Mit Europa und den USA endet die Welt nicht. Wladimir Putin

Die neuen Mikrounternehmer

Die Sharing Economy ist angetreten, Konsumbedürfnisse alternativ zu befriedigen. Zunehmend werden Sharing-Plattformen auch als Job- und Verdienstquelle entdeckt. Der spezifischen Funktionsweise der Plattformen ist es geschuldet, dass Plattformarbeiter unter ganz bestimmten Arbeitskonditionen tätig sind. Der Ruf nach Regulierung wird lauter.

Die so genannte Sharing Economy und mit ihr eine Reihe junger Unternehmen sind derzeit im Begriff, althergebrachte Vorstellungen von Wertschöpfung, Konsum und Arbeit gründlich zu erschüttern. Veränderte Konsumeinstellungen, die den bloßen Nutzungszugang über die Anschaffung von Eigentum stellen, sowie Technologie als großer Ermöglicher lassen neue Spielarten des Verfügens über Dinge entstehen. Durch das Zusammenspiel von mobilem Internet, Onlineplattformen, Big-data-Analysen in Echtzeit, Ortungs- und Geoinformationssystemen sowie smarten Apps finden Angebot und Nachfrage treffsicher zusammen und machen herkömmliche Intermediäre obsolet. Sharing-Plattformen machen unausgelastete Vermögenswerte, wie etwa Autos (Drivy, tamyca), Wohnraum (Airbnb, Wimdu), Werkzeuge und Haushaltsgeräte (Streetbank, Leihdirwas), freie Zeit für die Erledigung von Alltagsdingen (TaskRabbit, Helpling) oder freie Zeit und Autos für Fahrdienste (Uber, Lyft) zugänglich – der Austausch findet stets von Privatperson zu Privatperson statt.
Teilen, Tauschen, Schenken, Wiederverwenden – oder neudeutsch „Sharing“ – bilden in unserer eigentumsbasierten Ökonomie einen Kontrapunkt zur herkömmlichen Erfüllung von Konsumwünschen. Bemerkenswert ist, wie rasch sich diese alternativen Konsumformen aus der Nische zu einem Massenphänomen entwickelt haben: Immerhin hat laut einer Umfrage von PricewaterhouseCoopers bereits fast die Hälfte (46 Prozent) aller Deutschen ein Sharingangebot genutzt und mehr als ein Drittel (35 Prozent) ist bislang als Sharinganbieter aufgetreten. Hand in Hand mit der steigenden Verbreitung webbasierten Teilens geht eine zunehmende Professionalisierung: Effizienzsteigerungen, Qualitätsverbesserungen und Standardisierungen der Angebote sind zu beobachten, aber ebenso werden in der Sharing Economy die ursprünglich idealistischen Ambitionen verstärkt durch Profitinteressen in den Hintergrund gedrängt. Dazu kommt noch, dass Sharing-Plattformen zunehmend auch als Job- und Verdienstquelle entdeckt werden. Denn durch ihre effizienten Zuteilungsalgorithmen eröffnen sie Individuen Wege, auf einfachste Art und Weise nahezu alles – vom eigenen Hab und Gut sowie Wohnraum bis hin zu freier Zeit, Fähigkeiten und Wissen – zu Geld zu machen.

Mikrounternehmer – ein neuer Typus von Selbständigen

Die ökonomische Logik, die Plattformen als Geldquelle so attraktiv macht, beruht darauf, dass diese als Vermittler auftreten und eine Infrastruktur zur Verfügung stellen, was für die eigentlich Wertschöpfenden drastisch gesunkene Transaktionskosten bedeutet: Ohne Laden oder Büro, ohne Visitenkarte, ohne Angestellte haben sie Zugang zu einem globalen Marktplatz.

Plattformen setzen Individuen in die Lage, ihre Arbeitskraft direkt Endnutzern anbieten zu können. Statt sich in eine Organisation einfügen zu müssen, ist der Plattformarbeiter autonom und selbstbestimmt tätig, ein größerer Anteil des Umsatzes fließt in die eigene Tasche und Overheadkosten bleiben überschaubar. Auch unter Risikogesichtspunkten ist es vorteilhaft, auf eine bestehende Infrastruktur zugreifen zu können. Der Markteintritt ist leicht zu bewerkstelligen, da keine nennenswerten Anlaufkosten entstehen. Diese spezifische Funktionsweise von Sharing-Plattformen, Individuen einen marktgängigen Austausch von Ressourcen zu ermöglichen, bringt einen neuen Typus von Selbständigen hervor – den Mikrounternehmer.

Was ein Unternehmen ist, wie es aussieht und was es ausmacht, hat sich in der neuen Plattformökonomie komplett gewandelt: Denn auf Plattformen steht einer großen Masse selbständiger Mikrounternehmer eine kleine Gruppe von Angestellten gegenüber, die sich um Pflege der Plattform und des Netzwerks kümmert. Unmittelbare Konsequenz dieser neuen Arbeitsorganisation ist das Wegfallen herkömmlich mit einer Festanstellung verbundener Rechte für die Arbeitskräfte der Sharing Economy. Regelmäßige Lohnzahlungen und soziale Absicherung kommen nur den wenigen angestellten „Plattformmanagern“ zugute. Zudem sehen sich der Uber-Chauffeur, Helpling und all die anderen Mikrounternehmer der Plattformökonomie ganz spezifischen Arbeitskonditionen gegenüber. Nicht umsonst hat sich im angloamerikanischen Sprachraum der Begriff „Gig Economy“ herauskristallisiert: So wie der Musizierende zu einzelnen Auftritten, außerhalb längerfristiger Verpflichtungen die Bühne betritt, arbeiten auch Mikrounternehmer „stückweise“. Sie hangeln sich von Plattform zu Plattform und leben von Kleinstauftrag zu Kleinstauftrag. Zusätzlich sind sie der zumeist rigiden Steuerung von Software und Algorithmen ausgesetzt. Von der Vermittlung der Aufträge bis zur Zahlungsabwicklung läuft auf Plattformen alles automatisiert. Die Ausschaltung menschlicher Entscheidungsfindung und Interaktion gewährleistet höchste Effizienz und Schnelligkeit, im Gegenzug jedoch pressen sie den Arbeitenden in ein Korsett, das jeglichen Freiraum nimmt und herkömmlich mögliche Workarounds unmöglich macht. „Code Is Law“, wie Lawrence Lessig die zunehmende Reglementierung und Kontrolle des Cyberspace bereits 1999 griffig zusammenfasste. Auf die Welt der Plattformökonomie übertragen bedeutet dies: Wenn die App nicht will, läuft gar nichts. Plattformen bestimmen durch die Ausgestaltung ihrer Webseiten und Apps bis ins Detail, wie die Geschäftsbeziehung abläuft und nehmen den Mikrounternehmern dazu noch jegliche Planungssicherheit, weil Plattformen jederzeit einseitig Konditionen ändern können.

Regulieren oder nicht regulieren?

Somit stehen dem möglichen Freiheitsgewinn durch selbständige Tätigkeit erhebliche Zwänge der neuen Plattform-Arbeitswelt gegenüber. Weil die Heerschar der Mikrounternehmer wächst und es durch die Macht der Plattformen leicht zu Schieflagen kommen kann, wird der Ruf nach Regulierung lauter.

Nun ist die Sharing Economy noch ein relativ junges Pflänzchen. Regulierungsmaßnahmen würden – in die eine oder andere Richtung – den Boden gewaltig umpflügen. Dabei steht nichts geringeres auf dem Spiel als der grundsätzlich positive Ansatz der Sharing Economy, neue Wege zu einem nachhaltigeren Konsum zu öffnen. Für die verantwortlichen Regulierer geht es also um die Frage, wie ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden kann, der die Innovationsansätze nicht behindert, sondern fördert, gleichzeitig aber einer Aufweichung von Arbeitnehmerschutz entgegenwirkt. Allzu häufig steht in der Debatte rund um die Arbeitsbedingungen in der Plattformökonomie allein die Frage nach der sozialen Absicherung der Arbeitskräfte sowie unerwünschten Folgen dieser Arbeitsform im Vordergrund. Gleichzeitig aber dürfen auch nicht wirtschaftliche Chancen, mögliche Beschäftigungsimpulse und Innovationspotenziale aus dem Blickfeld geraten.

Daher empfiehlt sich ein behutsamer Umgang mit Regulierungsbemühungen. Bevor hastig Einzelfallentscheidungen und Verbote umgesetzt werden, wie etwa in den Fällen von Uber in Indonesien, Thailand, den Niederlanden und Spanien im Jahr 2014 und Uberpop in Frankreich und Deutschland im Jahr 2015 oder des 2014 in Kraft getretenen Berliner Zweckentfremdungsverbot-Gesetzes (ZwVbG) geschehen, empfiehlt sich zunächst eine umfangreiche Erforschung des Phänomens. Denn keineswegs weiß man heute genug über die Arbeit in der Plattformökonomie, um zielsicher und wohlfahrtssteigernd regulierend einzugreifen. Wer sind die Mikrounternehmer? Arbeiten Sie hauptsächlich Vollzeit und bestreiten allein in der Plattformökonomie ihren Lebensunterhalt? Oder ist es nicht eher so, dass sie vorrangig nebenberuflich tätig sind, um sich gelegentlich ein bisschen etwas hinzuzuverdienen? Wie sehen die Arbeiter selbst die Arbeitsbedingungen? Sind die negativen Seiten ein größeres Ärgernis als die gewonnenen Freiheitsgrade? All diese Umstände verlangen nach differenzierten Maßnahmen, die zudem langfristig und nachhaltig ausgerichtet sein sollen.

Der neuen Flexibilität Rechnung tragen

Aber auch weil Plattformarbeit als Ausdruck eines größeren allgemeinen Phänomens betrachtet werden kann, ist Bedacht angebracht: Die Arbeitswelt wandelt sich, wird liquider und flexibler. Das traditionelle Normalarbeitsverhältnis verliert an Bedeutung, stattdessen arbeiten Unternehmen vermehrt projektgetrieben, auf beschränkte Zeit mit Dienstleistern zusammen, die vielfach ebenso Selbständige ohne das soziale Sicherheitsnetz eines Angestellten sind. Vor diesem Hintergrund ist zu überlegen, ob die angestammten Begrifflichkeiten und Kategorisierungen des Industriezeitalters noch taugen, die Eigen- und Besonderheiten eines derart umwälzenden Phänomens wie der Sharing Economy zu erfassen. Wer von all den verschiedenen Playern der Sharing Economy (Plattformbetreiber, Anbieter, Endkunden) ist Arbeitgeber, wer ist angestellt und wer Kundin oder Kunde? Hieraus wird klar, dass Plattformen die Logik des Wirtschaftens und Arbeitens verändern, weswegen die alten Kategorien, Werkzeuge und Denkmuster nicht ausreichen werden, sich dem Phänomen adäquat zu nähern.

Wie könnte nun ein rechtlicher Rahmen aussehen, der dieser neuen Wirtschafts- und Arbeitsweise gerecht wird? Ein gangbarer Weg könnte etwa über eine Neukategorisierung führen: Alan Krueger, ehemaliger Wirtschaftsberater von US-Präsident Obama, und Seth Harris, stellvertretender Arbeitsminister in der Regierung Obama, haben vorgeschlagen, eine zusätzliche Kategorie von Arbeitskraft zu schaffen, die eine Position zwischen „Angestelltem“ und „Selbständigem“ einnimmt und viele der Schutzrechte und Vorteile auf sich vereint, die heute nur festangestellten Arbeitskräften zukommen. Ein anderer Weg könnte darüber führen, Arbeitnehmerschutz und soziale Absicherung nicht länger an spezifische Arbeitsbeziehungen zu binden. Denkbar ist ein Modell, in dem jede Sharing-Transaktion eine Zahlung in einen Fonds auslöst, der dann für Sozialleistungen an Mikrounternehmer zur Verfügung steht.
Wie auch immer Regulierungsmaßnahmen gestaltet werden, sie müssen dem Umstand Rechnung tragen, dass Arbeit heute die unterschiedlichsten Formen annimmt. Plattformarbeit ist nur eine Erscheinungsform dieser neuen Vielfalt in der Arbeitswelt. Auch weil das peer-to-peer-Prinzip sich durch alle Wirtschaftsbereiche zieht, ist es nicht ausreichend, den Blick ausschließlich auf die Sharing Economy zu richten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thorsten Schäfer-Gümbel, Rainer Nahrendorf, Rainer Nahrendorf.

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