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Benedikt war gut – theoretisch

Der neue Pontifex muss das beherzigen, was Benedikt XVI. als junger Theologe zwar geschrieben, als Papst aber vergessen hat. Die Zeit für eine Erneuerung läuft ab. Eine kritische Betrachtung.

Papst Benedikt XVI. hat für den 28. Februar 2013 aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt angekündigt. Der fast 86-Jährige verdient für diesen ungewöhnlichen Schritt großen Respekt.

Ein kurzer Rückblick auf seine Amtszeit hinterlässt jedoch einen zwiespältigen Eindruck. Als junger Theologe hat Joseph Ratzinger am II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) teilgenommen und wichtige Vorarbeiten für die angestrebten Reformen geleistet. Das Konzil wollte ein „Aggiornamento“, eine geistig-institutionelle Zurüstung für die Erfordernisse und Aufgaben der heutigen Zeit. Die „Zeichen der Zeit“ sollten erkannt und berücksichtigt werden. Tradition sollte nicht als ängstliche Bewahrung des (scheinbar) Alt-Bewährten, sondern als lebendiger Prozess gesehen werden, in dem zwei Horizonte miteinander verschmelzen – der Horizont der Botschaft Jesu und der Horizont der jeweiligen Lebensverhältnisse und Lebenserfahrungen der Welt von heute.

Benedikt steht für die Schwäche der katholischen Kirche

Das hat Benedikt während seines Pontifikats nicht geschafft, die Kirche tritt auf der Stelle. Ängstlich hat er vor den Herausforderungen der Gegenwart die Augen verschlossen und den Blick rückwärts gewandt, am liebsten in die Zeit der Kirchenväter im 4. und 5. Jahrhundert. Immer wieder ist der Papst als großer Theologe und glänzender Intellektueller gerühmt worden. Das trifft partiell sicher zu. Aber gerade die Tatsache, dass er nicht bereit ist, die ernsthafte Auseinandersetzung mit der modernen Exegese, mit der zeitgenössischen Philosophie und mit den Naturwissenschaften, insbesondere der Humanbiologie, anzunehmen, lassen daran Zweifel aufkommen. Seine spirituell beachtenswerte Buchtrilogie „Jesus von Nazareth“ zeigt eine Verweigerungshaltung gegenüber dem gegenwärtigen Stand der historisch-kritischen Bibelforschung. Auch der von ihm hochgelobte „Katechismus der Katholischen Kirche“ entspricht nicht der Theologie, wie sie an Universitäten heute gelehrt wird.

Sicher haben ihm sein liebenswürdiges Auftreten, sein bescheidener Lebensstil und seine zurückhaltende Art viele Sympathien eingebracht. Besonders hervorzuheben ist sein Bemühen um die Aufdeckung und Eindämmung sexualisierter Gewalt innerhalb der Kirche. Er hat sich nicht gescheut, mehrmals um Entschuldigung zu bitten und das persönliche Gespräch mit den Opfern zu suchen. Die nahezu acht Jahre des Pontifikats von Benedikt offenbarten aber auch mehr und mehr die grundlegende Schwäche des gesamten Systems römisch-katholische Kirche – ihre anachronistische Monokratie, ihre hierarchische Verfassung, ihre „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ von Priestern und Laien, ihr römischer Zentralismus, vor allem aber die 1869 zum Dogma erhobene „Unfehlbarkeit“ und der Universal-Primat des Papstes.

Hier kommen auf den Nachfolger schier unlösbare Aufgaben zu. Er sollte es als vornehmstes Ziel seiner Amtsführung betrachten, das vom II. Vatikanischen Konzil angestrebte „Aggiornamento“ endlich zu verwirklichen. Diese Herkulesarbeit kann nicht von ihm allein bewältigt werden. Dazu braucht es Teamarbeit. Der neue Papst muss sich theologisch hoch qualifizierte und kompetente, modern denkende Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen suchen, die sich nicht hinter den Mauern des Vatikans verschanzen und auf ihre Autorität pochen, sondern offen und unvoreingenommen den Dialog mit dieser Welt auf Augenhöhe suchen.

Die alten Dogmen haben ausgedient

Der neue Papst sollte die komplexer gewordenen Fragestellungen in der Theologie (Gottesfrage, Christologie, Trinitätslehre, Sakramente, Ekklesiologie) und in der theologischen Ethik (Menschenrechte, Genderfrage, Humanmedizin) anpacken. Es genügt nicht, die alten Dogmen einzuschärfen, deren Sprache selbst ein Eingeweihter kaum noch versteht, deren philosophischer Background sich geändert hat und deren Begrifflichkeit zum Teil obsolet geworden ist.

Der neue Papst sollte:

  • beherzt und ohne Rücksicht auf ersessene Privilegien und verkrustete Strukturen die römische Kurie reformieren und dabei der Gewaltentrennung breiten Raum geben,
  • die Weltbischofssynode zu einer Art Legislative, einer gesetzgebenden Versammlung aufwerten,
  • abrücken von dem immer stärker wuchernden römischen Zentralismus und endlich das Prinzip der Subsidiarität einführen, das in der kirchlichen Soziallehre unermüdlich gepredigt und von anderen eingefordert wird,
  • den Ortskirchen mit ihren Bischöfen und regionalen Bischofskonferenzen mehr Eigenverantwortung zugestehen,
  • das Problem der vollen Integration von wiederverheirateten Geschiedenen einer Lösung zuführen,
  • die Frage des Diakonats und des Weihepriestertums der Frau und des Pflichtzölibats für Weltpriester nicht autoritär abblocken, sondern neu und unvoreingenommen überdenken,
  • im Dialog mit den Kirchen der Reformation und mit anderen Weltanschauungen und Religionsgemeinschaften deutliche Zeichen des Dialogs und der Lern- und Umkehrbereitschaft der römisch-katholischen Kirche setzen.

Der neue Papst sollte das beherzigen, was sein Vorgänger Benedikt XVI. als junger Theologe geschrieben, aber als Papst anscheinend vergessen hat: „Selbst gemachter und schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Rechte Gottes zu verteidigen, nur eine bestimmte gesellschaftliche Situation und die in ihr gewonnenen Machtpositionen verteidigt werden, wenn unter dem Vorwand, die Unabänderlichkeit des Glaubens zu wahren, nur die eigene Gestrigkeit verteidigt wird, wenn unter dem Vorwand, die Ganzheit der Wahrheit zu sichern, Schulmeinungen verewigt werden, die sich einer Zeit als selbstverständlich aufgedrängt haben, aber längst der Revision und der neuen Rückfrage auf die eigentliche Forderung des Ursprünglichen bedürfen.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Maria von Welser, Bernd Hagenkord, Andreas Püttmann.

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