Christus ist in jedem Alter etwas anderes. Martin Walser

„Magersucht wird nicht ernst genommen“

Unser Bild der Magersucht ist unvollständig, sagt die Journalistin Nora Burgard. Mit ihrem Projekt „Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig“ will sie das ändern, wie genau, verrät sie Sara Steinert und Thore Barfuss.

The European: Nora, warum fällt es so schwer, über Gewicht zu sprechen?
Burgard: Generell meint Ihr?

The European: Genau. Wenn wir zum Eingang gefragt hätten, wie viel Du wiegst, wäre das ziemlich unhöflich und merkwürdig gewesen.
Burgard: Das ist wie die Frage nach dem Alter. Vor allem Frauen haben das Gefühl, dass es harte Arbeit ist, gut auszusehen. Wenn ich jetzt verraten würde, wie viel ich wiege, kann das mit anderen verglichen werden und gleich gesagt werden, ob es „normal“ ist oder nicht.

The European: Verstärkt diese Tabuisierung des Gewichts den Trend zur Magersucht? Wenn gesunde Menschen schon nicht über ihr Gewicht sprechen, fällt es doch noch schwerer, darüber zu sprechen, wenn man tatsächlich eine Essstörung hat.
Burgard: Das würde ich nicht sagen.

The European: Warum?
Burgard: Einfach, weil es einen ganz klaren Unterschied gibt zwischen der Krankheit Magersucht und dem gesamtgesellschaftlichen Schlankheitswahn. Ich halte es für falsch, zu sagen: „Die Scham über die Krankheit zu sprechen, ist die fortgeführte Scham über das Gewicht zu sprechen.“ Magersüchtige sprechen nicht darüber, weil viele Krankheiten mit Scham besetzt sind. Aber in gewisser Weise gibt es eine doppelte Scham.

„Nicht alle Promis können diese schwere Krankheit haben!“

The European: Inwiefern doppelt?
Burgard: Weil Magersucht noch nicht ernst genommen wird. Magersüchtige haben eine schwere Krankheit. Aber sie müssen sich so Sprüche anhören, wie: „Das ist ja zur Zeit auch Trend“ oder „Iss doch einfach mal wieder was“. Und deswegen sprechen sie oft gar nicht darüber.

The European: Der Titel Deines Projekts ist „Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig“. Hast Du keine Angst, dass jemand die beißende Ironie missverstehen könnte?
Burgard: Das gibt sich ja spätestens dann, wenn man die ersten Artikel auf der Seite liest!

The European: Abgesehen vom Titel: Was war denn die Motivation für das Projekt?
Burgard: Tatsächlich, dass ich immer Klatschmagazine gesehen habe, auf denen in einer Woche stand: „Magersuchtsgefahr bei xy“ und in der Woche drauf: „Bikinifrust!“ Dabei sahen die Frauen auf beiden Titelbildern gleich aus. Es kann doch nicht sein, habe ich mir dann gedacht, dass so leichtfertig mit dieser Diagnose umgegangen wird. 20 Prozent der Erkrankten sterben an den Langzeitfolgen, es können nicht alle Promis diese schwere Krankheit haben! Der Prozess, der zu der Seite führte, war dann aber ein längerer.

„Die Klatschpresse wirkt als Verstärker“

The European: Wie genau lief das ab?
Burgard: Ich habe damit angefangen, mit Erkrankten zu sprechen und die haben mir bestätigt, wie wichtig das Anliegen ist. Sie sagten mir, dass sie sich zunehmend in eine Schublade gepresst und nicht mehr ernst genommen fühlen. Ich habe das bestimmt ein Jahr als Idee mit mir herumgeschleppt, bis ich die Ausschreibung für das Stipendium von VOCER gesehen habe. Dann erst habe ich angefangen, richtig zu recherchieren.

The European: Ist es die Schuld der Klatschmagazine, dass die Gesellschaft ein falsches Bild von der Magersucht hat?
Burgard: Das glaube ich nicht, nein. Das Bild, das wir von der Anorexie haben, ist generell unvollständig. Die Klatschpresse wirkt eher als Verstärker.

The European: Welcher Teil vom Bild fehlt?
Burgard: Jeder hat zwar eine Assoziation mit Essstörungen, aber ich erlebe oft Menschen – auch solche, die garantiert keine Klatschmagazine lesen – die Sachen sagen wie: „Das gab es früher doch gar nicht“. Selbst die Forschung hat die Krankheit noch nicht vollständig verstanden. Diese Komplexität will ich auch mit meinem Projekt zeigen. Magersucht ist eine Krankheit, die nicht nur mit Models und Prominenten zu tun hat.

The European: Es gab und gibt ja durchaus Prominente, die an Magersucht leiden …
Burgard: Aber es gibt klare Kriterien für die Diagnose einer Magersucht. Zeitschriften können eine solche Diagnose nicht auf die Ferne stellen. Es gibt genug Frauen, die eh schon ein gestörtes Essverhalten haben, also weniger essen oder extrem auf ihre Figur achten. Auf die kann das abfärben.

Jules Weg aus der Magersucht: Ich wollte das nicht wirklich loswerden (geführt im Rahmen von „Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig“)

The European: Was sind denn die Faktoren, die zu Anorexie führen?
Burgard: Einen Universalgrund gibt es nicht. Die Gründe, die ich kennengelernt habe, gehen „von – bis“. Das gilt auch für die sozialen Schichten. Was zählt, ist der Weg, wie man zur Krankheit kommt.

The European: Wenn es den einen Grund nicht gibt, gibt es trotzdem Eigenschaften, die Magersucht begünstigen?
Burgard: Klar. Es gibt Statistiken, die zeigen, dass viele Kranke sehr kontrolliert und ehrgeizig sind. Perfektionismus haben zum Beispiel viele gemein. Es sind eher die gleichen Charaktereigenschaften als gleiche Gründe. Aber auch hier gibt es natürlich Ausnahmen. In einem Interview, das ich geführt habe, beschwert sich eine Magersüchtige: „Alle haben das Klischee der besonders klugen Magersüchtigen, die mit 30 Kilo noch den Einser-Schnitt schafft.“

„Nur weil viele Menschen schlank sein wollen, ergibt sich daraus keine erhöhte Magersuchtgefahr“

The European: Ist denn durch die zunehmende Berichterstattung über Magersucht auch die Zahl der Betroffenen gewachsen?
Burgard: Nein. In den letzten zwanzig Jahren haben sich die Zahlen bei der Magersucht nicht erhöht. Im Gegensatz übrigens zu anderen Essstörungen wie Bulimie.

The European: Das steht doch fast in einem Widerspruch dazu, dass die Boulevard-Berichterstattung über magernde Promis so deutlich zugenommen hat, oder?
Burgard: Nein, da bringt ihr zwei Sachen durcheinander. Die größere öffentliche Wahrnehmung hat eher mit dem Schlankheitswahn der Gesellschaft zu tun. Nur weil sehr viele Menschen gerne schlank sein wollen, ergibt sich daraus aber noch nicht gleich eine erhöhte Magersuchtsgefahr.

The European: Aber der Schlankheitswahn hat schon mit den Medien zu tun?
Burgard: Ja. Shows wie „Germany’s Next Topmodel“ haben einen Einfluss darauf, dass Kinder und Jugendliche mehr auf ihre Figur fixiert sind. Es ist schon ein großes Fragezeichen, warum die Zahl der Magersüchtigen trotz dieser Entwicklung konstant geblieben ist. Die neue öffentliche Aufmerksamkeit hat aber auch für Magersüchtige etwas gebracht.

The European: Und zwar?
Burgard: Es gibt keine so hohen Dunkelziffern mehr. Magersüchtige fallen schneller auf, die Diagnose ist schneller da und auch die Behandlung. Vor zwanzig Jahren haben wahrscheinlich noch weniger gesagt: „Ich bin magersüchtig, ich brauche Hilfe.“

„Die zehn Gebote der Anorektikerinnen: Schockierend!“

The European: Wahrscheinlich hinkt der Vergleich ein bisschen. Aber das, was Du über den derzeitigen gesellschaftlichen Umgang mit Magersucht sagst, erinnert ein wenig an ADHS. Eine Zeitlang war es ein großer Trend, bei jedem hibbeligen Kind sofort ADHS zu diagnostizieren, dabei ist es eine ernst zu nehmende Krankheit.
Burgard: Der Vergleich hinkt gar nicht so sehr, denn solche Tendenzen gibt es im gewissen Maße schon. Im Internet gibt es zum Beispiel sogenannte Pro-Ana-Bewegungen, die Magersucht zum Lifestyle erheben. Vor allem auf tumblr und Instagram sind viele Mädels unterwegs, die Fotos von sich posten mit dem Hashtag #thinspiration. So wie in den 1990er-Jahren der Heroin-Chic angesagt war, ist momentan der Magersucht-Look angesagt.

The European: Zynisch könnte man dann ja sagen, dass Teile der Magersüchtigen Mitschuld daran haben, dass mit dem Begriff so salopp umgegangen wird.
Burgard: Nur weil jemand im Internet schreibt, dass er abnimmt oder behauptet, magersüchtig zu sein, hat er nicht unbedingt eine Essstörung. Natürlich deutet das auf ein gestörtes Essverhalten hin, und es bedarf auch Aufmerksamkeit.

The European: Hat das Internet denn auch einen positiven Effekt für die Krankheit mit sich gebracht?
Burgard: Klar! Die Anonymität des Internets kann große Vorteile haben, vor allem für Angehörige. Auf so tollen Angeboten wie Hungrig-Online können Eltern lesen, was andere Eltern schreiben oder sich untereinander austauschen. Und das, ohne im Dorf oder in der Bekanntschaft öffentlich zu machen, dass das eigene Kind erkrankt ist.

The European: Wenn man heutzutage Anleitungen zum Bombenbauen finden kann, findet man aber doch bestimmt auch Anleitungen, wie man am besten hungert?
Burgard: Klar. Da gibt es so Sachen wie die zehn Gebote der Anorektikerinnen. Zum Teil ist das sehr schockierend.

„Es ist eben eine typische Frauenkrankheit“

The European: Zum Abschluss würden wir noch gerne über ein Thema sprechen, das sehr unterrepräsentiert ist: die Magersucht beim Mann. Warum wird darüber so wenig gesprochen?
Burgard: Das Verhältnis der Erkrankten liegt bei 1 zu 10. Zunächst mal gibt es also tatsächlich viel weniger männliche Magersüchtige. Ich habe auch erst mit zweien gesprochen. Nicht nur, weil es weniger sind, sondern auch, weil die sich selten in den Selbsthilfegruppen im Internet tummeln, wo ich die meisten Ansprechpartner gefunden habe.

The European: Gibt es Gründe über die geringeren Fall-Zahlen hinaus, warum Männer weniger oft über ihre Krankheit sprechen?
Burgard: Es würde zu weit gehen, zu sagen, es sei typisch männlich, sich nicht zu öffnen. Aber ja, es ist schwieriger, Männer zu finden, die darüber sprechen. Die Scham beim Mann, über Magersucht zu sprechen, ist noch größer. Es ist eben eine typische Frauenkrankheit. Und wenn das bei Frauen schon nicht verstanden wird, ist es bei Männern noch schwieriger.

Das Projekt: „Anorexie – Heute sind doch alle Magersüchtig“

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