Der Sicherheitsmythos soll Ängste vertreiben. Ken’ichi Mishima

„Jede Epoche hat ihre eigene Sprache“

Der britische Architekt Sir Norman Foster hat mit seinen Entwürfen das Stadtbild vieler Metropolen maßgeblich geprägt. Mit Max Tholl sprach er über Architektur als Kommunikation, unseren Größenwahnsinn und wieso wir mehr mit weniger machen müssen.

The European: Sir Norman, als Architekt entwerfen Sie Gebäude, die das Bild einer Stadt für Jahrzehnte oder Jahrhunderte prägen werden. Wie schwer fällt es Ihnen, in eine ungewisse Zukunft hinein zu konzipieren und zu planen?
Foster: Flexibilität ist mir sehr wichtig und ich entwerfe jedes Gebäude mit Hinblick auf die Ungewissheit der Zukunft. Ich weiß, dass der Kontext eines Gebäudes im Laufe der Jahre immer ein anderer sein wird, dass das Gebäude vielleicht anders benutzt werden wird, oder neue Technologien beheimaten muss.

The European: Haben Sie ein Beispiel dafür, wie sich das im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Foster: In den 1970er-Jahren entwarf mein Büro die neue Zentrale der Versicherungsfirma Willis Faber und wir gestalteten die Zentrale so, dass der Übergang von Schreibmaschine zu Computern nahtlos funktionierte. Auch das Gebäude, das wir für die HSBC designt haben, war ähnlich radikal in seiner Flexibilität. Wir haben den Kern des Gebäudes an die offenen und flexiblen Enden verlegt, was es der Bank später erlaubte, einen großen zentralen Börsensaal einzurichten, ohne die Struktur des Gebäudes umzuwerfen. Als wir das Gebäude designten, konnte man noch nicht ahnen, dass ein solcher Saal mal zur Grundausstattung jeder Großbank zählen würde. Die Konkurrenz von HSBC musste dann später neue Gebäude bauen lassen, um einen solchen Saal zu beherbergen.

The European: Viele Ihrer Gebäude gelten als Sehenswürdigkeiten und ziehen Millionen Besucher an. Glauben Sie, dass Gebäude wie der Tower 2 des neuen World Trade Center oder der „Gherkin“ in London zukünftigen Generationen etwas über unsere Gesellschaft verraten können?
Foster: Ich hoffe, dass diese Gebäude den Test der Zeit bestehen werden. Sie können sich immer wieder neu erfinden, um zeitgemäß zu bleiben. Ich glaube fest daran, dass diese Gebäude immer eine Referenz zu unserer Zeit sein werden, durch die zukünftige Generationen ein Gefühl für unsere Kultur entwickeln können.

The European: Wenn Sie geschichtsträchtige Gebäude wie das World Trade Center neu gestalten, hat die Historie des Gebäudes dann Auswirkungen auf Ihre Herangehensweise?
Foster: Natürlich hat sie das. Ich versuche stets, die Geschichte eines Gebäudes zu würdigen. Gleichzeitig lasse ich mich auch gerne von ihr inspirieren. Als wir an der Reichstagskuppel arbeiteten, sträubte ich mich dagegen, die Spuren der Vergangenheit zu vernichten oder zu überschminken. Für mich war es wichtig, die Spuren von Krieg und Vandalismus für zukünftige Generationen zu konservieren. Ich habe versucht, eine Verbindung zwischen Alt und Neu herzustellen.

The European: Und bei Tower 2?
Foster: Das Konzept für den Tower 2 des WTC folgte der gleichen Logik: etwas zu erschaffen, das diese Balance zwischen Erinnerung und Wiedergeburt symbolisiert. Das Gebäude steht an sehr zentraler Stelle, an der Nord-Ost-Seite des Memorial Park. Dadurch funktioniert es auch als Mahnmal und gleichzeitig trägt der Turm zur Neustrukturierung des Stadtteils bei.

The European: Ist die Architektur damit auch Sprachrohr? Großstädte sind voll von Gebäuden oder Mahnmälern, die uns vergangene Ereignisse in Erinnerung rufen.
Foster: Die Architektur ist unsere Verbindung zur Vergangenheit. Wir Architekten beschäftigen uns aber nicht mit den Relikten, sondern mit der Neugestaltung und Umnutzung ebendieser. Architektur kann nicht nur Vergangenes kommunizieren, sondern auch Werte und Gefühle. Der Flughafen Peking, den wir entworfen haben, wurde als symbolisches Eingangstor zu China konzipiert. Das Design und die Farben – das imperiale Rot und das goldene Gelb – zielen mit Absicht darauf ab, Erinnerungen an die Tradition des Landes hervorzurufen. Und trotzdem ist das Design nicht altbacken, sondern sehr modern.

„Diese Taktik funktioniert längst nicht mehr“

The European: Die meisten bekannten Architekten entwerfen nur noch Firmenzentralen oder Infrastruktur, Wohnungsunterkünfte –insbesondere in ärmeren Stadtteilen – fallen unter den Tisch. Sollten sich Architekten wieder verstärkt auf die Bedürfnisse der Menschen fokussieren, wie es Rem Koolhaas in seinem Essay „Junkspace“ fordert?
Foster: Ich muss Ihnen teilweise widersprechen. Ich widme mich bereits der Wohnungsnot in Slums. Vor sechs Jahren habe ich zum Beispiel ein Projekt ins Leben gerufen, das darauf abzielt, die Lebensqualität im indischen Dharavi, einem der weltweit größten Slums, zu verbessern.

The European: Was wollen Sie dort erreichen?
Foster: Es gibt dort im Schnitt nur ein Klo auf 1.400 Bewohner und nur wenig Freifläche, wo Kinder spielen können. Wir konnten unser Konzept leider nicht genau so umsetzen, wie wir es geplant hatten, aber die Arbeit war wertvoll für zukünftige Projekte dieser Art.

The European: Inwiefern?
Foster: Es hat uns gezeigt, dass große Veränderungen nicht notwendigerweise die Bewohner aus ihrem alltäglichen Leben reißen müssen. Ein Viertel neu zu gestalten und das Interesse des Bürgers in den Vordergrund zu stellen, ist eine radikale Alternative zu dem üblichen Plattmach-Verfahren, bei dem alles dem Erdboden gleichgemacht wird, und die soziale Struktur des Ortes entwurzelt wird. Diese brachiale Taktik funktioniert aber längst nicht mehr.

The European: Koolhaas beklagt sich außerdem über den Größenwahn der Architektur. Würden Sie ihm denn zumindest zustimmen, dass es heute nur darum geht, noch höher und spektakulärer zu bauen?
Foster: Größe ist wie viele andere Design-Fragen – die Auswahl von Material, Form oder Ort – auch nur eine Antwort auf bestimmte Bedürfnisse. Für manche Projekte bietet sich eine große kompakte Struktur an. Oft kommt noch hinzu, dass es kosteneffizienter und umweltfreundlicher ist, ein großes Gebäude anstatt vieler kleiner zu bauen. Und groß muss ja nicht gleich unmenschlich oder größenwahnsinnig bedeuten. Alles, was wir designen, ist auf den Menschen ausgerichtet.

The European: Können Sie ein Beispiel nennen?
Foster: Nehmen Sie den Flughafen in Peking: Es ist der größte und fortschrittlichste Flughafen der Welt und doch gilt er als besonders einladend und einfach zu nutzen. Genau wie beim Flughafen in Hongkong, den wir auch entworfen haben, gibt es hier nur ein Dach, unter dem alle Terminals zusammengefasst sind. Und nicht fünf verschiedene, die durch Straßen und Parkhäuser getrennt sind, wie beispielsweise in Heathrow. Beim geplanten Hauptquartier von Apple gehen wir ähnlich vor.

The European: Was planen Sie dort?
Foster: Die vielen kleinen Wege und Gebäude sollen durch ein großes zentrales Gebäude ersetzt werden. So können 40 Hektar Natur mit Wanderwegen und über 7.000 Bäumen angelegt werden. Auch der Stromverbrauch und die Kommunikation werden durch die Zentralisierung optimiert. Es geht also um Optimierung und nicht um Größe. Sie sprechen aber etwas Richtiges an …

The European: Nämlich?
Foster: Es gibt eine Faszination für Größe, die durch die Medien angetrieben wird. Die „größten“, „längsten“ oder „höchsten“ Dinge ziehen uns einfach an – nicht nur in der Architektur. Aber auf jedes der Großprojekte kommen unzählige kleinere und weniger beachtete.

„Architektur ist Ausdruck unserer Werte“

The European: Vor Jahrzehnten propagierte Ihr Mentor Richard Buckminster Fuller das Konzept der „Ephemerisierung“ – also die Kunst, mit immer weniger immer mehr zu machen. Damals war das nur Theorie, sollte es heute wegen schrumpfender Ressourcen nicht das Gebot der Stunde sein?
Foster: Nie war der Aufruf „mehr mit weniger zu tun“ wichtiger als heute. Das Prinzip des nachhaltigen Bauens, das Bucky damals maßgeblich prägte, hat heute einen festen Platz in der Architektur.

The European: Wo sehen Sie das?
Foster: Viel von dem, was Bucky damals prophezeite, hat sich längst bestätigt. Die Technologie wird zusehends kleiner. Heute hat ein Mobiltelefon die gleiche Rechenleistung wie ein gesamter Computerraum zu seinen Zeiten.

The European: Glas und die damit verbundene Transparenz spielen eine zentrale Rolle in Ihren Entwürfen. Wofür steht Glas in der Architektur?
Foster: Glas ist eines von vielen Baumaterialen, die uns zur Verfügung stehen. Es hat die positive Eigenschaft, Licht durchzulassen, ohne notwendigerweise transparent zu sein. Glas erlaubt uns Architekten, undurchsichtige Gebäude der Außenwelt zu öffnen.

The European: Wie damals beim Reichstag.
Foster: Die Neugestaltung des Reichstags war von Anfang an vom Gedanken der Transparenz geprägt. Das Gebäude sollte für jeden zugänglich sein – metaphorisch und reell. Das ist uns mit der Glaskuppel gelungen, die die Demokratie verbildlicht. Jeder kann in den Plenarsaal hineinsehen, und das Treiben dort beobachten.

The European: Kann Architektur als Verbildlichung unsere Gesellschaft verstanden werden?
Foster: Architektur ist Ausdruck unserer Werte. Die Art, wie wir bauen, spiegelt unsere Lebensweise wider. Darum sind Städte und ihre Historie auch so faszinierend. Jede Epoche hat eine eigene Sprache. Diese Sprache drückt der Stadt ihren Stempel auf, und hilft uns dabei, frühere Epochen besser zu verstehen. Manchmal muss man auch in die Vergangenheit blicken, um Inspiration für die Zukunft zu finden.

The European: Glauben Sie, dass neue Städte, die aus dem Nichts entstehen wie in China, als Modell für den Städtebau der Zukunft dienen können?
Foster: Die Wachstumsrate in China ist ohne Zweifel beispiellos. Die fünf größten Städte der Welt liegen alle in Asien – das sagt einiges aus. Ich finde trotzdem nicht, dass es einen Einheitsplan zum Städtebau geben sollte. Jede Stadt ist anders, und muss anders gedacht werden. Es gibt aber große Überschneidungen bei den Problemen, mit denen Städte zu kämpfen haben, trotzdem sind die Ursachen dieser oft ganz andere.

The European: Können Sie das ausführen?
Foster: Die Bevölkerungsdichte ist sowohl in Macau als auch in Monaco ein Problem. In vielerlei Hinsicht, besonders aber wirtschaftlich betrachtet, sind beide Städte aber grundverschieden.

The European: Brauchen wir denn überhaupt neue Städte?
Foster: Die Stadt ist eine Antwort auf unsere menschlichen Bedürfnisse. Die Weltbevölkerungszahl schießt in die Höhe und immer mehr Menschen zieht es in urbane Ballungszentren. Wir müssen natürlich auf diese Entwicklungen und Herausforderungen reagieren. Ich glaube aber nicht, dass es einen globalen Lösungsvorschlag geben kann.

The European: Sondern?
Foster: In manchen Fällen wird es nötig sein, eine neue Stadt zu bauen. In anderen Fällen wird es darum gehen, die bestehende Stadt auszubauen und zu verbessern.

The European: Wenn neue Städte entstehen, dann in Asien, dem Mittleren Osten oder Afrika. Hat der Westen seine Pionierrolle im Städtebau verloren?
Foster: Das zu behaupten, würde die Wichtigkeit westlicher Architekten, Ingenieure oder Städteplaner bei der Gestaltung und Planung dieser Städte kleinreden. Das Stadtbauprojekt Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist das weltweite erste Experiment, eine klimaneutrale und umweltfreundliche Stadt in der Wüste zu errichten. Der Masterplan und die ersten Gebäudeentwürfe stammen aus unserer Feder.

The European: Viele Architekten des 20. Jahrhunderts, allen voran Le Corbusier, versuchten mit ihren Stadtkonzepten auch, die Gesellschaft zu beeinflussen. Viele dieser Versuche scheiterten und führten später zu Problembezirken. Sollte Architektur überhaupt versuchen, Einfluss auf unser Leben zu nehmen?
Foster: Gebäude und die Infrastruktur, die sie umgibt, gestalten sich nicht von alleine. Sie werden von Menschenhand geplant und gebaut. Winston Churchill meinte einst: „Wir formen unsere Gebäude und sie formen uns“ – und er hatte recht. Verschiedene Konzepte zur Stadtoptimierung haben sich bewährt und wurden kopiert, andere sind gescheitert. Le Corbusiers Pläne sind da keine Ausnahme. Manches klappte, anderes nicht.

Übersetzung aus dem Englischen.

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