Europa zurückabzuwickeln – das wäre ein schrecklicher und historischer Irrtum. Hans-Dietrich Genscher

Hitchslap

Heute vor 3 Jahren verstarb der großartige, einzigartige, unerreichte Christopher Hitchens. Seitdem wird seine Polemik schmerzlich vermisst.

Seit drei Jahren fehlt nun schon der Mann, der Mutter Teresa einst „den Ghul von Kalkutta“ nannte, der jeder Form von organisierter Religion mit seinem Bestseller „God is not Great“ in den Arsch getreten hat und der sich nie zu schade dafür war, ihm liebgewonnene intellektuelle Positionen zu verwerfen, wenn er eines Besseren belehrt wurde.

In Zeiten der scheibchenweisen Veröffentlichung des CIA-Folterreports lohnt es sich, darauf hinzuweisen: Als Hitchens einmal von einem Kollegen bei der „Vanity Fair“ dazu aufgefordert wurde, sich doch gefälligst selbst der Prozedur des Water Boardings zu unterziehen, wenn er sie schon als legitimes, nicht wirklich dramatisches Mittel zur Befragung bezeichnet, hat er das als Herausforderung aufgefasst und sie angenommen.

Anschließend hat er diese Methode als Folter verdammt und die Regierung immer wieder aufgefordert, sie nicht länger anzuwenden.

Über das Ziel hinaus

Hitchens war ein exzessiver Mensch. In unzähligen Anekdoten wird er als eine Art Hemingway’scher Charakter beschrieben – jemand, der regelmäßig die gefährlichsten Orte der Welt aufsuchte, um sich vor Ort ein eigenes Bild der Lage zu machen und mit den Menschen zu sprechen und ebenso regelmäßig Freunde und Kollegen beim gemeinsamen Abendessen ohne mit der Wimper zu zucken unter den Tisch getrunken hat.

Während andere nach solchen Gelagen Mühe hatten, sich wieder zusammenzusammeln, schrieb Hitchens unter Einfluss von Hochprozentigem seine brillanten Reportagen und Kolumnen. Vielleicht sogar deswegen.

In Erinnerung bleiben wird neben seinen politisch hellsichtigen, manchmal über das Ziel hinausschießenden, aber rhetorisch immer brillanten und sprachwitzigen Essays über zeitgeschichtliche Persönlichkeiten wie die erwähnte Mutter Teresa (um den Buchtitel „The Missionary Position“ wird er heute noch beneidet) und Henry Kissinger vor allem aber der überzeugte, streitlustige Atheist (Eigenbezeichnung: Antitheist) in Wort und Schrift. Der Erfinder des Hitchslap.

Seine unglaubliche Schlagfertigkeit war zu fürchten

Der Terminus Hitchslap bezeichnet ein ohne zeitliche Verzögerung vorgetragenes durchschlagendes Gegenargument und/oder ironisches Bloßstellung dessen, was (religiöse) Debattengegner für (tatsächlich nur scheinbar) logische oder nachvollziehbare Begründung der eigenen Position halten. In unzähligen Debatten, die Hitchens öffentlich mit radikalen und gemäßigten Befürwortern von Religion geführt hat (darunter sein eigener Bruder, der Autor Peter Hitchens, und der ehemalige Premierminister Großbritanniens, Tony Blair), wendete er dieses rhetorische Mittel auf seine Gegnerschaft an und lehrte sie, seine unglaubliche Schlagfertigkeit zu fürchten. Die konnte sich in einem kurzen Disput mit einem Mann aus dem Publikum ergeben:

Mann: „Ich bin ein Gläubiger, also habe ich …“
Hitchens: „Sie sind ein Gläubiger von was?“
Mann: „Das spielt doch keine Rolle.“
Hitchens: „Genau das denke ich auch!“

Oder aber während längerer Auseinandersetzungen mit zahlreichen Diskussionsteilnehmern.

Vor einem Hitchslap war niemand gefeit.

Religion war für ihn die größte moralische Zumutung am Menschen

Das liegt einerseits wie bereits erwähnt an Hitchens’ rhetorischen Fähigkeiten. Andererseits liegt es an der Vehemenz, mit der er Religion ablehnt. Nicht nur ein bisschen, nicht nur da, wo sie auch gemäßigten Anhängern übergriffig und veraltet erscheint, sondern immer. Für Hitchens war das dringlichste Problem mit Religion im Gegensatz zu seinem Freund und atheistischen Mitstreiter Richard Dawkins nicht die Unwissenschaftlichkeit und die faktischen Widersprüche, auch wenn er sich dieser Tatsachen in Reden und Schriften immer wieder bedient hat.

Für Hitchens war Religion vor allem anderen die größte moralische Zumutung an Menschen, die man sich vorstellen kann. Er verstand Religion als ersten Versuch. Den ersten Versuch von Menschen, sich die Welt zu erklären und Moral zu institutionalisieren. Damit hatte er kein Problem und konnte diesen Umstand kulturwissenschaftlich sogar wertschätzen.

Sein Problem mit Religion war das Beharren auf den Ergebnissen und „Erkenntnissen“ dieses ersten Versuches und das Installieren von beliebigen Formalitäten als absolut. Religion also nicht nur als Affront gegen die Freiheit des Menschen, weil sie eine Art himmlischen Diktator einsetzt, der Individuen permanent überwacht, nie die vollständige Verantwortung übernehmen lässt und ein widerlich-obsessives Interesse an den Genitalien seiner Schöpfung hat. Sondern auch als sinnentleertes Festhalten an überkommenen Ritualen und Praxen um ihrer selbst Willen. Es kann eben auch ein Schuh sein.

Wie Goethes Mephisto empfand er es als ultimative Verletzung seiner Würde, Gottes Raum angeblich nicht verlassen zu können. Hitchens formulierte das einmal so:

„Nicht nur, dass Religion Ihnen das Leben verhagelt, meine Damen und Herren. Nach dem Tod geht der Spaß erst so richtig los. Und falls Sie sich auf der sicheren, weil paradiesischen Seite wähnen – ich bitte Sie: Wir reden von einem himmlischen Nordkorea mit einem ultimativen Diktator, der alles beherrscht, was Sie unsinnigerweise einmal für Ihren freien Willen gehalten haben. Ich war in Nordkorea, und wissen Sie, was: Zumindest kann man sterben und so das verschissene Nordkorea verlassen!“

Religionskritik als humanistischer Widerstandsakt

Christopher Hitchens sah seine Religionskritik (und er meinte zumeist die drei abrahamitischen Religionen) als humanistischen Akt des Widerstands an. Er wusste, dass das Bedürfnis nach Religion an sich nicht auszulöschen ist und er hat es nie versucht. Selbst wenn die gesamte Menschheit morgen mit Amnesie erwacht und alle religiösen Zeugnisse verschwunden wären, würde Religion erneut entstehen. Aber er hatte an Religion immer „ein paar Fragen, Zumutungen und Beschimpfungen“.

Das christliche Erlösungsversprechen empfand er als Frechheit. Hitchens wollte nicht, dass irgendwer irgendwann für seine Sünden gestorben ist, den er nie darum gebeten hat. Er wollte für seine Sünden selbst verantwortlich sein. Er hat sich seine Sünden nicht nehmen lassen. Schon gar nicht von Menschen, die den Umstand, dass Religion für viele Menschen funktioniert, mit einem Argument dafür verwechseln, ob sie wahr ist oder nicht.

Die Tatsache, dass mein Glaube an Einhörner glücklich und zu einem besseren Menschen macht, ist noch lange kein Beleg dafür, dass es Einhörner gibt. Von Menschen, die sich für die Pascalsche Wette begeistern, ohne zu sehen, dass sie nur eine moralische Bankrotterklärung darstellt. Ein Spielchen für Leute, die nicht gern Verantwortung übernehmen. Von Menschen, denen nicht aufgefallen ist, dass sie in Bezug auf Zeus, Wotan, Inanna, Shiva und Osiris genauso atheistisch denken wie Hitchens – er war eben nur eine Gottheit weiter.

Oder von Menschen, welche die Opferung (beziehungsweise Bindung) Isaaks für eine großartige Sache halten statt für eine frühe Beschreibung des Milgram-Experiments, bei dem jemand seine eigenen Vorstellungen von Richtig und Falsch durch das ersetzt, was er für den göttlichen, also totalen Willen hält. Wenn man das zu tun gewillt ist, kann man Begriffe wie richtig und falsch, gut und böse eigentlich aus seinem Sprachschatz streichen. Denn dann zählt als Kriterium nur noch, was man für gottgewollt hält und was nicht. Religion hat Moral nicht erfunden.

Den Israeliten war nicht erst nachdem Moses Gottes Gebote verkündigt hat klar, dass es falsch ist, seine Mitmenschen zu töten. Religion nimmt Moral lediglich in Geiselhaft und versieht sie mit einer finalen, für die Ewigkeit geltenden Drohung: Du wirst nicht davonkommen! Wenn du dies oder das tust beziehungsweise nicht tust, dann …

Er wird immer das letzte Wort haben.

Das kann zu so positiven Dingen wie Nächstenliebe führen. Oder aber zu Terror und Gewalt. In beiden Fällen entledigen sich Menschen ihrer ureigensten Verantwortung und schieben sie Gott zu. Sie sind ja nur Gottes Werkzeug. Hitchens mochte die Vorstellung von menschlichen Werkzeugen nicht. Stattdessen begeisterte er sich für fehlbare menschliche Individuen. Manche von ihnen sind sogar religiös wie Hitchens’ Freund, der bekannte Genetiker und überzeugte Christ Francis Collins.

Wenn man der englischen Sprache mächtig ist, lohnt es sich in jedem Fall, sich Debatten mit Christopher Hitchens anzuschauen (im Internet gibt es zahlreiche zu finden) – und sei es nur, um sich die hohe anglo-amerikanische Debattierkunst vorführen zu lassen, die in Deutschland leider so gar keine Tradition hat. Denn letztendlich ist es so, wie Carol Blue am Ende des furiosen, posthum erschienenen Buches ihres krebskranken, sterbenden Mannes sagt:

Christopher wird immer das letzte Wort haben.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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