Einen gerechten Krieg gibt es nicht. Robert Sedlatzek-Müller

Krieg gegen Frauen

In den USA hat ein junger Student sechs Menschen getötet und als Grund Hass auf Frauen angegeben – sowie auf die Männer, die sie liebten. In was für einer Welt hat dieser Mensch nur gelebt?

Ich bin so ein großartiger Kerl. Ich bin wunderschön – das könnt ihr nicht leugnen. Ich habe die ganze Welt bereist und so viel zu erzählen. Ich bin zivilisiert, intelligent, kultiviert.

Der junge Mann, von dem dieses Zitat stammt, ist mittlerweile tot. Am Freitag, den 23. Mai 2014, tötete Elliot Rodger sechs Menschen und verletzte dreizehn weitere, bevor er sich in seinem Wagen während eines Schusswechsels mit der Polizei selbst in den Kopf schoss.

Mit 22 ungeküsst

Der sich selbst als zivilisiert und kultiviert beschreibende Student hat Menschen erstochen, erschossen und mit dem Auto niedergefahren. Und er hat die Welt wissen lassen, warum er es getan hat. In seinem über hundert Seiten langen Manifest mit dem Titel „Meine verdrehte Welt“ und mehreren Videos kreisen seine Gedanken immer wieder um die Einsamkeit und die Ablehnung, denen er sich ausgesetzt sieht und diejenigen, die er dafür hauptsächlich verantwortlich macht: Frauen.

Für Elliot Rodger war es die Schuld von Frauen, dass er mit zweiundzwanzig Jahren immer noch ungeküsst und Jungfrau war. Er hielt es nicht aus, dass er Frauen begehrte, aber sie ihn nicht. Und er verstand nicht, wieso er nichts dagegen machen konnte. Aus seiner Sicht tat er alles, um attraktiv zu wirken. Er zog sich nett an, gab sich höflich, fuhr einen schnellen Wagen und trug 300 Dollar teure Sonnenbrillen. Trotzdem nahmen sich Frauen immer wieder heraus, nicht das zu tun, was Elliot Rodger wollte, sondern ihren eigenen Willen zu haben. Und dafür wollte er sie bestrafen. Sie und die Männer, die es seiner Meinung nach nicht verdient hatten, dass Frauen sich ihnen liebevoll und begehrend zuwenden.

In einem seiner Videos beobachtet er minutenlang ein Pärchen, das sich am Strand küsst, und gibt Auskunft darüber, wie sehr ihn dieser Anblick mit Hass erfüllt. In einem anderen Video stellt er klar: „Ich sollte der mit dem Mädchen sein!“

Hinweise auf soziale Störung

Darüber hinaus speiste sich seine Frustration aus dem Eindruck, dass er doch eigentlich gar nicht so viel verlangt: „Mädchen, alles was ich jemals wollte, war euch zu lieben und von euch geliebt zu werden. Ich wollte eine Freundin. Ich wollte Sex, Liebe, Zuneigung, Verehrung.“

In der Welt, wie Elliot Rodger sie sah, hatte er einen Anspruch auf all das und war nicht etwa der Meinung, das könnte zu viel verlangt sein. In dieser Welt waren Frauen keine Menschen, sondern entweder „wunderschöne, himmlische“ Wesen, derer er unbedingt habhaft werden wollte, oder „verwöhnte, hochnäsige, blonde Schlampen“, die er „abzuschlachten“ plante. In dieser Welt gewähren Frauen Männern ihre Liebe und Sexualität. Statt sie als eigenständige Personen mit eigenen, legitimen Bedürfnissen wahrzunehmen, sind Frauen für Rodger die Hüterinnen von gewissen Ressourcen gewesen, die Mann dringend benötigt. Und in seinem Fall hätten sich diese Frauen nun einmal mutwillig in böser Absicht dazu entschlossen, ihm den Zugang zu diesen Ressourcen zu versagen.

Ihr Mädchen habt mich meine gesamte Jugend hindurch nach Sex, Freude und Vergnügen hungern lassen. Ihr habt mir acht Jahre meines Lebens genommen.

Was Rodger zu dieser Wahrnehmung veranlasst hat, wird gerade neben dem genauen Tathergang ermittelt. Es gibt Hinweise auf eine soziale Störung und darauf, dass das Umfeld des Täters versucht hat, die Behörden vor der Tat auf sein Verhalten aufmerksam zu machen

Aber darüber hinaus gibt es tagtäglich Hinweise darauf, dass die Welt, wie Elliot Rodger sie sah, erschreckende Ähnlichkeiten mit der Welt aufweist, in der wir alle leben.

Frauen sind mehr als biologische Erscheinungsformen

Wie viele Männer stehen wohl in unserer Welt unter dem Eindruck, es gäbe ein Recht darauf, sexuell begehrt zu werden? Wie viele Männer halten die Sexualität von Frauen für „fehlerhaft und pervertiert“, einzig und allein aus dem Grund, dass sich diese Sexualität nicht auf sie persönlich bezieht?

Und wie viele Männer nehmen Frauen nicht als Mitmenschen wahr sondern als biologische Erscheinungsformen, welche „Sex, Liebe, Zuneigung und Verehrung“ für diejenigen bereitzustellen haben, die ein Bedürfnis danach haben?

Auf seinem selbsternannten „Krieg gegen die Frauen“ tötete Elliot Rodger sechs Menschen und anschließend sich selbst. Er tat es, weil er Männer als Nutznießer von ungerechtfertigter weiblicher Zuneigung hasste und „weil er nicht wusste, warum Mädchen ihn nicht anziehend finden, aber sie dafür bestrafen wollte“. Auf Twitter bezeugen Frauen unter dem Hashtag #yesallwomen gerade wie und warum diese „Logik“ auch in der Welt Anwendung findet, in der wir alle leben, und nicht nur in der, wie Elliot Rodger sie sah

Die Frage ist, welche Schlüsse wir daraus ziehen.

Hier finden Sie die Twitter-Debatte.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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