Politiker haben nur die Erkenntnis des Tages. Egon Bahr

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In der Diskussion um fehlenden Wohnraum in Ballungszentren sind immer die anderen doof. Aber davon, dass man nicht miteinander spricht und mit dummen Sprüchen oder Essen schmeißt, wird es auch nicht besser.

Ich bin in Berlin geboren und habe über dreißig Jahre in dieser Stadt gelebt. Wenn ich die gegenwärtige Gentrifizierungsdebatte richtig verstehe und ganz besonders die, die um Berlin geführt wird, gibt es Leute wie mich eigentlich gar nicht mehr – oder es wird sie bald nicht mehr geben, weil sie schlicht und einfach nicht mehr möglich sind. Leute, die sich darüber freuen, dass nach Jahren des Siechtums in der Markthalle 9 endlich wieder etwas passiert, sich aber die dort angebotenen Wochenmarktprodukte gar nicht leisten können.

Leute, die Kreuzberg noch vor dem Dönerlädensterben und den Wettbüros/Kulturvereinen kannten. Leute, die mal im Prenzlauer Berg gewohnt haben.

Für viele ist der Prenzlauer Berg Heimat

Seit der Jahrtausendwende vermeide ich es, diesen Bezirk zu betreten. Wenn ich mich doch mal in ihm aufhalte spüre ich in jedem Moment, dass meine Vergangenheit dort keinen Ort mehr hat. Meine Kindheit habe ich in einem mittlerweile untergegangenen Staat verbracht. In meiner Jugend saß ich auf dem Pulverfass des größten zusammenhängenden Sanierungsgebiets Europas. Mit Freunden habe ich ganze Sommer in den verlassenen Wohnungen und den Leben von Menschen gestöbert, die nach dem Mauerfall fluchtartig in den Westen rübergemacht hatten, weil zu befürchten stand, dass man die Grenze wieder dicht machen würde. Ich hing auf den Dächern unseres Blocks ab, dessen weltkriegszerschossenen Fassaden ihm das Aussehen eines verwundeten Tieres verliehen. Ich sah Bruce Springsteen im Eckstein spielen, ich hab mich mit anderen ans örtliche Postamt gekettet, damit Oma nicht wegen Schließung für ihre Rente eine geschlagene Stunde zum nächsten schlurfen musste. Wenn ich Stress zu Hause hatte, habe ich mich in die Litfaßsäule am Kollwitzplatz verkrümelt oder bin auf den jüdischen Friedhof an der Pappelallee lesen gegangen, bevor er ein Friedhofspark wurde. Bücher habe ich dort nicht gebraucht. „Freiheit, du siegst“ steht da noch heute auf dem Grab einer Frau, die für ihre und die Rechte anderer aufbegehrt hat und dafür ins Gefängnis und anschließend entmündigt in die Irrenanstalt gesteckt wurde.

Heute besteht der Prenzlauer Berg in meinen Augen aus Kulissen. Für mich ist er ein Potemkinsches Dorf, in dem sich Leute rumtreiben, die mich nicht verstehen und die ich nicht verstehe.

Schwaben zum Beispiel, die diese Kulissen ihr Leben nennen – und zwar zu Recht. Für mich mag das unverständlich sein und seltsam anmuten. Für sie ist das ihre Heimat. In ihrem Prenzlauer Berg erziehen sie ihre Kinder, treffen sich in Cafés, gehen auf Konzerte, zahlen Miete, stöbern auf Flohmärkten. Arbeit, Liebe, Hass und der ganze Rest. Sie sind in diesen Bezirk gezogen, weil er ihnen gefallen hat. Und da ist es nur verständlich, dass sie sich nicht von Wolle Thierse erzählen lassen wollen, dass sie irgendwie nicht so richtig reinpassen.

Es kann doch nicht angehen, dass sich in Berlin Zugezogene (Thierse stammt aus Breslau) über diejenigen aufregen, die erst seit 2 Jahren in der Hauptstadt leben. Das ist ja fast so peinlich wie diese Typen, die ihre Lieblingsundergroundband dafür verachten, dass sie irgendwann einen Hit gelandet hat und jetzt Mainstream ist. Erfolg als Makel. Aber klar wollen alle da hin. Berlin is Hauptstadt, Alta. Da steppt der Bär. Da tanzt der Wowi im Kettenhemd. Da kannste unbezahlte Vollzeitjobs bis zum „Renteneintritt“ machen und dich dabei viel cooler als die ganzen anderen urbanen Penner fühlen. Oder eben über Thierse lästern – hat er ja auch verdient. Allerdings hätte er auch verdient, dass man mal darüber nachdenkt, was er eigentlich gesagt hat:

„Junge Schwaben kommen auch deshalb nach Berlin und besonders gerne nach Prenzlauer Berg, weil es quirlig ist und manchmal eben auch widersprüchlich und ein bisschen schmutzig. Es dann wieder so sauber und idyllisch haben zu wollen wie in Süddeutschland, das passt nicht zusammen – diese Erwartung, dass es hier so aufgeräumt sein soll wie zu Hause, die kann nicht erfüllt werden.“

Gemeinsame Stadtentwicklung ist vielen zu mühsam

Oder sollte sie möglicherweise gar nicht erfüllt werden? Diese Menschen haben das Recht, in Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg oder wo auch immer zu wohnen und zu leben. Selbstverständlich bringen sie ein Stück weit mit, was sie zurückgelassen haben und verankern es in ihrer neuen Heimat. Aber sie sind auch aus bestimmten Gründen nach Berlin gezogen. Wo bleibt das, wofür sie gekommen sind? Wo wohnen dann diese ganzen coolen Künstlertypen, die zum Beispiel ohne Ankündigung auf Spielplätzen für Kinder Puppentheater spielen? Die Typen, die Kreuzberg bunt und wild gemacht haben? Wo bleiben die verrückten Läden, wenn die Mieten so weit erhöht werden, dass nur noch Ketten und Menschen, die es ganz dicke haben, anmieten können? Seit Jahren kommen Jugendliche aus ganz Deutschland, um am 1. Mai ein bisschen Adrenalin zu pumpen. Laufen in Zirkeln durch Kreuzberg und hängen an ihren Handys, um mit ihren Freunden zu klären, wo es gleich abgeht. Stresstouristen eben. Und 2011 besetzten Dutzende Fans die Gegend um den Görlitzer Bahnhof, um die Meisterschaft von Borussia Dortmund zu feiern.

Häh?! Ok, dürfen die alles machen. Aber Multikulti funktioniert nur, wenn man die Räume der bereits Anwesenden nicht derart nachdrücklich besetzt, dass ihre Zukunft dort keinen Ort mehr hat. Gemeinsame Stadtentwicklung scheint ein Balanceakt zu sein, vor dem sich viele drücken wollen, weil er mühsam ist. Weil er erfordert, miteinander reden zu müssen, statt übereinander herzuziehen. Stattdessen wird ins Klo gegriffen: Die einen sollen sich gefälligst mal verpissen, während die anderen so blöd sind, dass sie ihre bekackte Stadt von früher zurück haben wollen. Na ganz toll.

Ich bin vor diesem Prenzlauer Berg, vor diesem Berlin quer durchs Land geflohen – nach Schwaben. Hier leben Menschen, die mich nicht verstehen und die ich nicht verstehe. Aber es wirkt nicht annähernd so befremdlich wie in meiner Heimatstadt. Wobei: Wenn ich mich hier nicht bald vom Acker mache, fangen sie vielleicht noch an, mich mit Pfannkuchen zu bewerfen, weil ich die nicht Berliner nenne. Das soll ja auch stoischeren Leuten als mir passiert sein, die schon ganz andere Sachen ausgesessen haben.

Mal sehen, wohin es mich verschlägt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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