Macht ist das stärkste Aphrodisiakum. Henry Kissinger

Bullshitbingo mit Maischberger

Was sollte man dürfen und was braucht man nicht zu müssen? Neben der Absonderung obligatorischer Phrasen, aus denen man ein Gesellschaftsspiel basteln kann, diskutieren Talkshowgäste gerade die Grundzüge unserer Gesellschaft. Und wir mit ihnen.

Alles war angerichtet für einen großen Abend. Auf Twitter hatte man sich vorab schon mal warmgetippt. Stefan Niggemeier fand interessante Details zum Sticheln gegen die Maischberger-Redaktion. Bullshitbingo war ausgedruckt, Popcorn stand bereit. Kollegin hatte sich auch angekündigt. Für die Frage aller Fragen: Darf man das?! Sind sexuelle Identitäten verhandelbar oder zu kritisieren? Was wird man ja wohl noch sagen dürfen … und was nicht?

Die Grenze zwischen Toleranz und Akzeptanz

Vordergründig ging es um die berüchtigte Petition gegen den Entwurf eines Bildungsplans in Baden-Württemberg, der Kindern und Jugendlichen fächerübergreifend einen Eindruck vermitteln soll, dass neben heterosexuellen Lebensformen eine Vielzahl von menschlichen Identitäten existieren, die alle frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind.

Tatsächlich wurde in „Menschen bei Maischberger“ sehr schnell klar, dass es im Grunde darum geht, eine Grenze zwischen Toleranz und Akzeptanz zu ziehen. Toleranz, so wurde das Publikum im Laufe der Sendung belehrt, bedeutet, dass man die Existenz anderer Personen innerhalb der Gesellschaft duldet, ohne dabei sein eigenes Wertesystem korrigieren zu müssen. Akzeptanz heißt im Sinne der Unterzeichner und Unterzeichnerinnen der Petition, dass man eine „Überbetonung nicht heterosexueller Lebensformen“ vornimmt, an deren Ende die Veränderung der eigenen Kernwerte bis hin zur Befürwortung von anderen sexuellen Orientierungen steht.

Die Unterscheidung zwischen Toleranz und Akzeptanz mag zunächst semantisch spitzfindig wirken, markiert jedoch die zentrale Konfliktlinie im gesellschaftlichen Umgang mit lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgender, intersexuellen und queeren Menschen. Sie markiert auch die Tatsache, dass ein Teil der Gesellschaft sich zu Unrecht der Homophobie bezichtigt fühlt, weil er seine eigene Position nicht als intolerant, sondern „lediglich“ die der anderen als inakzeptabel verstanden wissen will, wohingegen ein anderer Teil der Gesellschaft genau diesen Umstand als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit begreift.

Hinter der anlassbezogenen Aufregung um Sportler-Outings und Petitionsunterzeichnungen steht also die Frage, ob es in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat nicht im Sinne von Meinungs- und Religionsfreiheit möglich sein muss, die traditionelle Kernfamilie gesellschaftlich zu idealisieren und dieses Ideal öffentlich zu vertreten. Oder anders formuliert: Ist es von der Meinungsfreiheit gedeckt, anderen Menschen ihren Wert abzusprechen und/oder sie darauf hinzuweisen, dass man ihre Wertigkeit gegenüber der eigenen für minder hält? Denn genau das tut der Generalsekretär der Evangelischen Allianz Deutschland, Hartmut Steeb, wenn er Homosexualität in einer Fernsehsendung als „keine erstrebenswerte Lebensform“ benennt und zu seiner eigenen nicht gleichwertig auffasst, weil sie vorgeblich nicht natürlich sei. Das klingt doch zumindest, wie andere Talkshowgäste zugleich bemerkten, ziemlich herablassend nach „Na ja, ihr dürft auch leben“. Aber man wird sich doch wohl noch herablassend äußern dürfen, oder etwa nicht?

„Bekennend“ homosexuell

In der Tat erscheint der Wunsch danach, sich medial nicht mehr diesen und schlimmeren Herabsetzungen aussetzen zu müssen durchaus nachvollziehbar, führt aber auch dazu, dass man sich über mehrheitsfähige gesellschaftspolitische Meinungen hinwegtäuscht, indem man sie bewusst ausblendet. Wohin das führen kann, ist gerade in der Schweiz zu beobachten, in der das knappe Votum gegen Zuwanderung allenthalben für entsetztes Erstaunen bei der Gegenseite sorgt.

Um eine Gesellschaft zu verändern, ist es jedoch nicht nur wichtig zu wissen, wohin man sie bewegen möchte, sondern auch, von wo aus sie verschoben werden muss. Dafür wird man sich einige Sachen anhören müssen, die man inzwischen sehr, sehr leid geworden ist. Dass der Bundestagsabgeordnete Jens Spahn als „bekennender“ Homosexueller vorgestellt wird beispielsweise oder von Sandra Maischberger gefragt wird, wann er denn gemerkt habe, dass er homosexuell sei. Dies ist nämlich eine meinungsfreiheitlich gedeckte aber keine „berechtigte“ Frage. Warum nicht?

Weil Sandra Maischberger niemand gefragt hat, wann sie bemerkt hat, heterosexuell veranlagt zu sein. Man muss sich darüber hinaus der Entrüstung stellen, mit der Birgit Kelle aus einer Unterrichtshandreichung der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) zitiert: „Laut Statistiken kommen Geschlechtskrankheiten bei Lesben am wenigsten vor. Ist es daher sinnvoll für Frauen, eine heterosexuelle Lebensweise zu führen und so das Risiko von Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaften einzugehen?“ Und warum? Damit man das entsprechende Zitat in einen Zusammenhang stellen und festhalten kann, dass es der GEW darum ging aufzuzeigen, mit was für Dingen Homosexuelle konfrontiert werden.

Solche und ähnliche Fragen sind nämlich Teil eines Heterosexuellen-Fragebogens, den die GEW haargenau anhand der Fragen, die sich Homosexuelle andauernd gefallen lassen müssen, entwickelt hat. Fragen wie: „Eine ungleich starke Mehrheit der Kinderbelästiger ist heterosexuell. Kannst du es verantworten, deine Kinder heterosexuellen Lehrer/innen auszusetzen?“ Ist das nicht eine Ungeheuerlichkeit?! Ja genau.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut

In diesem Sinne werden wir uns weiter über den Sachverhalt streiten. Manchmal mit Schaum vor dem Mund und manchmal mit so entspannter Sachlichkeit, dass man sich unwillkürlich fragt, was die ganze Aufregung eigentlich sollte. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber sie gewährt nicht die Freiheit zu vertreten, dass jemand nicht frei und gleich an Rechten und Würde geboren ist. Stattdessen fußt sie unmittelbar in all ihrer Kraft und Bedeutung auf genau dieser Prämisse. Was das im Einzelnen heißt, darum wird gerade gerungen. Auch in Talkshows.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

Leserbriefe

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