Für die Menschen ist nicht die Oase das Problem, sondern die Wüste drumherum. Guido Westerwelle

Wissen ist Freiheit

Deutschland tut seit Jahren zu wenig für das eigene Bildungssystem. Wenn das so bleibt, bedroht es nicht nur den eigenen Wohlstand, sondern die Freiheit jedes Einzelnen.

Mitte der 1950er-Jahre wuchs langsam das Verständnis dafür, dass der Fortschritt und das Wirtschaftswachstum der Industrieländer nur noch durch mehr Wissen ermöglicht werden konnte. Der Weg in die Wissensgesellschaft war damit festgeschrieben.

So ist es die durch den Soziologen Helmut Schelsky pointierte Entwicklung der „wissenschaftlich-technischen Zivilisation“, die als maßgebliche Triebkraft für die Bildungsexpansion zu verstehen ist. Hatten die USA nach dem Sputnik-Schock von 1957 schon weit früher neue Bildungsbemühungen auf sich genommen, startete die deutsche Bildungsdebatte Mitte der 1960er-Jahre etwas zeitverzögert.

Initialzündung der deutschen Debatte waren 1964 ein Buch des Bildungsexperten Georg Picht mit dem Titel „Die deutsche Bildungskatastrophe“ und 1965 Ralf Dahrendorfs Plädoyer für Bildung als Grundrecht. Beide Arbeiten lösten ein großes Echo aus.

In der Folge führte die doppelte Konnotation von Bildung als Grundrecht und als Humankapital zu einer intensiven Bildungsexpansion. So stieg der Gesamtanteil der öffentlichen Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt zwischen 1965 bis 1975 von 3,4 Prozent auf 5,5 Prozent. Dabei ist es bis heute geblieben. In den 1980er-Jahren stoppte die Bildungsexpansion. Nach einer aktuellen Bildungsstudie der OECD „Bildung auf einen Blick 2014“ liegen die deutschen Bildungsausgaben nicht nur weiterhin unter dem OECD-Durchschnitt (6,1 Prozent des BIP), sondern sie betrugen 5,1 Prozent des BIP im Jahr 2011 und liegen damit auf dem Niveau der 1970er-Jahre.

Fortschritt ist ohne Bildung nicht mehr möglich

Die Bedeutung der Bildung für Deutschland hat aber seit den 1980er-Jahren exponentiell zugenommen. Ein volkswirtschaftlicher Aufstieg kann nur noch durch mehr Wissen, also vor allem durch mehr qualifizierte Fachkräfte erreicht werden. Ohne Wissenschaft und deren Anwendung in den Betrieben ist der Fortschritt nicht mehr realisierbar, das Wirtschaftswachstum nicht mehr steigerbar, die Technik nicht mehr weiterzuentwickeln. Diese Bedeutung des technischen Fortschritts und der Forschung und Entwicklung, die Soziologen schon früh ausgemacht hatten und seitdem verstärkt betonen, ist sogar mittlerweile in den Kanon der ökonomischen Theorie eingegangen – die lange nicht nach bestimmenden Faktoren des Wirtschaftswachstums forschen wollte.

So betrachtet die maßgeblich von dem Ökonomen Paul Romer seit Mitte der 1980er-Jahre entwickelte endogene Wachstumstheorie den technischen Fortschritt als die zentrale Triebfeder des Wirtschaftswachstums. Technischer Fortschritt ist dabei das Resultat von gewinnorientierten Investitionen in Forschung und Entwicklung. Mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung der Unternehmen stellt diese besser auf; sie werden wettbewerbsfähiger und wachsen in der Tendenz und damit meist auch die Volkswirtschaft. Generell kann man zudem folgern, dass je höher der Anteil der Beschäftigten im Forschungssektor einer Volkswirtschaft ist, desto größer das Wachstum ausfällt – sofern man denn annimmt, dass die Forscher auch innovativ sind. So lohnen sich auch mehr öffentliche Investitionen in Universitäten und regionale Forschungscluster.

Eine Ökonomie der Ideen bedeutet aber nicht nur die Konzentration auf Neuentwicklungen anstatt Weiterentwicklungen, sondern sie impliziert auch eine Verdrängung von alten Produkten durch neue in Form einer „schöpferischen Zerstörung“, wie der Wirtschaftssoziologe Joseph Schumpeter das schon in den 1940er-Jahren konstatierte. Neues Wissen verändert die Welt – fortlaufend. Und es ist immer der, der die schöpferische Zerstörung vollzieht, der die Welt verändert. Insofern bedeutet neues Wissen auch eine Macht – momentan nahezu exemplarisch beobachtbar an den Internetgiganten des Silicon Valley. Bildung, die etwas Neues schafft, ist damit letztlich das, was Veränderungen in freien Marktwirtschaften überhaupt erst ermöglicht und zudem Wohlstandsunterschiede schafft. Jedes Land muss – besonders in einem globalisierten Wettbewerb – demnach ein Interesse an der Vermehrung des Wissens und der Verbesserung seines Bildungssystems haben. Wirtschaftspolitik muss zentral auch als Humanförderungspolitik verstanden werden. Denn die Menschen sind es, die die Innovationen schaffen.

Nur die Bildungsexpansion kann unseren Wohlstand erhalten

Zudem ist Bildung aber auch ein Grundelement der Freiheit jedes Menschen. Ohne Bildung ist Freiheit nicht substanziell. Und nur eine substanzielle Freiheit, die darum weiß, dass Freiheit ohne bestimmte Voraussetzungen wie eine ökonomische Grundversorgung, gute Bildung und gute Gesundheitsversorgung nicht viel Wert hat, bedeutet die wirkliche Freiheit des Menschen. Nur mit viel Bildung kann man daher wirklich etwas mit seiner Freiheit anfangen.

Daher bedarf es nun einer erneuten Bildungsexpansion. Es braucht mehr als nur Lippenbekenntnisse für eine Bildungsrepublik; es braucht Taten für sie. Eine Rhetorik der großen Bedeutung der Bildung hilft Deutschland nicht. Nur wenn tatsächlich mehr Menschen mehr Wissen aufbauen, kann die deutsche industrielle Wissensgesellschaft als diese bestehen bleiben und wachsen.

In Deutschland muss das aktive Bewusstsein wachsen, dass man jetzt mehr in das Bildungs- und Forschungssystem investieren muss. Dass das viel Geld kosten wird, muss klar kommuniziert werden. Dass dies die monetäre Verantwortung derer impliziert, die mehr als genug haben, muss ebenso klar herausgestellt werden.

Wir brauchen eine neue Steuerdebatte, die deutlich macht, dass es höhere Steuern auf Kapital und höhere Steuern auf hohe Arbeitseinkommen geben muss, um aus Deutschland eine echte Bildungsrepublik zu formen. Nur wenn Deutschland diese Bildungsrepublik wird, kann der deutsche Wohlstand erhalten und ausgebaut werden. Nur dann kann Deutschland eine wettbewerbsfähige und hoch innovative industrielle Wissensgesellschaft bleiben. Wer kann daher einer Bildungsexpansion ernsthaft widersprechen?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hans-Martin Esser, Konstantin Kuhle, Nora Stampfl.

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