Daten erzählen Geschichten. Jure Leskovec

Generation Y

Zwischen Egotaktik, Idealismus, Identitätssuche und dem Wunsch nach Sicherheit.

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Die Generation Y ist ein sagenumwobenes Gebilde. So richtig weiß niemand, was sie ist und so richtig weiß auch derjenige, der zu ihr gehört, nicht so recht, was er will. Will er vor allem Sicherheit? Will er Souveränität über Zeit und Ort? Will er einen Job, der Spaß macht und in dem man sich „selbstverwirklichen“ kann? Will er einfach nur seine Ruhe und Hauptsache ein hübsches Privatleben haben? Will er viel Gehalt oder lieber weniger, aber dafür was bewegen können im Job? Will er ein materialistischer Egoist oder lieber ein aufs Geld pfeifender Idealist sein?

Die Generation Y ist diffus

Ach ja, die Generation Y. Für Warum steht das Y. Deswegen stellen sich wohl auch so viele Fragen. Deswegen ist die Generation Y wohl auch so diffus, so widersprüchlich, so schwankend, so soziologisch amorph.

Dass die Generation Y nun soziologisch amorph ist, stört allerdings nur den Soziologen. Der Betroffene, der junge Mensch zwischen 16-35 Jahren, der ist von der Diffusität und Widersprüchlichkeit aber eher nur verunsichert. Wie gewinnt man aber Orientierung, wenn es doch nur Fragen gibt?

Denken wir die Sache durch: Erstens: Thema Selbstverwirklichung. Zweitens: Thema Sicherheit. Drittens: Thema Egotaktik.

Erstens: Thema Selbstverwirklichung: Wenn die Selbstverwirklichung wirklich das ist, was die Generation Y will, dann muss sie in der Regel scheitern. Denn wenn man nicht weiß, was man will, hat man ein Problem. Denn eigentlich soll man ja wissen was man will – darum geht es ja bei der Selbstverwirklichung. Man kann nichts verwirklichen, was man nicht kennt. Selbstverwirklichung ist eine nette Idee – Selbstverwirklichung durch Arbeit auch. Aber wenn Selbstverwirklichung stets nur ein Versprechen, meistens aber nichts Greifbares ist, dann gerät die Erfüllung des Versprechens oft auch zur Sucht, zur verzweifelten Suche nach der Vollendung des Versprechens.

Bei der Selbstverwirklichung durch Arbeit ist das besonders eklatant sichtbar: Irgendwann wird man süchtig. Muss immer mehr und besessener arbeiten, nur weil man das diffuse Kopfkino hat, dass die eigene Arbeit helfen könnte, die eigene Identität zu klären. Und generell gibt es da das Problem der Individualisierung, was die Identitätssuche erschwert: Denn je mehr unsere postmoderne Gesellschaft individualisiert ist, desto weniger Anhaltspunkte hat man auf dieser Identitätssuche. Man muss alles ganz alleine packen – sein Selbst alleine finden. Das überfordert zuweilen.

Selbstverwirklichung ist ein Versprechen unserer Zeit. Viele eifern dem nach – ohne doch zu wissen, wohin sie das eigentlich führt. Eine bescheidene Antwort auf die Frage, wie mit der Selbstverwirklichung umzugehen ist, kann nur lauten: Schutz vor einem Selbst braucht das Selbst zuweilen. Aber auch das kann das Selbst nur selbst leisten. Viele Ratgeberbücher machen einen eher irrer als vernünftiger. Die Botschaft muss lauten: Verliert euch nicht in einer Sucht. Reflektiert und schafft auch Distanz zum vermeintlich eigenen Wollen. Wollt maßvoll und in Abwägung realistischer Möglichkeiten. Lasst den Terror der Möglichkeiten nicht an euch heran, sondern habt das Selbstbewusstsein zu den eigenen Entscheidungen zu stehen. Selbstmanagement jedenfalls, ist der größte Unsinn, den man euch nur erzählen kann. So was gibt es nicht.

Generation Y will Sicherheit

Zweitens: Thema Sicherheit. Was ist mit Sicherheit bei der Generation Y gemeint? Vor allem erst einmal Jobsicherheit und damit verbunden sicheres und ordentliches Einkommen. Der Staat und Großkonzerne sind so beliebte Arbeitgeber der Generation Y, so sagt man. Nur zu dumm, dass es gerade dort die wenigsten Freiheiten gibt, sich auszutoben. Der Widerspruch der Interessen der Generation Y tritt erneut zu Tage. Und Jobsicherheit im Kapitalismus, ist, nun ja, auch keine Garantie. Gewerkschaften kämpfen zwar genau für diese Sicherheit – und das zu Recht. Aber eine Garantie gibt es dafür nicht. Auch für unbefristete Stellen gibt es keine Garantie. Auch dafür wird gekämpft. Aber der Kapitalismus ist eben kein Sozialismus. Man kann da weniger planen. So ist das System. Das muss man auch aushalten. Und vor allem: Nicht jeder kann eine unbefristete Stelle mit Schleife beim Daimler, bei Audi oder im Ministerium bekommen – auch das ist die Realität.

Drittens: Thema Egotaktik: Ja, angesichts des Befristungswahns in deutschen Unternehmen, angesichts dem gefühlten Zwang zur Mobilität, zur einseitigen Flexibilität, und dem Eindruck man solle vor allem funktionieren und bloß kein kritischer Geist sein, hat man gewiss äußere Zwänge, die einen dazu veranlassen mögen, ein JA-Sager, Egotaktiker und ungebundener Typ zu werden, der seine Werte, Ideale und seine Persönlichkeit dem Pragmatismus, den Umständen und dem äußeren Druck opfert. Aber diese Egotaktik, die ist nicht nur durch äußeren Zwang induziert, viele vollziehen diese auch bewusst. Sie hadern zwar auch damit, weil sie sich über die beziehungsunfähigen Generationenmitglieder aufregen, weil sie keine Fernbeziehungen wollen, weil sie versuchen sich überhaupt zu schützen und so vermeiden Emotionen zuzulassen. Aber selbst in ihrem Hadern sind viele so voll auf Linie des Zeitgeistes der Egotaktik. Denn: Der homo oeconomicus ist eben kühl – soll so sein – deswegen müsse man auch so hart und kühl sein. „Was der Markt will, das soll er kriegen“, diese Haltung vieler aus der Generation Y kommt nicht nur durch äußeren Druck, das ist oft auch freiwillige und ernstgemeinte Lebenseinstellung. Anpassung ist die Haltung, zu der sich viele gezwungen sehen, aber auch selbst befürworten. Oft führt das zu Duckmäusertum: Zu einer Armee gefügiger Arbeitsroboter und zu konfliktscheuen Charakteren, die alle Probleme wegschieben, nur um sich nicht mit ihnen befassen zu müssen. Der Zeitgeist produziert Feigheit, darf man sagen.

Was ist die Generation Y also? Sie ist viel, und nichts wirklich Einheitliches. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht? Vielleicht ist die Generation Y nur eine Chiffre für eben jenes soziologisch zu erfassende Phänomen, dass sich eine Entwicklung vollzieht, die man mit Individualisierung, Subjektivierung, oder Entkollektivierung bezeichnen kann und damit vielgestaltige Probleme und Herausforderungen einhergehen. Gewiss treffen diese Probleme die Jüngeren mehr. Aber im Grunde betreffen sie alle. Gesellschaft betrifft immer alle. In diesem Sinne betrifft die Generation Y auch alle. Und man sollte mehr diese Probleme der Subjektivierung kritisieren, als zu fragen, wie die Individuen es jedes für sich nur selbst schaffen können, mit diesen Problemen und Herausforderungen umzugehen. Diese Probleme müssen wir auch gemeinsam lösen und eben nicht nur alleine. Die Einzelkämpfermentalität ist nämlich ein großer Teil des Gesamtproblems.

In diesem Sinne sollte die Generation Y nicht mehr länger ein Begriff für eine Orientierungslosigkeit, Widersprüchlichkeit und Unsicherheit der jungen Generation sein, sondern ein Hinweis dafür sein, endlich die Probleme der Subjektivierung in der breiten Öffentlichkeit zu thematisieren und nach Lösungen zu suchen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Heisterhagen: Eine Wahlarbeitszeit erhöht die Freiheit

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