Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende. Peter Scholl-Latour

„Georgien kehrt in die europäische Familie zurück“

Zwei Jahre nach dem Krieg mit Russland bekräftigt die stellvertretende Außenministerin Georgiens den Reformwillen ihres Landes. Mit Martin Eiermann sprach sie über die Rechte ethnischer Minderheiten und die Hinwendung zur EU.

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The European: Der Krieg mit Russland ist seit zwei Jahren vorbei, die Spannungen bestehen weiterhin. Was hat sich aus georgischer Sicht seither verbessert?
Kalandadze: Vor dem Hintergrund, dass ein Fünftel unseres Landes seit August 2008 von Russland besetzt ist und dass Hunderttausende von Menschen nach wie vor nicht in ihre Heimat in Abchasien und Südossetien zurückkehren können, kann kaum von Verbesserungen gesprochen werden. Dass die Russen vor Kurzem das Dorf Perewi verlassen haben, ist erfreulich. Man sollte es aber nicht als Zeichen eines umfassenden Rückzugs und eine Aufgabe der Besetzung missverstehen. Dafür gibt es leider bislang keine Anzeichen. Russland ist weit entfernt von der Erfüllung des Friedensabkommens und wird ohne deutlicheren Druck durch die internationale Staatengemeinschaft auch wohl kaum zu entscheidenderen Schritten zu bewegen sein.

The European: Hätten Sie sich von der EU und den USA eine stärkere Einflussnahme seit 2008 gewünscht?
Kalandadze: Wir sind dankbar für jede Unterstützung, die uns gegeben wurde, und meinen dennoch, dass die internationale Gemeinschaft zum Teil noch mehr hätte tun können und müssen – auch im eigenen Interesse. Die Genfer Gespräche unter Beteiligung der EU und der USA haben zwar zu keinem wirklichen Durchbruch geführt, aber auch Teilerfolge wie der Rückzug aus Perewi sind ausschließlich hierauf und auf den internationalen Druck zurückzuführen. Entsprechend dankbar sind wir auch für die europäische Monitoring-Mission, die einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit in unserem Land leistet. Gleichwohl arbeiten wir auf georgischer Seite weiter an einer Annäherung der beiden Länder. Erst kürzlich hat der georgische Präsident erneut die Bereitschaft Georgiens zu Gesprächen mit Russland betont – an jedem Ort, zu jeder Zeit, ohne Vorbehalt. Die einzige Bedingung unsererseits ist, dass der Rückzug Russlands und die Freigabe der besetzten Gebiete mit auf der Tagesordnung stehen und Teile des Dialogs sind. Ein konstruktiver Dialog und das Bestreben, bestehende Probleme auf dem Weg aufrichtiger Verhandlungen zu lösen, sind die wesentlichen Merkmale, die eine Demokratie von einem totalitären Staat unterscheidet. Georgien ist ein demokratisches Land und folglich bereit zum Dialog und zu Verhandlungen.

“Wir leisten einen Beitrag zur Sicherheit der Allianz”

The European: Georgien hat sich nach dem Konflikt mit Russland aus der GUS zurückgezogen. Wie wichtig ist es jetzt, dass EU und NATO Georgien als Partner akzeptieren?
Kalandadze: Georgien ist bereits ein anerkannter Partnerstaat der Europäischen Union ebenso wie der NATO. Ein regelmäßiger bilateraler Austausch und enge Beziehungen zu wichtigen Institutionen wie der ENP (Europäische Nachbarschaftspolitik), der EaP (Eastern Partnership) oder der NGC (NATO-Georgia Commission) belegen das. Jüngstes Ergebnis der regelmäßigen Gespräche zwischen Vertretern der EU und der georgischen Regierung ist zum Beispiel das Abkommen über Visaerleichterungen. Außerdem arbeiten wir an einem Freihandelsabkommen und an weiteren notwendigen Schritten in Richtung eines Assoziierungsvertrags zwischen der EU und Georgien. Die Mitgliedsstaaten der NATO haben bereits auf ihrer Konferenz in Bukarest Anfang 2008 als ausdrückliches Ziel formuliert, dass Georgien Mitglied der NATO werden sollte. Die hierfür von der Georgien-Kommission der NATO festgelegten notwendigen Reformen setzen wir derzeit Zug um Zug um und leisten parallel dazu bereits einen, wie wir finden, sehr respektablen Beitrag zur Sicherheit der Allianz: Mit insgesamt 1000 nach Afghanistan entsandten Soldaten steht Georgien – im Verhältnis zur Gesamtbevölkerungszahl – an der Spitze aller Nationen, die Soldaten nach Afghanistan entsandt haben.

The European: Die USA haben ihre Unterstützung für Georgien auch mit außenpolitischem Kalkül verbunden. Riskiert Ihr Land, in Fragen der Energieversorgung oder der militärischen Allianzen zum Spielball der Mächte zu werden?
Kalandadze: Georgien hat eine souveräne und unabhängige Außenpolitik, die eigene Interessen und eventuelle Versuche fremder Einflussnahme sehr gut zu erkennen weiß. Im Übrigen kennt und schätzt die internationale Gemeinschaft Georgien als zuverlässigen und stabilen Partner. Dabei sind wir uns auch der besonderen geopolitischen Lage Georgiens bewusst, die nicht zuletzt hinsichtlich einer Absicherung der gesamteuropäischen Energieversorgung eine zentrale Rolle spielt. Das ist eine Verantwortung, die wir als Partner Europas sehr ernst nehmen.

The European: Die georgische Verfassung ist westlich geprägt und garantiert viele Bürgerrechte, zum Beispiel Presse- und Religionsfreiheit. Immer wieder gibt es aber Berichte, denen zufolge vor allem einige der 25 ethnischen Minderheiten in Georgien ihre Rechte nur schwer durchsetzen können. Was tut die Regierung, um die Umsetzung der Verfassung zu garantieren?
Kalandadze: Artikel 38 der georgischen Verfassung garantiert allen Bürgern von Georgien die gleichen Rechte, unabhängig von ihrer ethnischen Abstammung, ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrer Sprache. Entsprechend befasst sich die georgische Regierung regelmäßig und intensiv mit dem Schutz ethnischer Minderheiten. 2005 hat sich Georgien der Europäischen Konvention für den Schutz von Minderheiten angeschlossen. 2009 hat unsere Regierung ein nationales Programm für Toleranz und Integration verabschiedet. Ein weit reichendes, strategisches Konzept, das die Grundlage ist für sehr konkrete Maßnahmen, die uns helfen werden, Georgien als eine demokratische Gesellschaft zu stabilisieren. Einer Gesellschaft, die einerseits auf gemeinsamen ethischen Werten basiert und die zugleich die Vielfalt der hier zusammenlebenden Ethnien und Kulturen als eine Stärke erkennt. Unser erklärtes Ziel ist es also, dass in Georgien jeder Bürger die Möglichkeit hat, seine eigene Identität frei zu entfalten und Traditionen zu bewahren. Dafür werden, vor allem im Bereich der Bildung, die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen: Sprachkurse, die es Angehörigen der ethnischen Minderheiten ermöglichen, die offizielle Amtssprache zu erlernen; Vorbereitungskurse zur Erleichterung der Aufnahme an den Hochschulen; das Angebot, bestimmte Prüfungen auch in aserbaidschanischer, armenischer, ossetischer und abchasischer Sprache ablegen zu können, und vieles mehr. Außerdem hatte die zentrale Wahlkommission Georgiens im Vorfeld der Regionalwahlen vom Mai 2010 eine Arbeitsgruppe eingerichtet, deren Mitarbeiter sich ausschließlich darum kümmerten, Angehörige ethnischer Minderheiten über ihre demokratischen Rechte zu informieren und zur Teilnahme an den anstehenden Wahlen zu bewegen – eine überaus wichtige Aufklärungs- und Motivationsarbeit. Und nicht zuletzt ist der öffentlich-rechtliche Fernsehsender Georgiens, vergleichbar jenen in Deutschland, verpflichtet, dafür zu sorgen, dass das Programm eine ethnische, kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt und Ausgewogenheit widerspiegelt.

“Georgien ist eine junge Demokratie”

The European: 2007 verabschiedete die UN-Vollversammlung die Deklaration der Rechte indigener Völker. 143 Länder haben die Initiative unterstützt – einschließlich sämtlicher aller EU-Länder. Georgien hat sich enthalten. Warum?
Kalandadze: Auf georgischem Territorium leben keine indigenen Völker in dem Sinne, wie sie die von Ihnen angesprochene Erklärung meint. Insofern gab es für Georgien keinen Anlass, seine Stimme zu dieser Erklärung zu erheben.

The European: Viele andere Unterzeichner haben ebenfalls keine indigene Bevölkerung; diesen Unterzeichnern geht es um die Affirmation von internationalem Recht. Ist die westliche Kritik im Bezug auf die Bedeutung von Menschenrechten oder die Bekämpfung von Korruption gerechtfertigt?
Kalandadze: Georgien ist eine junge Demokratie. Innerhalb weniger Jahre haben wir es geschafft, einen Fehlstart zu korrigieren, der nur das Etikett Demokratie trug, tatsächlich aber ein System der Vetternwirtschaft, Korruption und Unterdrückung war. Heute ist Georgien das von Menschenrechtsorganisationen am wenigsten kritisierte Land in unserer Region. Die Korruption ist ausgemerzt. Und die Weltbank nennt Georgien das führende Land weltweit im Hinblick auf politischen Reformwillen. Ich finde, das spricht für sich.

The European: Georgien ist historisch und kulturell von vielen Einflüssen geprägt worden. Hat das Land eine “europäische” Identität? Wie definieren Sie diese?
Kalandadze: Mit Georgien verbinden sich sehr zentrale Kapitel der Geschichte und der Kultur, aber auch der Wertesysteme dessen, was wir heute als Europa verstehen. Das georgische Volk war und ist sich seiner europäischen Wurzeln sehr bewusst. Trotz jahrhundertelanger Isolation hat unser Volk sein europäisches Selbstverständnis, seine europäische Identität und viele europäischen Traditionen bewahrt. Jetzt, nach dem Zerfall der Sowjetunion und der wiedererlangten Unabhängigkeit, kehrt Georgien wieder in die europäische “Familie” zurück. Jede Reform, die wir hier durchführen, ist ein Schritt in diese Richtung.

The European: Welche Rolle spielt Georgien innerhalb der Region, als Motor für Entwicklung und als Brücke zwischen Europa und Asien?
Kalandadze: Allein schon auf Grund seiner geografischen Lage ist Georgien die Brücke zwischen Europa und Asien. Daraus resultiert eine enorme Bedeutung – für die politische Stabilität, für die Wirtschaft, den Handel und die Energieversorgung, aber auch für den kulturellen Austausch und die Annäherung der Völker. Vor diesem Hintergrund sind die demokratische Entwicklung und die Vorreiterrolle, die Georgien hinsichtlich der Schaffung demokratischer Strukturen unter den ehemaligen sowjetischen Staaten einnimmt, von hoher Bedeutung. Unser Bruttoinlandsprodukt wird 2010 voraussichtlich um sechs Prozent wachsen, trotz des Krieges mit Russland und auch bedingt durch die konsequente Hinwendung zur Demokratie. Darauf sind wir stolz.

The European: Kirgistan hat im Oktober 2010 gewählt – relativ friedlich und frei. Kann die Wahl auch Signalwirkung für die anderen Länder der Kaukasus-Region haben?
Kalandadze: Generell ist jede demokratische Entwicklung eines ehemals unfreien und unterdrückten Staates ein Erfolg und ein Beispiel, das anderen Ländern zeigt: Es ist zu schaffen.So gesehen waren die Wahlen in Kirgistan und auch die georgischen Regionalwahlen ein positives Signal für den Kaukasus. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man unterstellt, dass die derzeit wieder besonders spürbare Nervosität Russlands gegenüber Georgien sehr erheblich mit den vielen demokratischen Reformen zu tun hat, die von der amtierenden georgischen Regierung innerhalb weniger Jahre durchgeführt wurden und die ein lange unterjochtes und scheinbar gebrochenes Land in eine funktionsfähige Demokratie verwandelt haben. Die russische Regierung ahnt die Gefahr der Ansteckung und sie fürchtet, dass der Impuls eines Tages überspringen und dann auch die Bevölkerung Russlands eine Überwindung des autoritären Systems einfordern könnte.

The European: Botschafterin Frau von Habsburg hat Georgien als “Vorbild für Integrationspolitik” bezeichnet. In Deutschland wird momentan viel über das Thema diskutiert. Was können wir von der – nicht immer reibungslosen – georgischen Erfahrung lernen?
Kalandadze: “Integration” ist ein sehr weit reichender Begriff und eine sehr komplexe Angelegenheit. Jedes Volk wird es etwas anders definieren. Jeder Staat muss seinen eigenen Weg finden, um sie umzusetzen und um regelmäßig kritisch zu hinterfragen, ob das, was man als “Integration” versteht, anbietet oder einfordert, auch noch zeitgemäß ist. Ich sage nicht, dass in Georgien immer alles reibungslos ging. Aber Georgien kann mit Stolz von sich sagen, dass hier seit vielen Jahrhunderten Angehörige unterschiedlicher ethnischer und religiöser Gruppen sehr friedlich zusammen leben. In Tiflis gibt es auf einem Quadratkilometer eine Moschee, eine Synagoge, eine gregorianische und eine orthodoxe Kirche – jede von ihnen mehrere Jahrhunderte alt. Und wenn behauptet wird, es gebe ein Problem zwischen Georgiern und Abchasen oder zwischen Georgiern und Osseten, dann ist das schlichtweg falsch. Tatsächlich leben zahlenmäßig mehr ethnische Osseten über ganz Georgien verstreut als in der Region um Zchinwali. Und die von Russland so stark unterstützte, separatistische Bewegung in Abchasien ist in Wahrheit eine Minderheit – leider eine, die zum Einsatz aller Mittel entschlossen zu sein scheint.

The European: Unterschätzen wir die Chancen, die eine Osterweiterung und eine Einbeziehung Georgiens in die EU bietet? Oder sagen Sie: Realpolitik dauert; es ist alles nur eine Frage der Zeit?
Kalandadze: Wir sind fest überzeugt davon, dass sowohl die Zukunft der EU als auch die langfristige Weiterentwicklung der NATO sehr wesentlich mit einer weitergehenden Einbindung osteuropäischer Staaten einher gehen muss und wird. Die Argumente dafür ähneln sehr stark denen, die zur ersten Ost-Erweiterung der EU geführt haben. Wer ein freies, friedliches, sicheres und in Wohlstand lebendes “Europa” einfordert, der kann dieses Europa nicht in den Grenzen der heutigen EU denken. Europa ist größer als die derzeitige EU. Ein Land wie Georgien stellt in vielfacher Hinsicht eine Bereicherung für die zukünftige EU dar. Wer das nicht sieht und die Politik der Ost-Erweiterung nicht aktiv vorantreibt, der riskiert, dass das “Haus Europa” unfertig bleibt – und instabil.

The European: Welche konkreten Schritte erhoffen Sie sich für nahe Zukunft von Ihren europäischen Kollegen?
Kalandadze: Hinsichtlich einer Mitgliedschaft in der EU setzen wir auf eine zügige Weiterführung der notwendigen Gespräche und Verhandlungen und werden unsererseits alles tun, um die Bedingungen für einen Beitritt Schritt für Schritt vollends zu erfüllen. Bezüglich einer Mitgliedschaft Georgiens in der NATO gibt es eine Erklärung, die gefasst wurde auf dem Treffen der NATO-Mitgliedsstaaten in Bukarest, im Januar 2008. Diese Erklärung ist für uns wegweisend. Daneben hoffen wir auf weiteren, klaren Beistand, wenn es darum geht, Russland zum Rückzug aus den besetzten Gebieten in Georgien zu bewegen.

Leserbriefe

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    Kevin Fischer – 18.11.2010 - 15:59

    Es ist mir klar, dass in einer jungen Demokratie nicht alles so verläuft, wie es die entsprechenden Vorschriften vorsehen. Trotzdem ist die EU-Erweiterung entgegen der jetzigen herrschen Meinung nicht nur eine Chance für eine junge Demokratie, sondern auch eine Chance für die EU, sowohl in kultureller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die EU-Mitgliedschaft darf jedoch für Georgien nicht ein Selbstzweck werden. Man sollte schrittweise denken und versuchen, zunächst in die Wirtschaftsgemeinschaft einzutreten.

  • Theeuropean-placeholder
    Kapba – 19.11.2010 - 00:51

    Immer sind die Russen schuld. Und die Minderheiten warscheinlich auch. Es gibt auf der Welt kein Staat wo die Minderheiten so viele Probleme haben wie in Georgien. Es gibt keine einzige Minderheit in Georgien das keine Probleme mit Tiflis hat. Vor einiger Zeit hat Saakaschwili vollmundig behauptet dass Georgien das demokratischste Land in Europa sei. Und bombardiert am Eröffnungstag der Olympischen Spiele ein kleines Volk zu Grund und Boden. Tolle Demokratie.

  • Theeuropean-placeholder
    Kevin Fischer – 19.11.2010 - 11:04

    Wenn ich immer wieder die Lesebriefe mancher Internetnutzer lese, glaube ich daran, dass es die sog. POV-Krieger tatsächlich gibt. Dass Georgien die Minderheiten unterdrücke…, war doch der bekannte Grund eines Nachbarlandes, um in Georgien einzumarschieren. Die Bundesrepublik hätte viel härtere Maßnahmen ergriffen, als Georgien, wenn eine Minderheit durch ein Drittes Land in der Weise instrumentalisiert worden wäre, wie es in Georgien geschah. Selbst Sie Herr Kapba scheinen derjenige zu sein, dessen Vorfahren ein russischer Zar aus Abchasien vertreiben ließ (www.kapba.de). Wie können ausgerechnet Sie dem Drehbuch glauben, das in Russland geschrieben wurde? Da die damalige abchasische Minderheitsregierung keinen Schritt ohne Russland machte und unumstritten eine ethnische Säuberung an der georgischen Bevölkerung beging? Unumstritten ist unter allen Expertenkreisen, dass in der Sowjetzeit die Autonomiepolitik Georgiens vollkommen in Russland gesteuert wurde. Daran hat in Abchasien bis heute nicht viel geändert. Die Umsiedlungspläne, die in Russland eine beschlossene Sache ist, wird in Abchasien eine identifikationsvernichtende Russifizierung zur Folge haben. Wie seriös die Unabhängigkeitsbestrebungen Abchasiens ist, sieht man an Bekundungen der bisherigen abchasischen Führer, die die Eingliederung Abchasiens in die Russische Föderation fordern.

  • Theeuropean-placeholder
    kapba – 20.11.2010 - 02:32

    Soll ich die Russen heute, für etwas was ihre Grossväter von rund 150 Jahren den Abchasen angetan haben verurteilen. Es war nicht gut was damals geschah. Es ist so wie es ist. Wir haben damals gegen die Russen gekämpft und verloren. Teils sind wir vertrieben worden, teils, was ich noch schlimmer finde, sind mehr Abchasen als die Vertriebenen in das Osmanische Reich übergesiedelt, weil Teile ihrer Verwandschft schon da waren.

    Was die Umsiedlungspolitik in der Sowjetzeit angeht, sollte man besser hinschauen. Bevor Stalin und Beria, beide Georgier, an die Macht kamen, konnte man die Zahl der Georgier in Abchasien an einer Hand abzählen. Erst in den 1930’er und 40’er Jahren, nach Zwangsumsiedlung der Georgier aus verschiedenen Teilen Georgiens nach Abchasien, nahm die Zahl der Georgier sprunghaft zu. So dass die Abchasen schon Ende der 1940’er Jahre im eigenen Land zu einer Minderheit wurden. Unter Stalin und Beria hatten Alle zu leiden. Besonders aber die Minderheiten. In der Sowjetzeit während des Zweiten Weltkrieges hatte jede der Sowjtrepubliken ihren Soll an Material und Soldaten zu leisten. Die Georgier haben ihren Soll zum grössten Teil mit den Minderheiten erfüllt. Nicht anders zu erklären ist die Tatsache dass ein abchasischer Vater von Sechs Kindern in den Krieg geschickt wurde.

    Dass Georgien seine Minderheiten unterdrückt und ihre Rechte untergräbt ist eine Tatsache. Georgien erlaubt z.B. den türkischstämmigen Meschcheten, die von Stalin nach Mittelasien deportiert wurden, immer noch nicht die Rückkehr nach Georgien.

    Das mit der ethnischen Säuberung ist ein Ammenmärchen der Georgier. Nach Ende der Kriegshandlungen im September 1993 sind ca 30.000 Georgier in Abchasien geblieben. Denen ist ja auch kein Haar gekrümmt worden. Nach und nach sind weitere 60.000 Georgier nach Abchasien zurückgekehrt, so dass die Zahl der Georgier in Abchasien bei ca 90.000 liegt. Und die werden nicht von den Abchasen sondern vom georgischen Geheimdienst terrorisiert. Es gibt einige Georgier die vom georgischen Geheimdienst entführt und umgebracht wurden (siehe den Fall David Sigua). Das ist sogar von dem georgischen Menschenrechtler Paata Zakareischwili festgestellt worden.

    Es gibt so einiges was ich schreiben könnte, aber es würde hier den Rahmen sprengen.

    Zu guter letzt: Als abchasischer Delegationsmitglied bei den Genfer Verhandlungen, weiss ich wovon ich rede.

  • Theeuropean-placeholder
    Archivar – 20.11.2010 - 06:47

    “Sprachkurse, die es Angehörigen der ethnischen Minderheiten ermöglichen, die offizielle Amtssprache zu erlernen”

    Das klingt mir nach einer gezielten Assimilationspolitik gegenüber autochthonen Minderheiten. Wenn im Gebiet Georgiens seit Jahrhunderten verschiedene Völker siedeln, müsste der Staat auch mehrere offizielle Amtssprachen zulassen. Forderungen nach sprachlicher Integration, die man an Menschen stellen kann, die freiwillig in europäische Gesellschaften zugewandert sind, können in diesem Fall keine Geltung haben. Die zitierte georgische Maßnahme zur Sprachförderung entspräche einer Forcierung von deutschen Sprachkursen in der französischsprachigen Schweiz, damit die Romands mal ordentlich die alleinige deutsche Amtssprache lernen – absurd.

    Sehr naiv zu glauben, Abchasien und Südossetien würden in einen Staat freiwillig zurückkehren, der sie georgisieren möchte. Aber selbst wenn es anders wäre, sind diese Gebiete realistisch betrachtet für Georgien verloren, je früher die georgische Gesellschaft dies einsieht desto besser. Vorwerfen kann man den Georgiern ihr Festhalten an diesen Territorien freilich nicht. Wir Deutschen haben mindestens bis zur Brandtschen Ostpolitik, d. h. 25 Jahre, gebraucht bis sich die Erkenntnis weitgehend durchgesetzt hat, dass die deutschen Ostgebiete verloren sind.

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