Europa wird an Einfluss verlieren. Wolfgang Ischinger

Ihr verstaatlicht die Familie!

Über die Enteignung der Kindheit und den pädagogischen Imperialismus des Staates. Eine offene Anklage.

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Das meiste, was ich gelernt habe, habe ich nicht in der Schule gelernt. Reden und Singen, Arbeiten und Spielen, Essen und Trinken, Lieben und Trauern, all das beherrsche ich aufgrund außerschulisch erworbener Kenntnisse und Fähigkeiten. Die Techniken guckte ich mir bei anderen ab, und das Verhalten ahmte ich von Vorbildern nach. Schreiben und Lesen und Rechnen sind dagegen wahrscheinlich stärker schulvermittelt. Obwohl bei Licht betrachtet selbst diese Kenntnisse mehr durch externe Nutzung als durch interne Schulung trainiert wurden. Die Praxis ist eben der bevorzugte Schulmeister des Lebens. Das wusste schon der alte Aristoteles.

Die wichtigen Dinge lernt man nicht in der Schule

So wie mir erging es vermutlich vielen Kindern. Meine erfolgreichsten Lehrer waren Mama und Papa, Oma, Opa, Tanten, Onkel, vor allem aber Freunde, Spielkameraden und -kumpane, Nachbarn, Cliquen. Auf der Straße wurde mir mehr beigebracht als in den Klassenräumen, in denen ich – Gott sei Dank – nur Teile meiner Kindheit verbrachte. Die berufliche Lehre als Werkzeugmacher bei Opel war für mich die Fortsetzung des familiären »Curriculums« mit anderen Mitteln, am anderen Ort, aber mit derselben Methode, nämlich Lernen im Ernstfall des Lebens.

Diese Schule der Wirklichkeit wird heute immer kleiner. Dagegen sind Kindheit und Schule eine Liaison eingegangen, die zu keiner Zeit so fest war wie heute. Die Schule hält die Kindheit im Klammergriff. Die Schule verwaltet die Kindheit. Die Eroberung der Kindheit durch die Schule als den alles umfassenden Ort, in dem Kindheit stattfindet, kulminiert in der Ganztagsschule.

Für Kindheit bleiben nach diesem »ganzheitlichen« Schulkonzept lediglich die Nacht sowie der kümmerliche Rest zwischen Tag und Nacht. Frühmorgens ziehen die Kinder noch halb ausgeschlafen in die Schule und kommen spätnachmittags müde und ausgelaugt an den familiären Rest- und Rastplatz zurück; zur Not wird hier noch Nachhilfe untergebracht. Kinder sind auf diese Weise immer in einen außengesteuerten Betrieb integriert. Selbstgesuchte Liebhabereien und eigene Beschäftigungen finden keine Zeit mehr und keinen Raum. So werden die Kinder frühzeitig für den Rhythmus der Erwerbsgesellschaft abgerichtet, in den ihre Mutter und ihr Vater schon voll eingespannt sind. So fügt sich eines zum anderen.

Um jegliches Ausscheren aus der schulischen Allzuständigkeit zu vermeiden, bieten die Schulen jetzt auch Ferienbetreuung an. Ferien, meine Insel, nach der ich mich in trüben Schulstunden sehnte, und meine Vorfreude auf die Schule, die mich regelmäßig gegen Ende jeder Ferienzeit erfasste, sind längst durch die Verlängerung der Schulzeit in der schulischen Ferienbetreuung untergepflügt. Die Schule taucht wie der pädagogische Igel immer am Ende der Furche auf, in welcher der kindliche Hase rennt. Ferien sind keine schulischen Auszeiten mehr, sondern eine etwas andere Schulzeit. Die Ferienbetreuungsregelung kommt freilich auch den Wünschen der berufstätigen Eltern entgegen, die zu ihren stärkeren Berufslasten nicht noch mehr Erziehungsaufgaben schultern können.

Warum Kindergeburtstage zu Prestige-Events verkommen

Von der Kindheit als dem Raum und der Zeit der abenteuerlichen Erkundung der Welt und ihrer Geheimnisse zusammen mit Spielkameraden und Cliquen und Verschworenen, dazu noch auf eigene Gefahr, bleibt wenig übrig, bestenfalls Erinnerungsfetzen, zum Beispiel an das von Mutter und Vater organisierte Event eines Kindergeburtstags, zu dem zuvor handverlesene Einladungen verschickt worden sind. Dort wird dann für ein paar Stunden das wilde Leben der Kindheit von der Leine gelassen, freilich nicht ohne später die mitgebrachten Geschenke zu taxieren, denn sie liefern das Richtmaß für Gegengeschenke im jeweiligen Rückspiel. So werden Kindergeburtstage zu todernsten Prestigeveranstaltungen.

Die Magie einer Kindheit, von der Rousseau in Émile träumt, ist im Getriebe der professionellen Schulmaschine und ihrem vor- und nach- und beigelagerten Räderwerk längst zerrieben. Die Fantasie hat sich aus dem Land der überraschungslosen Kindheit zurückgezogen.

Wo noch offene Stellen im professionellen schulischen System sind, da tauchen alsbald die Erziehungsexperten als mobile Einsatzreserve der staatlichen Schulaufsicht auf und entmündigen die Überbleibsel der familiären Kompetenz. Die Erziehungsexperten definieren die Erziehungsprobleme, und sie lösen auch die so definierten Erziehungsprobleme, und was sie als solche nicht definiert haben, sind auch keine Erziehungsprobleme.

Nur wenige Eltern getrauen sich noch, schwierige Erziehungsentscheidungen zu fällen, ohne zuvor Expertenrat herangezogen oder in ausführlichem Studium von Erziehungsliteratur Nachhilfe gesucht zu haben. Die Idealkonstellation der pädagogischen Expertokratie besteht darin, dass die 40-jährige Mutter sich von der 20-jährigen Erziehungsberaterin sagen lässt, wie sie ihr fünftes Kind erziehen soll.

Alles ADS, oder was?

Probleme von Schulkindern, die es von alters her gab, wie beispielsweise Unaufmerksamkeit, Geschwätzigkeit und Flegeleien sind inzwischen mit anspruchsvollen, aber unverständlichen Fachtermini belegt, die einerseits den Erziehungsamateuren Respekt einflößen, andererseits die Objekte so stigmatisieren, dass sie den Erziehungsprofis neue Beschäftigungsfelder eröffnen. Der »Flegel« war noch ertragbar. Der »Zappelphilipp« stand noch unter Aufsicht der Eltern. Das Kind mit ADS (​»Aufmerksamkeitsdefizit-Syndro​m«) ist jedoch als Objekt der Experten-Therapie gebrandmarkt.

Elternangst und pädagogische Allmacht kommen sich in der neuen Kompetenzverteilung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre entgegen. Da die Schule mit Zeugnis und Schulabschluss die Eintrittsbillets für die Karrieren verteilt, kämpfen Eltern verzweifelt um das Maximum der Schulerziehung für ihre Kinder. »So viel Schule wie möglich« ist die vorweggenommene Bedingung für Berufserfolg. Die Schule wird für alle Kinder alles: Mutter, Vater, Freundesclique, Verein, Kirche…

Ganztagsschule, schulische Ferienbetreuung, Kinderhort und -tagesstätte entpuppen sich als die klammheimlichen Instrumente der Enteignung der Kindheit und der verborgenen Machtergreifung der öffentlichen Verwaltung des Menschen und seiner wirtschaftlichen Verwertung. So ist beiden geholfen, den Eltern ob ihrer Vorsorge für den Lebenslauf ihrer Kinder und der Wirtschaft für ihren Bedarf an maximaler Arbeitskräfteversorgung.

Das Scheidungsrecht verrät die Haltung

Das Unterhaltsrecht im Scheidungsfall ist die ungewollte Entlarvung des neuen staatlichen Imperialismus, der sich anschickt, die Familie plattzumachen. Die Abdankung der familiären Erziehung und die brutale Unverschämtheit der öffentlichen Gewalt offenbaren sich in den Regelungen des Konfliktfalles der Scheidung. Wie so oft ist die Ausnahmeregelung von heute die Antizipation der Normalität von morgen. Das Scheidungsrecht nimmt also das zukünftige Familienrecht vorweg.

In der Rechtsprechung zum Unterhaltsrecht zeigt sich, wie weit der Staat bereits ins Familienregiment interveniert und Elternrechte minimiert hat. Nach dem Willen des Bundesgerichtshofes soll etwa eine geschiedene Mutter nach dem dritten Lebensjahr ihres Kindes dieses der »Fremdbetreuung« übergeben, damit sie voll erwerbstätig werden kann, um den geschiedenen Vater von seinen Unterhaltspflichten zu entlasten. Die geschiedene Mutter mit Kind soll also im gleichen Maße erwerbstätig werden wie der geschiedene Mann ohne Kind.

Familiäre Erziehung ist nach der Auffassung unserer höchsten Richterinnen und Richter offenbar keine Erziehungsarbeit. Denn für die Erziehungsarbeit ist der Staat zuständig.

Das allseits geforderte umfassende staatliche Betreuungsangebot entpuppt sich so hinterrücks als Waffe gegen das Recht auf Erziehung, das das Grundgesetz »zuvörderst den Eltern« sichert. Dieses privilegierte Elternrecht endet nach dem Urteil des Bundesgerichtshofes nach drei Jahren. Anscheinend sind die Kinder nach dieser Sichtweise vom Staat den Eltern nur befristet ausgeliehen worden, und zwar solange sie sich gut führen. Das Kindergeld ist danach eine Art von Schadensersatz, den der Staat den Eltern gewährt, und der Unterhalt für die geschiedene Frau ist ein zugestandenes Überbrückungsgeld, das die Erwerbseinkommenseinbuße durch vorübergehende Erziehungsarbeit ausgleicht. Die Mutter, die der Erziehung der Kinder wegen auf Erwerbseinkommen teilweise oder ganz verzichtet, weil dies einer innerfamiliären Abmachung entsprach, ist im Scheidungsfall die Gelackmeierte. Der Mann macht sich mit seinem höheren Einkommen, das er der Hilfs- und Spanndienste der Frau verdankte, auf und davon. Zurück bleibt die Frau, die naiv einem ehelichen Nachhaltigkeitsversprechen traute, das unter der emanzipativen Bedingung »Jeder ist sich selbst der Nächste« nicht mehr gilt. Mit anderen Worten: Eine familiäre Arbeitsteilung, auf die sich Ehepartner verständigen, wo nach Lohnarbeit und Erziehungsarbeit zwischen den beiden unterschiedlich gewichtet und verteilt wird, erweist sich im Scheidungsfall als Nachteil für denjenigen der beiden Ehepartner, der sich kein oder wenig Erwerbseinkommen verschafft hat – während der andere, dessen höheres Einkommen auch durch die Familienarbeit des Ehepartners ermöglicht worden ist, sich mit der Beute seines Lohnes auf und davon macht. Die Ehe ist unter diesen modernen Bedingungen des neuen Scheidungsrechts das Bündnis von zwei Ich-AGs, die so lange kooperieren, wie es beiden nützt, also bis auf Weiteres.

“In der Ehe ist es wie im Betrieb”

Ausgeschlossen werden kann eine Übertölpelung des einen durch den anderen Ehepartner nur, wenn schon zu Beginn eine vertragliche Regelung für den Fall des Scheiterns getroffen wird. Das setzt voraus, dass eine Scheidung für die verliebten Neuvermählten kein undenkbarer Unglücksfall, sondern das Normalrisiko ist. Wie im Arbeitsrecht können auch im Familienrecht Abfindungen für den Gekündigten vorausschauend vereinbart werden. Ehe und Familie sind nur noch lebensabschnittsweise durch wechselseitige Pflichten gesichert. Ehe und Familie zählen schon nicht mehr zu den nachhaltigen Projekten des Lebens, sondern stehen unter dem Vorbehalt der Geltung, solange nichts Besseres kommt. Denn in der Optionsgesellschaft darf sich niemand eine Gelegenheit entgehen lassen, die eine größere Chance bietet. In der Ehe ist es wie im Betrieb. Auf das flexible Arbeitsverhältnis folgt das flexible Eheverhältnis.

Unter dem Modernisierungsdruck einer emanzipativen Bewegung, die Befreiung vornehmlich an der uneingeschränkten Einbeziehung aller Mütter und Väter in die Erwerbsgesellschaft misst, besteht die Freiheit in der Unterordnung der Erziehungsarbeit unter die Lohnarbeit, wofür der Staat den finanziellen Flankenschutz bietet, indem staatliches Geld an die Bedingung der Erwerbsarbeit beider Elternteile geknüpft werden soll. Dem darf man sich nur zeitlich beschränkt entziehen, um sich vorübergehend – bis zum dritten Lebensjahr des Kindes – der Eigenbetreuung der Kinder zu widmen, danach steht die »Fremdbetreuung« zur Verfügung. Die Paradoxie dieser Logik besteht ideologischerweise mancherorts in der verqueren Strategie, erst die Erwerbsgesellschaft als repressive Leistungsgesellschaft zu brandmarken, um im zweiten Schritt alle in diesen angeblichen Hort der Unterdrückung zu zwingen, aus dem Mutter und Vater im dritten Schritt gemeinsam befreit werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Florian Josef Hoffmann, Albert Wunsch, Carolin Anett Lüdeke.

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