Diäten wirken immer nur so lange, wie man sie einhält. Daniel Küblböck

Neue Wege gehen

Es gibt kein Gegenargument, das stark genug ist, der Gewinnung gesunden Lebens etwas entgegenzusetzen. Ein Fortpflanzungsgesetz sollte deshalb die Keimbahntherapie regeln.

Bereits seit Längerem ist es in Deutschland zulässig, männliche Samenzellen zu selektieren, um auf diese Weise Erbkrankheiten zu verhindern. Daher wäre es nur konsequent, unsere neuen technologischen Möglichkeiten zu nutzen und Mitochondrien, die sogenannten Kraftwerke der Zellen, zu verwenden. Denn sie sind genetisch unauffällig. Das Einbringen von Eizellkernen in zuvor entkernte Eizellen mit funktionstüchtigem mitochondrialen Erbgut ist kein genetischer Eingriff im ursprünglichen Sinn, der neue Gene in das Erbgut einführt. Gene werden auch nicht ausgeschaltet. Ein Kern wird lediglich in eine neue Zelle transferiert. Damit ist das Risiko dieser Form der Keimbahntherapie viel geringer als das Risiko einer Keimbahntherapie, bei der man Gene verändert. Für betroffene Familien bietet diese Therapie die Chance auf ein Kind, das ohne die schwere genetische Vorbelastung nicht hinreichend funktionstüchtigen mitochondrialen Erbguts zur Welt kommt.

Wer die Zulässigkeit einer solchen Keimbahntherapie bestreitet, kann sich nicht auf den Status des Embryos berufen. Embryonen werden hier nicht „verbraucht“. Im Gegenteil soll gerade mit diesem technischen Eingriff vermieden werden, dass eine Präimplantations- oder Pränataldiagnostik nötig wird. Bei derartiger Diagnostik eines derartigen Defekts wird der Embryo entweder nicht implantiert oder gar der Fötus im Mutterleib getötet. Da freilich mitochondriale Fehlfunktionen nur einen Bruchteil möglicher genetischer Veränderungen ausmachen, wird die Erlaubnis der Zulässigkeit dieser Form der Keimbahntherapie mit Sicherheit weder Präimplantations- noch Pränataldiagnostik überflüssig machen.

Wer also diese neue technische Möglichkeit ablehnt, wird andere Gründe benennen müssen. Ein Grund lautet: Bereits die Voraussetzung dieser technischen Möglichkeit, nämlich die Eizellgewinnung, ist unmoralisch, da hier der Liebesakt und der Zeugungsakt getrennt werden. So argumentiert beispielsweise das katholische Lehramt. Dann wäre freilich auch jede künstliche Befruchtung unzulässig. Jedoch ist diese technische Form der Fortpflanzung nahezu weltweit zugelassen und in vielen Staaten übernehmen die Krankenkassen die Behandlung teilweise oder sogar ganz. Ethisch lässt sich dies dadurch rechtfertigen, dass wir Menschen hier die Technik nutzen, um einem neuen Menschenleben den Weg zu bahnen. Diese ethische Überzeugung, dass die Existenz eines Menschen etwas Wertvolles und Wünschenswertes ist, wofür die Technik in den Dienst genommen werden darf, wenn der übliche Weg nicht funktioniert, ist auch zentral dafür, dass ich mich für die Zulässigkeit der Keimbahntherapie ausspreche.

Die katholische Kirche lehnt nur künstliche Befruchtung ab

Dabei ist nur zu gewährleisten, dass der erhoffte Nutzen die Risiken deutlich übersteigt. Wenn die Forscher nachweisen, dass den später geborenen Kindern durch die neuen Verfahren kein Schaden entsteht oder im Verhältnis zu einer mitochondrial bewirkten Erkrankung nur minimale Nebenwirkungen der Technik zu befürchten sind, wäre es die Pflicht des Gesetzgebers, dieses Verfahren zuzulassen. Selbst die deutschen katholischen Bischöfe haben in ihrem Katechismus eingeräumt, dass „grundsätzlich ethisch nichts dagegen einzuwenden [wäre], eine genetisch bedingte Anomalie in einem menschlichen Embryo auf gentechnologischem Wege zu korrigieren“ (S. 301). Nur würden sie eine künstliche Befruchtung ablehnen.

Auch der Einwand, dass durch einen Eingriff in die Keimbahn über den Menschen in seinem Ursprung verfügt wird und er dadurch „gemacht“ und damit in seiner Selbstbestimmung eingeschränkt wird, ist nicht überzeugend. Denn gerade in dem konkreten Fall erhält der später geborene Mensch durch diese technische Korrektur gerade erst die Möglichkeit, zu einem selbstbestimmten und nicht durch Krankheit weitgehend fremdbestimmten Leben.

Deshalb hoffe ich sehr auf ein Fortpflanzungsgesetz, in dem diese neuen technischen Möglichkeiten zugelassen werden. Auch sollten die Kassen solidarisch diese Form der Keimbahntherapie als Regelleistung übernehmen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marcy Darnovsky, Jochen Taupitz.

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