Weisheit ist begreifen, dass man nicht weiß, ob etwas schwarz oder weiß ist. Umberto Eco

Konservativ = rechts = rechtspopulistisch = Nazi

Heutzutage ist das Wort konservativ ein Kampfbegriff. Ist konservativ zu sein eine Beleidigung?

Sehr geehrter Herr Professor Bolz, Sie bezeichnen Hans Blumenberg und Niklas Luhmann als größte Denker der deutschen Nachkriegszeit – warum gerade diese beiden?

Erstens weil sie beide umfassend gebildet waren – heute eigentlich unmöglich. Und zweitens weil sie noch einmal den Mut zu einer integralen Theorie hatten – der eine zu einer Theorie der modernen Gesellschaft (komplex und kontingent), der andere zu einer Theorie des Menschen (mythen- und metaphernpflichtig).

In einem Gespräch mit dem deutschen Statistikpapst Walter Krämer sagte mir dieser, es würde im Fachkollegenkreis bisweilen übel genommen, wenn man als Intellektueller und Professor auch medial vertreten sei – können Sie dies bestätigen und wenn ja, warum ist dies so, ist dies ein typisch deutsches Phänomen?

Ja, und das ist typisch deutsch – ein Neidkomplex, der sich als Professionalität verkennt.

Im Rahmen der Phil Cologne diskutierten Sie heftig mit dem heutigen Exponenten der Frankfurter Schule Axel Honneth – Sie als Medienwissenschaftler sagten, der sogenannte Habermas-Knoten sei 10000fach so stark wie der Bolz-Knoten. Wie kommen Sie auf diese Relation? War das 10000fache nicht übertrieben?

Vielleicht um eine Dezimalstelle, aber was ändert das schon? Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie der Superstars (Power-Law), und Habermas ist einer davon.

Im Rückblick ist Ihr Oeuvre sehr vielseitig, womit beschäftigen Sie sich zurzeit, die Bücher reichen von medientheoretischer Fachliteratur über Philosophie mit großer Sympathie für Luhmann sowie Hermann Lübbe bis zur Art, wie man mit Luther anlässlich seines 500. Thesen-Jubiläums umgeht, als öffentliche Person sind Sie als jemand bekannt, der die Meinungsfreiheit in Deutschland in Zweifel zieht (Stichwort Sarrazin-Debatte). Was bewegt Sie im Moment?

Ich schreibe Bücher, um mir über opake Sachverhalte klar zu werden. Sobald ein Buch abgeschlossen ist, ist das Problem für mich gelöst und ich interessiere mich nicht mehr dafür. Dazu gehören auch die Themen Meinungsfreiheit und Politische Korrektheit. So entsteht leicht der Eindruck von Beliebigkeit. Zur Zeit denke ich über Machiavelli nach – gewissermaßen die Gegenfigur zu Luther.

Sie gelten als konservativer Intellektueller. Inzwischen wird konservativ zum Kampfbegriff. So wird Trump vorgeworfen, er habe konservative (sic!) Berater, als Präsident, der für die Republikaner antritt. Ist konservativ eine Beleidigung?

Konservativ = rechts = rechtspopulistisch = Nazi

Wolfram Weimer sagte, im Nachblick könnte 2016 ähnlich ikonographische Bedeutung bekommen wie das Symboljahr 1968 – nur unter umgekehrten Vorzeichen. Teilen Sie den Befund?

Schön wär’s. Aber ich kann es nicht glauben. Es fehlt an einer Idee – und an Kräften, die sie institutionalisieren könnten.

Gesetzt den Fall, Sie würden Berater eines Kandidaten für die Bundestagswahl – wem würden Sie was raten? Sie können auch einen Ihnen nicht genehmen Politiker falsch beraten.

Es gibt keinen Politiker, der mich interessiert (mit Ausnahme von Lindner, dem ich schon vor längerer Zeit einen Tipp gegeben habe…).

Wenn man Ihre Bücher „Chaos und Simulation“ von 1992 und „Das Gestell“ von 2012 nebeneinander legt, erkennt man, dass der Schreibstil geradliniger geworden ist. Hat das einen Grund? Habe ich Unrecht?

*Schön, dass man das merkt. Ich will so einfach und klar wie möglich schreiben. So lange man jung und unbekannt ist, will man angeben und stellt sich unverständlich. Im Alter möchte man ein paar Menschen erreichen, denen man Formulierungshilfe anbieten kann – clare et distincte.

Sie beschränken sich auf unter 200 Seiten, wenn Sie ein Buch schreiben. Gilt da die Weisheit von Goethe, wonach sich der Meister in der Beschränkung zeige?*

Vielen Dank für diese freundliche Interpretation.

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