Kino im Kopf braucht keine Hintergrundbeleuchtung. Guido Walter

Wir sind das Volk? Es gibt kein Wesen des deutschen Volkes!

Nationalismus wächst hierzulande. Dabei soll das deutsche Volk eine eigene Identität haben. Diesen Wesenskern hat aber kein Volk. Die Rede vom Volk sollte dennoch rehabilitiert werden. Aber aus anderen Gründen

deutschland

„Wir sind das Volk“ hört man in diesen Tagen und Wochen als politisches Schlagwort öfter. Der Ruf kommt von rechts und hat eine deutsch-nationale Ausprägung. Neu ist dieser Deutsch-Nationalismus nicht.

Nationalismus gibt es schon lange in Deutschland. Es gibt diese Ontologie vom deutschen Volk schon spätestens seit dem 19. Jahrhundert, bis im Nationalsozialismus das deutsche Wesen vermeintlich ausgemacht wurde und dann imperial verbreitet werden sollte – erst in Europa, und dann überall. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ ist eines dieser politischen Schlagworte, um die Volksgenossen darauf einzuschwören, dass ein starkes und reines deutsches Volk seine völkische Identität in einem existenziellen Kampf zur Hegemonie verbreiten solle.

Es gibt kein Wesen des deutschen Volkes

Die Idee von Volk, welche hier vorherrscht, beruht aber auf einer falschen Ontologie. Es gibt kein Sein, kein Wesen des deutschen Volkes. So eine Ontologie des deutschen Volkes kann niemals das Wesen des Volkes finden. Eine völkische Identität ist eine absurde und zugleich gefährliche Idee von einem Kollektivsubjekt, was es niemals geben wird. Einen deutschen Volksgeist romantisierend zu beschwören, läuft daher fehl, weil dies auf der Annahme beruht, dass das deutsche Volk eines Wesenskern besitzt. Es gibt aber eben kein Wissen vom deutschen Volk – niemand besitzt so ein Wissen, auch wenn manche esoterische Gruppe dies behaupten mag.

Das deutsche Volk ist vielmehr eine Rechtsgemeinschaft und das Volk kann zudem ein Begriff der Sittlichkeit sein. Ein Volk ist nie eine nationale Größe, die eine innere Identität besitzt. Volk ist ein Begriff für eine gemeinschaftliche Selbstbestimmung. Ein Volk ist eine Gemeinschaft, das sowohl die rechtliche Macht zur demokratischen Veränderung besitzt – alle Macht geht dem Grundgesetz nach vom deutschen Volke aus – als auch was die sittliche Größe besitzen kann – nicht muss – um die Gemeinschaft als einen Ort einzurichten, den jedes Mitglied dieser Gemeinschaft als liebenswürdig anerkennen kann. Und in dieser Perspektive ist die Rede vom Volk auch zu erneuern.

Lange galt allein das Wort „Volk“ als demokratisch unschicklich in Deutschland. Das Wort „Volk“ erinnerte zu sehr an die von den Nationalsozialisten beschworene Volksgemeinschaft. Diese völlige Distanzierung vom Begriff „Volk“ war ein Fehler. Es war aber völlig richtig, sich von der Auffassung von der Volksgemeinschaft als Kollektivsubjekt mit eigener Identität zu distanzieren und diese Idee in das Archiv verfehlter politischer Ideen zu stecken. Die Ontologie des deutschen Volkes brachte Deutschland nur Unheil und entbehrte jedem Rationalismus. Diese identitäre Romantik ist gefährlich. Gestern wie heute.

Ein Radikal-Liberalismus ist auch falsch

Aber die Idee, dass es mehr gibt als Individuen und ihre Rechte, das sollten die heutigen Demokraten auch anerkennen. Der Begriff „Volk“ bietet sich für diese Umschreibung an. Demokratie besteht aus mehr als Einzelsubjekten. Es gibt zwar kein Kollektivsubjekt. Aber es gibt mehr als die lose Verbindung von Bürgern als Rechtsgenossen. Demokratie bedeutet mehr als individuelle Ansprüche an den Staat zu stellen. Citoyen haben eine Pflicht: Die Pflicht ihr Gemeinwesen gemeinsam und im konsensorientierten Dialog zu gestalten und zu erhalten. Rechtsgenossen haben nur ihre Rechte gemeinsam. Zur Sittlichkeit strebende Bürger aber haben eine gemeinsame Idee davon, warum die Demokratie ihnen allen gehört und warum die Demokratie für alle da sein soll.

Ein Radikal-Liberalismus, der die Bürger nur zu Anspruchsstellern an ihre Rechtsgenossen macht, ist daher auch falsch. Der Bürger soll kein reiner Individualist sein, dem es nur um seine Lage in der Welt bestellt ist. Beides ist so falsch: Die radikal-liberale Idee von einem echten Demokraten, der nur an sich denkt, und die Idee vom Volksgenossen, dem es nur um die Stärkung seiner Volksgemeinschaft geht. Es gibt weder eine innere Essenz des Individuums – welche für alle Individuen gilt. Noch gibt es ein Wesen eines Volkes, welches man stärken kann. Beide Extreme schaden der Demokratie, wenn sie vielfach geglaubt und vertreten werden.

Deutschland braucht eine Psychologie der Wahrheitsfindung

Der zwanghafte und teils verzweifelte Versuch der ontologischen Suche nach Identität – egal ob nur das Individuum nach seiner Identität sucht, oder das Individuum einer ominösen Idee der Volksidentität folgt – ist Gift für die Demokratie. Jede ontologisch gedachte Aufforderung zur Suche und Verwirklichung der Identität bestimmt ein Schicksal, welches geradezu in ein Verhängnis hineinläuft. Identifizierung muss immer offen und veränderbar bleiben. Es gibt nicht die ontische Wahrheit des Individuums und nicht die ontische Wahrheit des deutschen Volkes. Es gibt nur die politische Wahrheit, die freie Bürger in freier Beratung zur Wahrheit machen. Auf der Agora, in der Öffentlichkeit, da kann man Wahrheit finden, weil man sich da im Dialog einigen kann.

Was die deutsche Demokratie braucht, ist nicht Identität – denn diese wird sie niemals finden –, sondern Identifizierung dessen, was als Wahrheit freier Bürger von allen anerkannt werden kann – und das mit guten Gründen. Was freie Bürger einander schulden und wie ihre Gemeinschaft eingerichtet sein soll, darüber kann und sollte man Wahrheit finden. Und diese Einigung gibt es nur durch Dialog und nicht durch einen existenziellen Kampf um Identität.
Was Deutschland daher braucht, ist so etwas wie eine Psychologie der Wahrheitsfindung. Deutschland braucht eine Psychologie der Identifizierung dessen, was Bürger einer Gemeinschaft einander schulden. Mit Psychologie ist dann nichts anderes gemeint, als die Selbstvergewisserung und Identifizierung als Mensch, der ein Bürger zu sein hat, dem es um die Wahr-Machung des Konsenses über das Einander-Geschuldete bestellt ist.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Heisterhagen: Die Linke ist gespalten – ein Neuanfang muss her!

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