Kein Land ist heute mehr autonom. Anthony Grayling

Eine ganz löchrige Geschichte

Wenn ein Konzern in Werbeclips Kondome mit Nadeln durchstechen lässt, sollte er dafür mindestens mit Fragen gelöchert werden. Was haben sich die Verantwortlichen nur dabei gedacht?

Für den kommenden Muttertag hat sich die spanische Bekleidungsfirma Desigual etwas Besonderes einfallen lassen: Einen Spot zum Muttertag „für alle Frauen der Welt“, in dem das Model Adriana Lima unter dem Hashtag #wirentscheiden vor einem Spiegel mal mit Kissen vor dem Bauch und mal ohne posiert, um zu zeigen, dass eine mögliche Schwangerschaft ganz allein ihre Entscheidung ist.

Der Clip ist dabei allerdings aus zwei wichtigen Zusammenhängen gerissen. Zum einen geht es in Spanien seit einigen Wochen wegen einer geplanten Verschärfung des Abtreibungsgesetzes hoch her.

Unfassbarer Vertrauensbruch

Desigual hat sich im Zuge dessen dazu entschieden, Stellung zu beziehen und seinen gesellschaftlichen Einfluss über Werbung geltend zu machen. Zum anderen geht es um eine Nadel und drei grüne Kondome. Wer den Clip aufmerksam verfolgt hat, wird sich vielleicht gefragt haben, wieso das Model an einer Stelle besagte Nadel zwischen den Zähnen hat. In der Originalfassung der Werbung durchstößt sie mit eben jener Nadel beschwingt erst ein Kondom und anschließend alle drei.

Wenn das mal keine witzige Idee zum Muttertag ist. In Spanien wird zwar darüber nachgedacht, den Clip aus dem Fernsehen zu verbannen und auch hierzulande werden Organisationen wie der Deutschen Aidshilfe und anderen bei solchen Scherzen sicherlich vor Lachen die Tränen kommen – aber irgendwie möchte Desigual an diesem Muttertagsgeschenk festhalten. Irgendwie bedeutet in diesem Fall, sich sowohl für den Fauxpas mit Verweis auf die bekannte Grenzenlosigkeit von Widsischkeit zu entschuldigen und den Spot zu entschärfen, als auch verlauten zu lassen, dass der Spot ein Schrei nach Freiheit und dem Recht seine Träume zu verwirklichen sei.

Außerdem müsse man bedenken, dass ein durchlöchertes Kondom eine Ode an die Mutterschaft sei, ein Symbol, eine Metapher, mit der die Vorstellung nicht über Konsequenzen nachdenke.

Darüber hinaus würde Desigual Menschen nie erzählen, wie sie sich zu verhalten hätten.

Also wie jetzt: Statement zur geplanten Verschärfung des Abtreibungsgesetzes, total lustig, freie Meinungsäußerung, auf gar keinen Fall Verhaltensvorschlag oder alles auf einmal? Vielleicht hätten die Verantwortlichen beim Brainstorming mal darüber nachdenken sollen, was ein vorsätzlich durchlöchertes Kondom noch sein kann: ein Übergriff zum Beispiel, ein Angriff auf die Gesundheit oder ein unfassbarer Vertrauensbruch.

Ernsthafte Körperverletzung

Ein solches Kondom kann auch der Grund für einen Rechtsstreit sein.
So hat in Kanada der Oberste Gerichtshof vor Kurzem nach einem mehrjährigen Gerichtsverfahren durch alle Instanzen einen Mann zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.
Grund: Der Betreffende hatte sich unter dem Eindruck, seine Freundin wäre drauf und dran, ihn zu verlassen, dazu entschieden, Kondome zu durchlöchern und diese bei anschließendem Sex mit ihr zu verwenden, um die Frau zu schwängern und dadurch möglicherweise in der Beziehung halten zu können. Seine Freundin wurde tatsächlich schwanger.

Der Staatsanwalt stellte dazu im Prozess klar, dass das Opfer sich zwar zu geschütztem Sex bereit erklärt habe, nicht aber zu ungeschütztem und dessen Folgen. Der Täter habe sich nicht nur durch Lügen einen Vorteil verschafft, sondern eine ernsthafte Körperverletzung des Opfers billigend in Kauf genommen.

Die realen Konsequenzen der Vorstellung, die Desigual in seinem Clip präsentiert, sind also ziemlich eindeutig und nachvollziehbar. Da hätte man auch vorher drauf kommen können.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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