzieren und die Zinsraten niedrig zu halten. Diese Kombination könnte im kommenden Jahr durchaus zu einer weiteren Rezession führen. Das ist das große Risiko.

The European: Professor Roubini, ich möchte noch einmal auf den Vorsitzenden der US-Notenbank zurückkommen. Sie haben Ben Bernanke in der Vergangenheit kritisiert, aber in einem Kommentar in der New York Times stellten Sie sich im Juli 2009 hinter ihn. Warum sollte sein Vertrag am Jahresende verlängert werden?
Roubini: Da gibt es mehrere Gründe. In dem Kommentar habe ich viele Fehler aufgezeigt. Am Anfang der Krise haben Bernanke und die US-Notenbank die Ausmaße der Hypothekenblase nicht realisiert, sie haben zu langsam reagiert und sie haben die internationalen Auswirkungen falsch eingeschätzt. Aber Bernanke hat sich auch viel mit der Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren auseinandergesetzt. Als es diesmal eine ähnliche Gefahr gab, hat er realisiert, dass wir schnelles Geld brauchen, die Zinsraten senken müssen und auch politisch neue Wege einschlagen müssen. Das war ein bedeutender Erfolg und sollte ihm den Job bei der Notenbank erhalten. Der Markt braucht ein Zeichen für Stabilität und Kontinuität.

The European: Laut des Wall Street Journals stimmen 70 Prozent der Ökonomen in diesem Punkt mit Ihnen überein. Das ist doch sonst anders, Sie sind doch eher ein Querschläger. Beunruhigt Sie diese plötzliche Zustimmung nicht?
Roubini: Ich werde für meine Schlussfolgerungen oftmals als “Dr. Schicksal” bezeichnet. Aber mir wäre der Spitzname “Dr. Realismus” eigentlich lieber. Es ist wichtig, dass man recht hat. Wir nähern uns dem Ende der Finanzkrise, aber ich sehe auch weiterhin viele Risiken. Die Geldpolitik bleibt ein strategischer Drahtseilakt: Wenn die Notenbank zu früh den Geldfluss einschränkt und wir die Finanzhilfen zurückschrauben, könnte uns das in eine neue Rezession führen. Wenn wir zu lange warten und weiterhin auf Finanzspritzen setzen, Haushaltsdefizite akzeptieren und Geld drucken, wird das eine erhöhte Inflation zur Folge haben. Der Grat ist also sehr schmal. Für Bernanke wird das eine ganz schwere Aufgabe werden.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Dan Ariely: „Die Finanzwelt glaubt, sie wäre allwissend“

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