Die Macht der Menge muss auch in einem mächtigen Programm umgesetzt werden. Alison Smale

Das sibyllinische Orakel

Eine Schriftellerin hält eine Rede und stellt anschießend fest, dass solche Worte doch erlaubt sein müssen. Warum fragt eine Meinungsführerin bei einem meinungsführerenden Presseorgan, ob sie noch eine Meinung führen darf?

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat eine Rede gehalten. Daran ist zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Dass Personen des Literaturbetriebs, zumal wenn sie sich durch Preisverleihungen und/oder entsprechende Verkaufszahlen einen gewissen öffentlichkeitswirksamen Status erarbeitet haben, sich nicht nur schriftlich sondern auch mündlich äußern, ist seit langem Teil der kulturellen Sphäre. Lewitscharoff hat sich nun auf Einladung des Staatsschauspiels Dresden und einer ortsansässigen Zeitung im Rahmen der sogenannten „Dresdner Reden“ geäußert und umrissen, was sie von Themen wie künstlicher Befruchtung, Onanie, „grotesken“ Paarkonstellationen und „dem gegenwärtigen Fortpflanzungsgemurkse“ hält.

Nichts an der Rede ist zufällig

Mit kurzer Verzögerung, während der bereits angemahnt wurde, dass es ein ziemlicher Skandal sei, wenn niemand auf solche Äußerungen reagiere, ist nun eine Debatte darüber in Gang gekommen, was die Schriftstellerin wohl gemeint haben könnte und warum sie es genau so und nicht anders gesagt hat. Denn so viel steht fest: Nichts an der Rede war zufällig. Sie ist nicht aus dem Stehgreif gehalten worden und die Wahl der Worte geschah auch nicht aus irgendeinem bühnenbezogenen Affekt heraus. Lewitscharoff hat sehr genau darüber nachgedacht, was sie sagt und wie es sagt. Das sollte man von einer Schriftstellerin erwarten können.

Inhaltlich gibt diese Rede nicht viel her außer einem kruden Nazi Vergleich (offensichtlich brauchen „aufregende“ Reden das heutzutage immer noch) und ein paar übertrieben scharf formulierte und wenig sinnreiche Mahnungen zu medizinischer Ethik und familiären Strukturen. Beides ausgesprochen relevante Themenfelder, die es verdient hätten, mit mehr Expertise besprochen zu werden als Lewitscharoff aufbringt („Mein Vater war Gynäkologe“).

Die harschen Äußerungen um einen reaktionären bis inhaltleeren Kern haben erwartungsgemäß Reaktionen hervorgerufen, die die Schriftstellerin genau dafür angehen, was sie in der Rede geleistet hat: Eine polemische Aufbereitung ihres fehlenden Vorstellungsvermögens. Von der „Welt“ über den „Spiegel“ bis zur „Faz“ ist man sich einig.

Demaskierung eines inhaltslosen Kerns

Lewitscharoff wird an ihren eigenen Worten gemessen und das wenige, was sie inhaltlich in der Rede geleistet hat, wird als das demaskiert, was es ist: Hier hat eine gebildete Person, preisgekrönte Schriftstellerin gar, von Dingen gesprochen, von denen sie keine Ahnung hat. Das wiederum passiert ziemlich häufig und wäre ausgesprochen uninteressant, wenn Lewitscharoff nicht in einem nachredlichen Interview eine Beschwerde geäußert hätte, die gerade schwer in Mode zu sein scheint. Im Gespräch mit der „Faz" erkundigt sie sich, ob sie nicht sagen dürfe, was sie denke, und stellt fest, dass man doch wohl noch einen „schwarzen Gedanken“ wird äußern dürfen.

An diesem Punkt ähnelt das sibyllinische ganz erstaunlich dem sarrazinischen Orakel, das seit neuestem ja über Tugendterror und fehlende Meinungsfreiheit schwadroniert. So als wäre eine Startauflage von 100.000 Büchern und ein Vorabdruck in einer großen deutschen Zeitung gerade nicht Beleg dafür, dass man in Deutschland öffentlich sagen und sich gut dafür bezahlen lassen kann zu behaupten, dass man ja nichts mehr sagen dürfe. So als wäre es nicht eine ziemliche Frechheit, ausgerechnet in einem Interview mit einem Vertreter der renommierten Presse zu konstatieren, dass man unter dem Eindruck stünde, man könne nicht mehr laut aussprechen, was man denke.

„Und im Übrigen habe ich es gern, wenn man mir widerspricht. Ich will doch nicht unbedingt Recht haben.“ sagt Lewitscharoff in diesem Interview. Aber genau den Eindruck hat man. Das Recht auf freie Meinungsäußerung scheint hier mit einem Recht auf Kritiklosigkeit verwechselt zu werden, auf das niemand ein Anspruch hat. Am wenigsten Personen des öffentlichen Lebens. Die massive Kritik an einer öffentlichen Äußerung macht niemanden mundtot oder meinungsunfrei. Dass es immer jemanden gibt, ja geben muss, der der eigenen Sprache widerspricht, dürfte gerade einer Schriftstellerin eigentlich nicht entgangen sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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