Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht. Karl-Theodor zu Guttenberg

„Ich hab keine Lust mehr auf aufgeblasenen Quatsch“

Zum Filmstart ihres neuen Films “Bon Appetit” spricht die Hauptdarstellerin Nora Tschirner über die Rolle von Essen in der Gesellschaft, den Erfolgsdruck an der Kinokasse und ihr Verhältnis zu romantischen Komödien. Das Gespräch führte Nina Klotz.

The European: In dem Film “Bon Appetit” spielen Sie eine Sommelière, der Film spielt zum Teil in einem Sternerestaurant, und irgendwie wird in allen Schlüsselszenen gegessen. Welche Rolle spielt Essen in Gesellschaft denn in Ihrem echten Leben?
Tschirner: Eine ziemlich große, glaube ich. Ganz unbewusst. Ich merke das, wenn ich mal nicht esse, wenn ich etwa faste, um zu entgiften. Da wird mir sehr deutlich bewusst, wie oft man eigentlich isst und was Essen für eine große, soziale Bedeutung hat. In meiner Zeit in Spanien hat mir sehr gefallen, dass oft alle an einem Tisch saßen und zusammen von vielen großen Tellern gegessen haben. Als ich zurück in Deutschland war und im Restaurant saß, war ich völlig überfordert, als ich mir da plötzlich wieder mein eines, eigenes Gericht aussuchen sollte. Ich dachte: “Das ist eine Entscheidung, die kann ich nicht treffen!” Davor habe ich zweieinhalb Monate nur andere Leute alles bestellen lassen und einfach nur mitgegessen.  

The European: Entscheidungsschwach?
Tschirner: Nein, aber war immer eher jemand, der bei dem einen Chinesen auch immer das gleiche Gericht isst und nichts Neues ausprobiert. Das habe ich mir auch erst in Spanien abgewöhnt. Als ich in Galicien gedreht habe, gab es immer verschiedenste Meeresfrüchte. Und ich habe das anfangs gehasst! Alles, was aus dem Meer kam und kein Fisch war, fand ich ekelhaft. Bis ich mir gedacht habe: “Komm, jetzt bist du zwei Monate hier, und das ist eine der besten Küchen der Welt, das musst du mal probieren. Du hast keine Allergien. Es gibt keinen wirklichen Grund, das nicht zu essen. Deshalb: Reiß dich jetzt zusammen und iss!”

Ab da habe ich mich von meinem Regisseur so durch das kulinarische Galicien führen lassen, habe zu ihm gesagt: “Okay, ab jetzt bestellst du für mich.” Er hat gesagt: “Nora, iss nicht mit den Augen. Iss mit dem Mund!” Und dann hat er mir die härtesten Sachen des Ozeans aufgetischt. Sachen, bei denen sich der Ozean selbst übergeben muss, wenn er daran nur denkt. Trotzdem habe ich alles probiert, mindestens einmal. Und das Ergebnis: In Galicien esse ich jetzt auch Meeresfrüchte. Und überhaupt traue ich mich mehr auszuprobieren und genieße tolle, neue Geschmackserlebnisse. 

“Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen ich auch meine eigene Säule sein muss”

The European: Ihre Rolle, die Hanna, wirkt so ein bisschen entwurzelt und heimatlos. Offenbar hat sie keine Familie oder zumindest keine, mit der sie reden kann.
Tschirner: Ja, das macht sie aber auch so stark, irgendwie. Sie muss ihre eigene Säule sein. 

The European: Sie selbst haben doch ein sehr enges Verhältnis zu Ihrer Familie. Wie haben Sie sich in Hanna hineinversetzt?
Tschirner: Es gibt trotzdem Phasen in meinem Leben, in denen ich auch meine eigene Säule sein muss. Gerade wenn ich viel unterwegs bin. Aber es stimmt schon: Im Gegensatz zu Hanna habe ich ein Grundvertrauen in mein Zuhause. Da fühle ich mich immer verankert, und das wird auch immer so sein. Ich kann nicht nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn jemand das nicht hat. Was ich aber aus meinen eigenen Erfahrungen gut nachvollziehen kann, ist, wie es ist, wenn man Sachen allein bewältigen muss. Ich war schon immer sehr selbstständig, wurde allein von mir dazu gezwungen.

Und ich bin jedes Mal auf mich gestellt, wenn ich an ein neues Set komme, neue Leute kennenlerne und so weiter. Ich kann gut Entscheidungen allein treffen, weil ich sie immer allein treffen musste. Meine Eltern waren zwar total gute Ratgeber, aber sie konnten mir auch nicht sagen, wonach man ein Drehbuch auswählt, wie man was spielt, wie man sich einer Rolle nähert, wie man sich im Filmgeschäft verhält. Es ist sehr schön und wichtig zu wissen, dass da jemand ist, auf den du emotional bauen kannst, aber Entscheidungen treffen und Konsequenzen tragen musst du allein. 

The European: Ihre Mutter ist Radiojournalistin, Ihr Vater Dokumentarfilmregisseur. So weit weg ist das doch gar nicht von Ihrem Beruf. Was verbindet Sie?
Tschirner: Ich glaube, die Weltoffenheit, die Liebe zu Menschen, das Interesse an ihnen, an Geschichten und an Wahrhaftigkeit. Auch wenn ich manchmal überzogenes Zeug mache, Absurdes wie “Ijon Tichy” oder die Arbeiten mit Christian Ulmen, habe ich keine Lust auf aufgeblasenen Quatsch. Ich mache auch nichts, weil’s Kohle bringt oder viele Zuschauer. Natürlich finde ich es toll, wenn was weiß ich wie viele Millionen in unsere Schweiger-Filme gehen und dort eine gute Zeit haben. Bombe! Ich habe kein Problem mit Mainstream, aber ein Projekt muss in erster Linie mich selbst kicken. Und das ist bei meinen Eltern genauso. Ich liebe auch Dokumentarfilme und ich liebe die Sachen, die meine Mutter macht, und höre unheimlich gern Deutschlandradio. Ich mag diese Ernsthaftigkeit und die Zuwendung zu den Menschen. Und das finde ich auch an meiner Arbeit als Schauspielerin spannend.

The European: Nach welchen Kriterien wählen Sie denn Ihre Projekte aus?
Tschirner: Ich muss etwas lustig finden oder schön oder rührend oder sonst irgendwie interessant. Will sagen: Es muss zunächst mal den Zuschauer in mir ansprechen. Als Zweites muss es auch den Schauspieler oder Entertainer in mir berühren. Und ganz ehrlich behalte ich mir auch vor, Filme nach Drehorten auszuwählen. Wenn ich die Chance habe, an einem besonderen Ort zu arbeiten, mache ich das lieber als an Orten, die ich schon kenne oder langweilig finde. Ich möchte in der Zeit, in der ich als erfolgreiche Schauspielerin tätig sein kann und die ja zeitlich begrenzt sein wird, so viel wie möglich von der Welt sehen.

“Ich hab was gegen falsche Etiketten”

The European: “Bon Appetit” ist als “romantische Komödie” deklariert. Passt das?
Tschirner: Selten so wenig gelacht bei einer Komödie. Mir wurde das Buch auch als “romantische Komödie” angetragen, aber da dachte ich schon: Keine Ahnung, ob ich das falsch lese, aber ich würde das jetzt nicht komödiantisch anlegen. Ich glaube, das Problem ist, dass Leute Komödien immer dufte finden und dass man deshalb, wenn man ein Drama oder etwas Melancholischeres macht, es nicht so draufschreiben will, was ich schade finde und auch falsch. Also für mich ist das absolut keine romantische Komödie.

The European: Aber Sie haben nichts gegen romantische Komödien?
Tschirner: Im Gegenteil, ich bin ein Riesenfan! Ich hab nur was gegen falsche Etiketten. Ich habe “Notting Hill” neulich mal wieder gesehen – nach wie vor ein Knaller. Und ich fand “Vier Hochzeiten und ein Todesfall” toll. “About a Boy” ist auch toll – eigentlich alles mit Hugh Grant irgendwie. Und Sandra Bullock und Julia Roberts. Und was ich auch neulich zum ersten Mal gesehen habe: “Frühstück bei Tiffany”. Unfassbarer Film! Was für eine Messlatte. Der ist so gut gemacht! Was man da heulen kann, und was für merkwürdige verschwurbelte Charaktere darin vorkommen. Das ist wirklich toll.

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