Die Regierung befriedigt Klientelinteressen. Hugo Müller-Vogg

Das Ende des Unigopols

Immer mehr Organisationen vergeben alternative Bildungsnachweise. Was zum einen einem zeitgemäßen Lernen Rechnung trägt, ist zum anderen der Sargnagel des Bildungskanons.

Technologie definiert heute beinahe jeden Aspekt unseres Lebens neu. Zuvorderst wurde radikal umgewälzt, wie wir mit Wissen umgehen. Indessen ging die digitale Revolution am Hochschulwesen ohne gröbere Spuren vorbei. Immer noch sind Universitäten und Curricula auf die Welt des Industriezeitalters zugeschnitten – in der die Lebensspanne von Wissen in Dekaden gemessen wurde und die gängige Meinung das Lernen für abgeschlossen hält, sobald man einen Bildungsabschluss in der Tasche hat.

Doch es kündigt sich Wandel an: Der aus den USA nach Deutschland geschwappte Hype um MOOCs (Massive Open Online Courses) hat eine Debatte über die Digitalisierung von Bildung angestoßen. Noch geht es dabei lediglich um neue Formate des Lehrens. Doch werden über kurz oder lang sämtliche Funktionsprinzipien von Universitäten aufs Tapet kommen.

Über Jahrhunderte sind Hochschulen ihren Rollen als Wissensvermittler, Lerngemeinschaft sowie Zertifizierungsinstanz mehr oder weniger treu geblieben. Doch je mehr das Internet zur herrschenden Infrastruktur für Wissen wird – sowohl als Aufbewahrungsort als auch als globale Austauschplattform –, desto stärker drängt sich die Frage nach der künftigen Rolle herkömmlicher Bildungsvermittler auf.

Das „Geschäftsmodell“ von Hochschulen gerät unter Druck

In unserer vernetzten Welt sind Hochschulen nicht mehr die einzige Instanz für Entwicklung und Verbreitung von Wissen. Obendrein erleichtern freie Bildungsmaterialien wie Open Educational Resources sowie neuerdings MOOCs den Lernprozess. Ebenso kratzt das Internet an der Rolle von Hochschulen als Lerngemeinschaften, weil für die junge Netz-Generation online Lernen und der Austausch mit einer globalen, virtuellen Lerngemeinschaft gleichberechtigt neben Präsenzformen des Lernens treten.

Bislang noch kaum beleuchtet ist der Wandel von Hochschulen als Instanz der Zertifizierung von Bildungserfolgen. So lösen insbesondere MOOCs die Wissensvermittlung von der Leistungsbeurteilung. Damit führen jene kostenlosen, offen zugänglichen online Lehrveranstaltungen vor Augen, dass die Kernbestandteile heutiger Universitäten – Lehrkörper, Curriculum, Leistungsnachweise – nicht unbedingt in einer einzigen Institution gebündelt sein müssen und rütteln am uralten Monopol von Hochschulen, Abschlüsse zu vergeben und damit als Wächter am Eingang zum Arbeitsmarkt zu agieren.

Nun bieten immer mehr Organisationen Lernnachweise außerhalb der etablierten Bildungsstrukturen an. Bisher erlaubt nur eine Handvoll von MOOCs das Sammeln von ECTS-Leistungspunkten. Ansonsten leitet sich der Wert ihrer Zertifikate einzig und allein aus der Reputation des Anbieters sowie der Transparenz des Verleihprozesses ab. Außerdem finden sich vor allem in den USA immer mehr Hochschullehrer, die – auch nicht eingeschriebenen Studenten – nach erfolgreicher Absolvierung von online Kursen zwar keine formalen Credits, immerhin aber ein vom Professor unterschriebenes „inoffizielles“ Zertifikat vergeben. Der MOOCs-Vorreiter Khan Academy vergibt Badges, also sichtbare Auszeichnungen wie sie in Computerspielen üblich sind, für das Erreichen bestimmter Lernziele. Badges als Ausweis für erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse zu etablieren strebt auch die Mozilla Foundation mit ihrem Projekt Open Badges an. Das offene System von Auszeichnungen soll jedermann erlauben, Anerkennung für Lernerfolge zu sammeln und dies an zentraler Stelle online für jedermann sichtbar zu zeigen. Jede Organisation oder auch Einzelperson kann solche Badges vergeben und tritt damit zu Hochschulen in Konkurrenz.

Gelernt wird, was die Chancen am Arbeitsmarkt erhöht

Wäre es denn das Schlechteste, wenn ein flexibles System von Leistungsnachweisen neben das starre System der Hochschulabschlüsse träte? Es stimmt ja, dass Lernen heute zu einem großen Teil auch außerhalb von Hörsälen stattfindet und folglich in irgendeiner Art und Weise auch sichtbar gemacht werden sollte. Auch stimmt, dass unserer Gesellschaft des lebenslangen Lernens mit sich ständig wandelnden Anforderungen starre akademische Grade immer weniger gerecht werden.

Zudem bringen alternative Creditsysteme sehr viel differenzierter Gelerntes zum Ausdruck als Hochschulabschlüsse und verschaffen Arbeitgebern dadurch ein genaueres Bild von Bewerbern. Sobald namhafte Unternehmen beginnen, auf Basis erworbener Badges Mitarbeiter einzustellen, wäre das ein Dammbruch – und echter Rückschlag für den Hochschulabschluss.

Auch wenn alternative Creditsysteme ihre unbestreitbaren Vorteile haben mögen, so werfen sie doch die Frage auf, wer heute eigentlich den Maßstab setzt, welches Wissen Bildung ausmacht oder zu bestimmten Berufen befähigt. Jahrhundertelang war es unbestritten, dass staatliche Instanzen vorgeben, was gelernt wird. Auch jedes Fachgebiet hat ein klares Verständnis davon, welches Wissen wichtig und daher gemeinsam vorhanden sein soll.

Nun lassen die neuen Bildungsnachweise befürchten, dass sich das Urteil darüber, was notwendiges Wissen ist, immer stärker nach Arbeitgeberbelangen richtet. Denn: Gelernt wird, was der Arbeitsmarkt verlangt. Dies bringt uns in die paradoxe Situation, dass die heute so breite Verfügbarkeit von Information von einer Abnahme des geteilten Wissens begleitet wird. Letzten Endes werden Badge-Systeme immer stärker Bildung auf Ausbildung reduzieren, Nützlichkeit vor Selbstzweck stellen und damit das alte Humboldtsche Bildungsideal massiv unter Druck bringen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Vera Lengsfeld, Hans-Martin Esser.

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