Christus ist in jedem Alter etwas anderes. Martin Walser

Von der Last funktionieren zu müssen

In Deutschland sind viele Menschen tagtäglich am Limit. Stress ist Alltag. Sie müssen funktionieren, irgendwie. Zeit sich Fragen über unsere Gesellschaft zu stellen. So geht es nicht weiter!

alltag stress

Überlastung. Belastung. Anspannung. Nervosität. Druck. Gehetzt-Sein. Stress. Angst. Überforderung.

All das ist Alltag in deutschen Unternehmen und im Gefühlshaushalt vieler – insbesondere junger – Menschen. Diese Worte sind kein Instrument eines linksrevolutionären Alt-Marxisten, um den bösen Kapitalismus zu kritisieren, sondern all das ist Realität in deutschen Firmen und im Privatleben der Menschen. Politiker, Psychologen, Journalisten, viele reden und schreiben darüber. Die wenigsten davon sind Sozialisten. Viele, die die Sätze „Leistung muss sich lohnen“ und „Leistung soll einen Unterschied machen“ anerkennen und in diesem Sinne gute Kapitalisten sind, klagen und sprechen dennoch von der Last funktionieren zu müssen. Der Druck ist hoch. Die eigenen Erwartungen und die Erwartungen und Ansprüche anderer an einen sind hoch.

Viele wünschen sich Entlastung

Viele Menschen hätten heute gerne mehr Entlastung – vor allem die „gehetzte Generation“. Diese arbeitende Mitte zwischen 25-50 Jahren, die ist vielen Belastungen und Stress ausgesetzt.

Denn der Alltag einer jungen Mutter, die gleichsam Marketing Manager bei einem globalen Konzern ist, sieht etwa so aus:

6 Uhr aufstehen, fertig machen, das Kind anziehen, schnell frühstücken, 15 Minuten zur Kita fahren, das Kind abgeben, 40 Minuten durch die Stadt im Berufsverkehr zur Arbeit. 9 Uhr Tagesmeeting. Danach Emails beantworten – heute sind es 103 ungelesene Emails. Telefonate zwischen durch. Neues Marketing-Konzept für eine Produkteinführung ausdenken. Kollege will was besprechen – Kreativitätsstopp. Dem Kollegen konnte geholfen werden. 11.59 Uhr weiter am Konzept arbeiten.12.05 Uhr ein anderer Kollege ruft sie zum Mittag. Mittag – währenddessen klingelt das Firmenhandy, sie müssen rangehen, ist wichtig. 12.46 Uhr zurück im Büro. 20 neue ungelesene Emails. Langsam beginnen nun auch aus anderen Teilen der Welt Kollegen anzurufen. 3 Telefonate auf Englisch und eins auf Französisch. 13.45 Uhr Krisensitzung mit der Kommunikationsabteilung – ein digitaler Shitstorm über das Unternehmen hat sich ereignet. Sie werden zum Meeting hinzugezogen, warum ist nicht so klar, wahrscheinlich, weil sie eines der wichtigsten Produkte des Unternehmens aus Marketingsicht mitbetreuen. Schnell eine Krisen-Agenda entwickeln. Die Sitzung dauert 2 Stunden. Ihr Mann ruft sie auf dem Handy an. Sein Chef hat ihn gezwungen heute Abend noch ein wichtiges Konzept abzuliefern. Sie müssen daher die Tochter aus der Kita holen, um 16.30 Uhr. Bis dahin noch die neuen ungelesenen Emails beantworten, einmal auf Facebook gucken und um 16.10 nochmal zum Chef ins Büro, der mit ihnen den Arbeitsplan für ein Marketing-Konzept besprechen will, von dem sie bislang noch gar nicht wussten, dass es dieses überhaupt geben soll. Er macht Druck, dass dieses Konzept in drei Wochen im Grundgerüst stehen muss. Sie erhalten Anweisungen und sollen bis übermorgen erste Ideen liefern. 16.25 Uhr, sie haben den Mantel an und rennen zum Auto. 16.40 zähflüssiger Verkehr auf der Brücke. 17.18 Uhr, sie kommen zu spät zur Kita. Die Erzieherin hatte aber gewartet. Vier Eltern hatten das gleiche Problem wie sie. Sie waren auch zu spät. Eine Erzieherin bleibt daher fast immer länger. Dank an die Erzieherin. Zurück nach Hause. Ihr älterer Sohn, 10 Jahre, ist von der Ganztagsschule zurück. Er sitzt vor der Playstation und hat sich sonst um nichts gekümmert. Seine Sporttasche ist nicht gepackt. Sie schreien ihn an sich anzuziehen und zu packen. Mit Tochter und Sohn im Schlepptau geht es zum Handballverein des Sohnes. Punkt 17.59 Uhr ist der Sohn an der Sporthalle abgeliefert. Wieder nach Hause mit der Tochter. Ihr Mann ist noch nicht da. Sie rufen ihn an. Er sagt, vor 21.00 Uhr schafft er es nicht. Sie kochen für die Familie. Sie und die Tochter essen schon mal. Den Rest stellen sie in den Kühlschrank. Die Teller für Sohn und Mann stellen sie schon mal auf den Tisch. Jetzt schnell die Waschmaschine an, den Trockner ausräumen, schnell bügeln. Ihre Freundin ruft an; Ihr Mann hat sie betrogen. Sie weint. Sie müssen schnell trösten. Die Freundin will nicht auflegen. Dabei müssen sie noch einkaufen. Sie stellen auf Lautsprecher. Schon im Auto sitzend merken sie, dass sie das Bügeleisen noch nicht ausgemacht haben, sie rennen zurück zum Bügeleisen, sie hatten es doch ausgemacht. Zurück zum Auto. Während sie zum Supermarkt fahren, heult ihre Freundin ihnen durch den Lautsprecher. Sie trösten und versprechen am Wochenende vorbei zu kommen. 18.57 Uhr. Sie kaufen schnell ein. 19.12 Uhr an der Kasse bildet sich eine Schlange – ihre Tochter quengelt. 19.20 Uhr sie fahren vom Supermarktparkplatz. 19.30 Uhr sie erreichen die Turnhalle. Ihr Sohn wartet schon und motzt sie dann an, wo sie nur geblieben sind. 19.50 Uhr, Hausaufgaben mit dem Sohn. 21.00 Uhr. Sie sitzen mit dem Sohn noch am Küchentisch und lernen gemeinsam für die Mathearbeit und arbeiten an einem längeren Schulprojekt. Der Sohn verzieht sich in sein Zimmer. 21.20 Uhr. Sie gehen an den Arbeitslaptop. Sie beantworten wieder ungelesene Emails und telefonieren mit einem Kollegen in Los Angeles und dann einem in New York. Sie wollen sich nun wieder dem Marketing-Konzept vom Vormittag widmen. Da platzt ihr Mann herein. Es ist 21.43 Uhr. Er wirkt grimmig. Und poltert los – über den Chef, nervige Kunden, und die Stimmung unter den Kollegen. Sie hören sich seine Klagen an. Und bestätigen ihn, versuchen ihm Druck zu nehmen. Reden ihm zu. Sie wollen gerade zurück an das Marketing-Konzept, da ruft eine andere Freundin an und fragt: Hast du das von Ulrike und ihrem Mann schon gehört? Sie quatschen 20 Minuten. Es ist jetzt 23.10 Uhr. Jetzt reicht es, sagen sie sich. Zähneputzen und dann ins Bett. Sie legen sich hin. Dann um 0.35 Uhr, ihre Tochter kommt rein und will bei ihnen schlafen. 1.30 Uhr, sie schlafen endlich. 6 Uhr, der Wecker klingelt. Sie wollen nicht aufstehen, ignorieren den Wecker. Er klingelt nochmal. Sie pusten durch und stehen auf. Sie atmen schwer, während des Gangs zum Badezimmer. Der ganze Zirkus geht von vorne los.

Morgens da kommt ihnen immer dieses Gefühl auf, dass sie diesen ganzen Zirkus eigentlich nicht wollen. Sie haben das Gefühl, dass sie es nicht aushalten, dass sie zu schwach sind und nicht gut genug. Sie putzen sich die Zähne und fragen sich: Wie soll ich das bloß schaffen, immer zu funktionieren und diesen Stress und diesen Druck aushalten? Sie denken an ihre Freundin Katja, die gerade einen Burn-Out hatte und Olaf, ihren Kollegen, der auch schon einen hatte. Sie fragen sich, wie das bloß weiter funktionieren soll. Ja, irgendwie wird das schon. Irgendwie. Aber sie werden immer müder. Ihre Energie verlässt sie. Es ist einfach anstrengend. Warum macht der Chef so viel Druck, warum hat die blöde Kita nur bis 16.30 Uhr auf? Warum können sie ihre Stelle nicht auf 80 Prozent reduzieren? Warum bietet der Staat ihnen dafür keine Lohnersatzleistung an? Elternarbeitszeit, das wäre doch was. Sollen sie aufhören zu arbeiten? Nur Mutter sein? Sie verwerfen den Gedanken. Ihre Tochter schreit. Sie laufen hin. Sie hatte sich gestoßen. Sie ziehen sie an. Und das Ganze geht von vorne los.

Sie seufzen, aber dann machen sie, was sie jeden Tag machen: Sie funktionieren, irgendwie.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Heisterhagen: Eine Wahlarbeitszeit erhöht die Freiheit

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