Die Merkel-Regierung hat die Vorschusslorbeeren nicht zu nutzen gewusst. Andrea Nahles

„Roboter könnten Menschen umbringen“

Für den britischen Robotiker Noel Sharkey sind der Terminator und C-3PO nicht bloß Fantasie, sondern Teil unserer Zukunft. Mit Max Tholl unterhielt er sich über die menschliche Faszination für Roboter, Killer-Maschinen und asiatische Puppen-Bordelle.

The European: Herr Sharkey, was fasziniert uns an Robotern?
Sharkey: Wir sind ja auch fasziniert von Marionetten, weil sie sich zu bewegen scheinen. Mit Robotern ist es ähnlich, die sind wie große bewegliche Marionetten. Diese Faszination ist uralt: Im Jahr 60 vor Christus hat Hero von Alexandria bereits begonnen, Roboter zu bauen. Er hat die ganze Mechanik so gut versteckt, dass die Leute glaubten, es sei Magie. Auch Homer hat bereits über dreibeinige Roboter geschrieben.

The European: Damit war doch aber etwas ganz anderes gemeint als die heutigen Roboter.
Sharkey: Natürlich. Karel Čapek hat 1920 in seinem Science-Fiction-Roman „Rossums Universal-Robots“ als erster Mensch das Wort „Roboter“ benutzt. Heute würden wir die von ihm beschriebenen Wesen eher als Androiden und nicht als Roboter bezeichnen. Auf Čapek geht auch die dystopische Angst vor einer Ausrottung der Menschheit durch Roboter zurück. Andere Bücher und Filme wie beispielsweise „Metropolis“ von Fritz Lang haben das öffentliche Interesse und die Faszination an Robotern weiter verstärkt. Die US-Firma Westinghouse hat das erkannt und begann, Unterhaltungsroboter herzustellen. Dort wurde beispielsweise der erste Roboter entwickelt, der wie ein Mensch aus Metall aussah.

The European: Und wozu?
Sharkey: Um damit zu protzen. Sie müssen das im Kontext sehen: In den 20er-Jahren hat sich die Technologie exponentiell entwickelt. Viele Menschen wussten gar nicht, wie sie mit neuen Erfindungen wie Autos und Flugzeugen umgehen sollten. Der Fortschritt hat begeistert und gleichzeitig Angst ausgelöst. Der Bau eines Roboters war ein Zeichen von Macht, ein Beweis, dass man sich an den Grenzen des technisch Machbaren orientierte. Roboter wurden zum Symbol für Wandel und Innovation.

The European: Genauso wie heute auch.
Sharley: Ganz genau. Honda hat mit dem ASIMO-Roboter das Gleiche versucht: Der Roboter wurde nie verkauft, sondern sollte einfach deutlich machen, dass Honda das notwendige Know-how und die Ressourcen besitzt. ASIMO war ein Werbegag. Wir Menschen sind von solchen Projekten begeistert, da wir automatisch versuchen, zu personifizieren und Empathie aufzubauen.

The European: Wir vergleichen Roboter mit Menschen?
Sharkey: Wir projizieren gerne einen Teil unseres Menschseins auf Maschinen – dafür sind Roboter ideal geeignet. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Im Krieg entwickelt sich oftmals eine sehr enge Verbindung zwischen Soldaten und den ferngesteuerten Robotern, die zur Bombenentschärfung eingesetzt werden. Die Soldaten nehmen den Roboter fast als einen Kameraden wahr. In einem Fall haben sie der Wartungshalle den Spitznamen „Roboter-Krankenhaus“ gegeben. Sie haben ihre beschädigten Roboter zur Reparatur gebracht aber wenn ihnen die Mechaniker einen neuen Roboter zum Austausch angeboten haben, dann haben sie oft abgelehnt. Sie wollten keinen anderen Roboter. Manche Soldaten haben die Maschinen in ihrer Freizeit sogar mit zum Angeln genommen.

„Die Grenze zwischen Mensch und Roboter verschwimmt zusehends“

The European: Glauben Sie, dass wir künftig eine intensivere Beziehung zu Robotern haben werden?
Sharkey: Vieles spricht dafür. Kinder und ältere Menschen haben oft ein sehr enges Verhältnis zu Robotern, die in der Kinderbetreuung oder Altenvorsorge eingesetzt werden. Aber das wird uns vor immense Probleme stellen.

The European: Warum?
Sharkey: Wir stehen vor einem moralischen Dilemma. Aus ethischer Sicht ist eine Beziehung zu einem Roboter pure Selbsttäuschung. Kleinkinder fallen auf Roboter herein: Studien haben gezeigt, dass sie Roboter für kognitiv begabter halten als beispielsweise Hunde. Sherry Turkle hat es so ausgedrückt: „Kinder lieben Dinge, selbst wenn sie nicht zurückgeliebt werden.“ Roboter sollten also Aufgaben in der Kinder- oder Altenpflege erledigen, aber nicht die Betreuung von Menschen übernehmen.

The European: Ein Roboter könnte durchaus ein guter Gefährte für ältere Menschen sein – beispielsweise, indem er von der Einsamkeit ihres Alltags ablenkt.
Sharkey: Das ist doch genau das Dilemma. Roboter werden sehr häufig und mit gewissem Erfolg in der Therapie eingesetzt. Auf der anderen Seite nimmt es einem Menschen die Würde, da er vielleicht nicht mehr in der Lage ist, einen Roboter als rein künstliches Objekt zu erkennen. Aus ethischer Sicht müssen wir Vorteile und Nachteile gegeneinander abwiegen. Wenn Roboter für eine bessere Lebensqualität sorgen, dann ist Balance gefragt.

The European: Könnten Sie eine Beziehung zu einem Roboter aufbauen?
Sharkey: Nein. Ich weiß, dass ein Roboter nur aus Metall und Kabeln besteht – wie soll ich dazu eine Beziehung haben? Ich finde es aber sehr interessant, wie manche Menschen mit Robotern umgehen, beispielsweise mit Sex-Robotern.

The European: Sex-Roboter?
Sharkey: Ja, das ist eine aufstrebende Industrie. Ein Modell heißt „Roxxxy“ und ist als Roboter vollkommen lächerlich. Es sitzt einfach da und wenn man es berührt, sagt es: „Ich weiß, was du mit der Hand machen kannst.“ Es kann auch über Sport reden. Das ist schon sehr bizarr und ich hatte anfänglich nicht damit gerechnet, dass irgendjemand diese Roboter benutzen würde.

The European: Sie hatten unrecht.
Sharkey: Manche Menschen ziehen Sex-Roboter vor, denn anders als Menschen können Roboter einen nicht verlassen oder enttäuschen. Ich weiß von einem Fall, in dem ein junger Mann seine Freundin hat hypnotisieren lassen, damit sie mehr wie ein Roboter agiert. Er hat davon geträumt, Sex mit einem Roboter zu haben, und hat sich geweigert, mit seiner Freundin zu schlafen, solange sie sich nicht so verhält. In Südkorea boomen Bordelle, die mit Puppen anstatt mit Prostituierten gefüllt sind. Es ist komisch, aber die Kunden bauen eine Beziehung zu diesen Puppen auf. Warum sollte mit Robotern nicht das Gleiche passieren? Für manche Menschen verschwimmt die Grenze zwischen Menschen und Robotern zusehends.

„Roboter werden nicht das Hauptproblem sein“

The European: Warum ist es uns so wichtig, dass Roboter wie Menschen aussehen und sich auch so verhalten?
Sharkey: Das hängt davon ab, wie man „uns“ definiert. Studien haben gezeigt, dass es starke länderspezifische Unterschiede gibt. Allgemein ist es so, dass Asiaten ihre Roboter gerne menschenähnlicher hätten und wir im Westen mechanische Roboter bevorzugen. Der erste amerikanische Roboter war ein großer Blechmann. Der erste japanische Roboter war ein großer, fetter, lachender Buddha.

The European: Eine Sorge ist, dass Roboter in Zukunft die Arbeitsplätze vieler Menschen gefährden werden. Teilen Sie diese Befürchtung?
Sharkey: Ich bin mir nicht sicher. Es bedarf einer großen Menge an Leuten, um diese Roboter zu konstruieren, zu bauen und zu warten. Bestimmte Jobs werden durch die Automatisierung aber auf jeden Fall überflüssig. Ich glaube aber nicht, dass Roboter das Hauptproblem sein werden.

The European: Wie meinen Sie das?
Sharkey: Wir benutzen den Begriff „Roboter“ für alle möglichen mechanischen Geräte. In Südafrika werden Ampeln als Roboter bezeichnet! Algorithmen und Produktionsmaschinen unterscheiden sich aber deutlich von Robotern. Eine klare Definition ist schwer, daher sollten wir sorgsamer mit dem Begriff umgehen.

The European: Welche Definition benutzen Sie?
Sharkey: Mir gefällt, was Joseph Engelberger dazu gesagt hat: „Ich kann einen Roboter nicht definieren. Aber ich weiß, wenn ich einen vor mir sehe.“

The European: Roboter sind nicht nur für Fabrikeigentümer interessant, sondern auch für Generäle. Drohnen und Kampfroboter verändern die Kriegsführung.
Sharkey: An der Technologie an sich gibt es nichts auszusetzen, aber wir benutzen sie auf eine sehr fragwürdige Weise. Das Gleiche gilt auch für Gewehre: ein Stück Eisen ist aus ethischer Sicht neutral. Wenn wir allerdings von autonom agierenden Kampfrobotern sprechen, dann sieht die Sache schon anders aus.

The European: Weil der Roboter dann nicht lediglich ein Werkzeug ist, sondern effektiv Entscheidungen trifft?
Sharkey: Genau. Aber der Maschine fehlt die Fähigkeit, zu unterscheiden. Ein Roboter kann nicht unbedingt den Unterschied erkennen zwischen einem feindlichen Kämpfer mit einer Waffe und einem kleinen Mädchen, dass mit einer Eiswaffel auf ihn zeigt. Das macht solche Roboter sehr gefährlich.

„Drohnen fördern einen konstanten Kriegszustand“

The European: Glauben Sie, dass Kriege aufgrund von Drohnen und Robotern irgendwann ohne menschliches Blutvergießen geführt werden können?
Sharkey: Das ist eine Fantasievorstellung! Kriege sind viel zu komplex für solche Science-Fiction-Szenarios, es geht um sehr starke menschliche Gefühle: Um Wut, um Angst, um Rache. Ich zitiere gerne das Beispiel des Widerstandes der Iren gegen die Engländer. Wenn die beiden damals schon Roboter gehabt hätten und die irischen Roboter hätten die englischen geschlagen – glauben Sie, dass die Engländer dann einfach resigniert hätten: „Okay Jungs, ihr habt gewonnen, wir geben auf.“ Niemals! Wenn wir Roboter bauen wollen, um den Krieg mit Soldaten zu vermeiden, warum verzichten wir dann der Einfachheit halber nicht direkt auf den Krieg und spielen einfach Schach oder Fußball gegeneinander, um Streit auszutragen?

The European: Vielleicht ist ein Krieg ohne Blutvergießen auch gar nicht wünschenswert: Die Bedrohung für Menschenleben ist eines der stärksten Argumente gegen das Anzetteln eines Krieges.
Sharkey: Leider spielen Leichensäcke im Krieg eine wichtige Rolle. Die Möglichkeit des Blutvergießens macht Kriege weniger reizvoll, da Politiker um ihre Wählerstimmen fürchten müssen. Das wurde sowohl in Vietnam als auch im Irak deutlich. Ohne Blutvergießen würden Kriege niemals enden. Drohnen sind dafür ein passendes Beispiel: Weil die Soldaten gefahrlos per Fernsteuerung agieren können, sind Drohnen zur permanent eingesetzten Waffe geworden. Dadurch fördern sie einen konstanten Kriegszustand.

The European: Das klingt sehr dystopisch.
Sharkey: Das Problem mit Drohnen oder autonomen Robotern ist, dass viele Variablen sich nicht im Voraus bestimmen lassen. Wenn die Roboter eines Landes gegen die Roboter eines anderen Landes kämpfen, dann lässt sich das Ergebnis dieses Krieges nicht vorhersehen – so funktionieren autonome Computersysteme eben. Die Roboter könnten anfangen, Menschen umzubringen; sie könnten einen weiteren Krieg auslösen, wenn sie Ziele angreifen, deren Angriff niemand befohlen hat.

The European: Verantwortung wird in diesem Kontext sehr wichtig.
Sharkey: Sie können einen Roboter nicht für schuldig befinden und verurteilen, das ist klar. Das wäre wie ein Blankoscheck für das Militär, das dann alle Schuld auf die Maschinen abwälzen könnte. Das wäre sehr dumm und gefährlich. Und wie würde man einen Roboter überhaupt bestrafen? Indem man ihn abschaltet? Ein Roboter ist kein Mensch, daher versagt an dieser Stelle unser Rechtssystem.

The European: Unternehmen lassen sich bestrafen – und sie sind auch keine Menschen.
Sharkey: Ja, aber hinter jedem Unternehmen stehen Menschen, die von den Strafen betroffen sind. Das gilt für Roboter nicht. Wichtig ist, diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die Roboter kontrollieren oder kommandieren. Roboter wissen nicht, wie viel Gewalteinsatz angemessen ist; sie sorgen sich nicht um internationales Recht oder um Zivilisten. Es muss eine klare Befehlskette geben, weil so viel schieflaufen kann. Roboter können gehackt werden oder beschädigt oder missbraucht. Es macht mir Angst, über die möglichen Konsequenzen nachzudenken, aber genau diese Diskussion ist wichtig. Wir müssen den Einsatz solcher Roboter durch einen internationalen Vertrag verbieten, wenn wir die globale Katastrophe vermeiden wollen.

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