Diäten wirken immer nur so lange, wie man sie einhält. Daniel Küblböck

Der heutige Finanzkapitalismus ist von der Raffgier erfasst

“Ich habe früher zu recht gegen die Sozialisierung der Wirtschaft gesprochen, also die Vergesellschaft der Wirtschaft, heute muss ich mich gegen die Verwirtschaftung der Gesellschaft aussprechen.”

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Herr Dr. Blüm, Sie sprechen unter anderem in Ihrem Buch „Ehrliche Arbeit, Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier“ von der Liturgie der Globalisierung! Die Rede ist aber auch von der Infantilisierung der Gesellschaft, was ist damit gemeint?

Das Herzwort des Neoliberalismus ist das Wort „Mehr“ und immer „Mehr“. Ohne Wachstum ist die neoliberale Welt nicht denkbar. Das ist aber eine kindliche Illusion. Und das Wesen der Erziehung muss es sein, zu lernen, dass die Welt Grenzen sowie das Leben Grenzen hat. Der heutige Finanzkapitalismus ist von der Raffgier erfasst und hat sich damit von der wirklichen Welt entfernt. Die Finanzmärkte übertreffen bei weitem die Wertschöpfung, sie laufen seit Jahren der Wertschöpfung davon, und dies ist ein kindliches Denken, das gerade zusammenbricht.

Sie rechnen in vielen Ihrer Publikationen mit dem Finanzkapitalismus ab! Wie kann man in der modernen Welt sinnvoll gegen den homo oeconomicus kämpfen und warum ist die neoliberale Nutzenmaximierung vernunftwidrig?

Weil dieser homo oeconomicus eine Kunstgestalt ist, die es gar nicht gibt – der Mensch hält es nicht aus, immer zu kalkulieren, immer zu rechnen. Liebe, Vertrauen, Solidarität, die besten Sachen, die wir Menschen kennen, haben mit Nutzenmaximierung rein gar nichts zu tun. Wenn einer eine Beziehung angeht, mit der Frage, was er davon hat, soll er gleich damit aufhören. Und insofern befriedigt diese Art von Weltanschauung die tiefen Sehnsüchte der Menschen nicht, sie ist deshalb auch nur von einer beschränkten Lebensdauer. Der Mensch lässt sich diese Reduzierung auf Nutzenmaximierung nicht gefallen, ihm gefällt es nicht, dass er ständig rechnen muss. Für mich ist dieser Schnäppchenjäger, zu dem wir ja konditioniert werden, der Prototyp dieser neuen Welt, in der der Mensch ständig die Preise vergleicht. Ein Mensch, der dazu gezwungen ist, morgens drei Stunden früher aufzustehen, um die Preise von Lidl und Aldi zu beobachten – wir haben doch Besseres zu tun.

Früher forderten Sie einen Kampf gegen die Vergesellschaftung der Wirtschaft, wie stehen Sie heute dazu?

Man muss den Spieß umdrehen. Ich habe früher zu recht gegen die Sozialisierung der Wirtschaft gesprochen, also die Vergesellschaft der Wirtschaft, heute muss ich mich gegen die Verwirtschaftung der Gesellschaft aussprechen. Es gibt kaum noch einen Bereich, der inzwischen nicht von Privatisierung, Deregulierung und Wettbewerb bestimmt wird. Selbst der Kernbereich des Staates ist schon erfasst, es gibt Justizvollzugsanstalten, wo der Strafvollzug privaten Firmen übergeben wird. In Amerika gibt es mehr private Macht als staatliche Polizei, im Irak mehr Söldner als staatliches Militär. Das sind aber nur Symptome. Alles gerät unter das Diktat der Wirtschaft – selbst die Ehe. Wir reduzieren diese als Lebensabschnittspartnerschaft, weil irgendwann jemand anderes kommen könnte, der noch besser ist, also können wir uns nicht festlegen.

Welche Aufgabe könnte nach dem Scheitern von Sozialismus und Kapitalismus der Katholischen Soziallehre zukommen?

Dort, wo ihr Platz immer war. Gleich weiten Abstand zu halten zwischen Individualismus und Kollektivismus; der Kapitalismus wie der Kommunismus, sie haben nur eine Seite des Menschen im Blick, und die haben sie für das Absolute erklärt, der Kapitalismus – das Individuum und der Kommunismus das Kollektiv. Die christliche Soziallehre hingegen sieht den Menschen in seiner Ganzheit, in seiner Doppelgesichtigkeit, er ist sowohl Individuum mit individuellen Rechten und Pflichten wie Sozialwesen mit sozialen Rechten und Pflichten. Und diese Balance muss ständig neu eingependelt werden. Im Moment hat die Welt eine Schlagseite zu einem losgelassenen Individualismus und dagegen muss sich die Katholische Soziallehre wenden. Dies beginnt damit, dass sie auch die großen Institutionen des sozialen Lebens stärkt, beispielsweise die Familie, die gerade ruiniert wird. Um ein Beispiel zu geben: Nach einem Bundesgerichtshofsurteil soll eine Frau, die bisher halbtags gearbeitet hat, ganztags arbeiten, um Unterhalt zu erhalten, mit anderen Worten, die Mutter mit Kind soll genauso viel arbeiten wie der Vater ohne Kind. Hieraus lässt sich nur schlußfolgern, dass Erziehungsarbeit offenbar gar keine Arbeit ist. Hier zeigt sich schon sehr deutlich wie die Familie unter die Gesetze des Arbeitsmarktes gestellt wird.

Was verstehen Sie unter der neuen sozialen Verantwortung? Wie soll der künftige Sozialstaat konkret aussehen?

Das wichtigste Prinzip, dass wir aktivieren und vitalisieren müssen, ist die Subsidiarität, eine gegliederte Gesellschaft also, nicht eine uniformierte. Subsidiarität darf nicht isoliert werden, sonst führt dies zu einem Missverständnis. Subsidiarität funktioniert nur im Zusammenhang mit der Solidarität. Ohne Solidarität hängt die Subsidiarität in der Luft, die Subsidiarität ist das Kompetenzprinzip der Solidarität. Sie gliedert die Gemeinschaft nach der Vorfahrtsregel – zuerst die kleineren Gemeinschaften, deshalb fängt Gliederung der Gesellschaft bei der Familie an, deshalb müssen wir mehr Sozialversicherungen, nicht staatliche steuerfinanzierte Alterssicherheit und nicht kapitalgedeckte Privatversicherungen fördern – und auch nicht reine Privatversicherungen. Sozialversicherung also, und die kann selbst verwaltet werden, ohne Tarifautonomie; wir haben die Sozialpartner dezimiert, dies ist ja als Tarifkartell attackiert worden, trotzdem nimmt die Tarifpartnerschaft dem Staat Arbeit ab, sie ist also eine subsidiäre Einrichtung. Ich will drei Institutionen nennen: Familie, solidarische Sozialversicherung, die selbst verwaltet wird, und Tarifpartnerschaft. Und wenn man an das große Europa denkt, kann diese Idee nur mit Hilfe des Prinzips der Subsidiarität gelingen. Europa funktioniert weder mit nationalstaatlichem Egoismus noch mit größtem Zentralismus, sondern nur mit einer gestuften Verantwortung.

Was heißt, daß die Ordnung der Dinge der Ordnung der Personen untergeordnet werden soll? Was verstehen Sie unter einem Sozialstaat, der auf dem Selbstbewußtsein der Personen beruht?

Dies ist ein Kernsatz eines großen Konzilsdokumentes – „Gaudium et Spes“. Darin ist die ganze Katholische Soziallehre verdichtetet; nämlich dass der Mensch, die Person, wichtiger als irgendeine Sache ist. Am Menschenbild entscheidet sich das Schicksal einer Gesellschaft. Was ist der Mensch? Ist er ein autark-autonomes Wesen, was machen kann, was es will, oder hat es Verantwortung gegenüber Gott und den Mitmenschen? Also die Person muss wiederum einen gleich weiten Abstand zu Individualismus und Kollektivismus halten, die Person ist der Platzhalter einer Integration des sozialen und des individuellen Wesen des Menschen. Zwar muss die Katholische Lehre einen Beitrag zur Zeit leisten, darüber hinaus aber hat sie einen zeitlosen Kern – die Würde der menschlichen Person, und diese Würde hat ihren letzten Anker darin, dass sie Abbild Gottes ist, eine höhere Würdigung gibt es gar nicht. Das gilt für alle Menschen dieser Erde, ohne Ausnahme. Dieses Abbildsein, nicht vom Staat, sondern von Gott gegeben, das ist unser stärkstes Bollwerk zur Verteidigung des Menschen.

Beispiel Atomkraft! Wo sehen Sie hier die Dialektik der Aufklärung am Werk?

Bei diesem Thema habe ich dazugelernt. Ich war immer der Meinung, die Atomkraft sei die Spitzentechnologie der Zukunft, aber nicht erst seit Fukushima muss man darüber nachdenken, dass bis heute keine Antwort auf die Frage der Entsorgung gegeben wurde. Wir überlassen diese den nachfolgenden Generationen, ohne ihnen dafür eine Antwort geben zu können. Mit anderen Worten: Wir handhaben etwas, dass wir nicht beherrschen – und dies halte ich tatsächlich für Magie, das ist Beschwörung. Statt Beherrschung – Beschwörung. Wir haben aber nicht nur Verantwortung für die Lebenden, sondern auch für die künftigen Generationen, wir können diesen doch kein Müll hinterlassen, von dem wir nicht wissen, wie sie diesen entsorgen, hinterlassen.

Sie immer wieder Bezug zu den unterschiedlichsten Philosophen, Sie haben selbst Philosophie studiert und gelehrt. Haben Sie einen Favoriten, von dem Sie sagen könnten, dessen philosophisches Denken für Ihr Leben und Denken prägend war?

Nein. Die Philosophie ist so groß, dass sie die Wahrheit nie ganz hat, die Wahrheit ihr nicht ganz erscheint. Deshalb nähern sich die unterschiedlichsten Philosophien von allen Seiten dem vom uns nie ganz zu erfassenden Begriff der Wahrheit an. Ich würde mich daher weigern, eine Hierarchie aufzumachen. Allerdings gebe ich zu, dass meinem Lebensverständnis das Denken des Thomas von Aquin in der Nachfolge des Aristoteles entspricht. Thomas von Aquin unterscheidet sich vom platonischen Idealismus mit Aristoteles, dass er die Ideen in den Sachen sucht. Und vom Materialismus unterscheidet ihn, dass die Ideen, das Wesen, unser Telos ist, das, wohin wir uns entwickeln sollen, während der Materialismus jede Idee als gestaltgebend abstreitet. Thomas von Aquin bleibt für mich der Vertreter der aristotelischen Mitte.

Sie haben bei Papst Benedikt XVI. Theologie studiert! War er ein strenger Lehrer?

Nein. Ich habe ihn in Bonn als jungen Theologieprofessor kennengelernt. Dort war er für die Bonner Studenten eine Ausnahmegestalt, weil er mit großer Zartheit die kompliziertesten theologischen Fragen mit sanfter Stimme erklärt hat. Ratzinger kommt selbst ja aus der Tradition des heiligen Augustinus, und dies ist eine Tradition, in deren Mittelpunkt die Liebe steht: „Liebe und dann tue, was du willst“, dies ist der schönste Satz des Heiligen Augustinus’, dies ist kein Satz der Willkür, denn richtig voll zu lieben, heißt Anerkennung des Anderen; Benedikt XVI. ist ein Papst, der von seiner theologischen Herkunft auch starke Brücken zum Luthertum bauen kann, denn auch Luther war von Augustinus und dessen Gnadenlehre stark beeinflußt.

„Dumm ist der Konservatismus nicht“ – so darf ich Sie zitieren, warum brauchen wir diesen Konservatismus in den Tagen des anything goes, der großen Beliebigkeit?

Ich bin von Herkunft und Gemüt gar kein Konservativer, ich habe mich immer als progressiven Menschen verstanden. Ich entdecke nur plötzlich im Alter, dass möglicherweise die Welt zu bewahren die neue Maxime des Fortschrittes und der Zukunft ist. In einer Zeit der großen Veränderungen geht es eigentlich um Entschleunigung, weil wir sonst vor lauter Tempo, vor lauter Bäumen, den Wald nicht mehr sehen. Ich habe auch entdeckt, dass Sachen zu verteidigen, die gut sind, Tapferkeitsfragen sind. Das tapfer und modisch nicht nur der ist, der was Neues will, sondern auch der, der Altes, Gutes verteidigt. Deshalb glaube ich, müssen wir in diesen Turbozeiten die Beweislast umdrehen. Nicht mehr das Alte muss beweisen, dass es besser ist als das Neue, sondern das Neue muss beweisen, dass es besser ist. Ich bin ja nicht für Stillstand, natürlich gibt es Veränderung, aber wer etwas verändern will, hat die Beweislast, dass das, was verändert werden soll, dass das Ziel der Veränderung also besser ist als das Bestehende. Wir müssen die Beweislast umdrehen, weil wir sonst kopflos, verrückt werden. Das Bewahren geht vor Verändern, trotzdem bleibt die Welt nicht stehen. Wir sind nie am Ziel, aber mit der Entschleunigung würde es uns weitaus besser gehen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Alan Posener: „In Deutschland setzt sich das Mediokre durch“

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