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Andeutungen Sloterdijks: Deutschland muss die Grenzen schließen

Peter Sloterdijk hat mit seinem Interview im „Cicero“ und mit seiner Antwort auf die Kritiker in der „Zeit“ eine große intellektuelle Debatte ausgelöst. Dabei hat er seinen normativen Notstand offenbart

Die Antwort von Peter Sloterdijk in Der Zeit
an die Kritiker seines Interviews mit dem politischen Magazin Cicero
ist bemerkenswert. Bemerkenswert diffus.

Grenzen schließen

Sloterdijk verfällt wohl nur zu bewusst in einen Jargon des Ungefähren, um am Ende nicht deutlich sagen zu müssen, dass er für Obergrenzen und eine deutlich restriktivere Asylpolitik ist. Wir haben es hier mit einer prekären Semantik zu tun. Der Soziologe Armin Nassehi sprach bei Zeit Online von „einer geschickten Andeutungs- und Undeutlichkeitstechnik“, die Sloterdijk anwendet. So entgeht Sloterdijk dem medialen Shitstorm und kann sich gleichzeitig als strategischer Denker einer neuen Ordnungsmacht von rechts inszenieren. Sloterdijk redet von „Linkskonservatismus“ und meint eigentlich Re-Nationalisierung und Grenzschließung – die er befürwortet. Er vermisst ganz offensichtlich die alten Zeiten. Er vermisst offensichtlich den starken Nationalstaat, der noch Herr seiner selbst war. Eigentlich sagt Sloterdijk alles, nur will er es nicht so deutlich beim Namen nennen.

Klares Bekenntnis also geht dem Philosophen aus Karlsruhe ab, stattdessen umschreibt er in großen Worten genau das, was Horst Seehofer und Björn Höcke seit Monaten explizit sagen: Grenzen zu, den Rechtsbruch und den Notstand beenden.

In dem er dem Politologen-Stand, den Historikern und Sozialwissenschaftlern „die Neigung zum Einknicken vor der Faktizität“ vorwirft, gibt er ein Paradebeispiel für seine Andeutungsrhetorik ab. Denn eigentlich will er hier nicht nur sagen, dass Historiker, Politologen und Sozialwissenschaftler generell so beschränkt und schwach sind, dass sie sich von den gesellschaftlichen Ereignissen treiben lassen und ihre Meinungen daran anpassen – während der Philosoph allein seine Normativität selbst in turbulenten Zeiten zu verteidigen und zu formulieren weiß. Sondern er deutet gleichsam an, dass seine Kritiker wie Herfried Münkler – ein Politologe – und andere vor der Faktizität der merkelschen Position eingeknickt seien und Merkels Weg nun pflichtschuldig ohne Sinn und Verstand verteidigten als wollten sie als höfische Staatsdenker hervortreten, die um die Gunst der Grande Dame und der der Grande Dame ergebenden Mehrheit werben.

Dass man seinerseits Horst Seehofer zum Beispiel auch ein Einknicken vor der Faktizität in dem Sinne vorwerfen kann, dass er angesichts der schieren Masse an Flüchtlingen, die im letzten Herbst kam, sofort nach Obergrenzen rief, ohne seine eigene Normativität richtig preiszugeben, kommt Sloterdijk nicht in den Sinn. Ereignisbewältigungsstrategie darf man Seehofers Forderungen aus den letzten Monaten nennen. Er war immer diffus, hat sich nie richtig bekannt. Er wollte nicht wie Björn Höcke dastehen. Er wollte nie als solcher identifiziert werden, der diese Flüchtlingsaufnahme einfach nicht will.

Auch Sloterdijk versteckt seine Normativität unter einer Ereignisbewältigungsrhetorik. Was ihm fehlt, ist klares Bekenntnis. Ja, die Wucht der Ereignisse ist groß und ja, die Politik muss darauf reagieren. Aber ohne klare Normativität hat man sich selbst einem Notstand ausgeliefert; einem Notstand an Normativität. Inkonsequent ist so ein diffuses und bewusstes Changieren auch. Selbstbetrug ist die Diffusitätsrhetorik und die Ereignisbewältigungsstrategie überdies.

So ergibt sich, dass Sloterdijk nach dem Ende des Notstands ruft, um von seinem eigenen normativem Notstand abzulenken. Würde er hingegen deutlich sagen, dass er letztlich Sympathien für die klaren Positionen von Björn Höcke und Jörg Meuthen hat, müsste er sich auch von den Kritikern keine analytische Unschärfe und Diffusitätsrhetorik mehr gefallen lassen. Denn die Kritiker würden dann ja klar lesen können, was sie zu Recht schon zwischen den Zeilen entdeckt haben. Eine Überraschung wäre es nicht mehr. Und wenn die Kritiker dann keine Sloterdijk-Interpretationen mehr vorlegen müssen, sondern klar wissen, wie der Mann nun wirklich tickt, dann kann auch endlich mal der normative Streit beginnen.

Normativer Notstand wird als solcher schnell identifiziert. Herfried Münkler und Armin Nassehi haben das für den Fall von Sloterdijk brillant identifiziert und Sloterdijk vor Augen geführt – der das seinerseits nur leider nicht einsehen will. Normativer Notstand, der bleibt nicht unbemerkt. Und normativer Notstand führt dazu, dass die im normativen Notstand befindlichen Personen unglaubwürdig werden – das haben vor allem auch die Landtagswahlen gezeigt.

Es ist der Verdienst von Münkler und Nassehi, dass sie diesen normativen Notstand für den Fall des Philosophen aus Karlsruhe herausgearbeitet haben. Münkler und Nassehi haben die Rhetorik des Peter Sloterdijk zerlegt. Das war wichtig. Klar haben sie auch zu erkennen gegeben, dass sie mit dem Einschlag, den Sloterdijks Denken gewonnen hat, nicht einverstanden sind. Aber sie haben den normativen Streit noch gar nicht richtig begonnen. Sie haben Sloterdijk erstmal analytisch zerlegt und das gekonnt und zu Recht. Sie haben seine diffuse Semantik offengelegt und ihm vor Augen geführt, dass er längst gesagt hat, wofür er steht, ohne es klar beim Namen genannt zu haben.

Wenn sich Sloterdijk nun endlich mal von seinem Jargon des Ungefähren verabschiedet, haben Münkler und Nassehi dann auch die Gelegenheit Sloterdijk vollends normativ zu begegnen.

Man wüsste zu gern, was der Philosoph Peter Sloterdijk bei der Landtagswahl in seinem Bundesland Baden-Württemberg gewählt hat – oder ob er überhaupt gewählt hat. Würde der Philosoph aus Karlsruhe jedenfalls seinen Kritikern bald mit einem neuen Artikel antworten, der die Überschrift trägt „Warum ich AfD gewählt habe“, würde es nicht mehr überraschen. Aber der Philosoph Peter Sloterdijk wird wohl diffus bleiben. Und so werden Sloterdijk-Interpretationen weiter nötig bleiben. Aber die Interpretationen haben ja eigentlich auch schon offengelegt, wie der Mann nun wirklich tickt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Heisterhagen: Die Linke ist gespalten – ein Neuanfang muss her!

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