Politische Sprache ist dazu geschaffen, Lügen wahrhaft und Mord respektabel klingen zu lassen. George Orwell

Auslöschungsphantasien eines Christophoben

Differenzieren ist notwendig, um Gegenstände zu verstehen. Wer nicht differenziert, tut es aus Dummheit, Unkenntnis oder Absicht. Dumm ist Wolfgang Brosche nicht.

„Gleich auf´s Auge“ heißt Brosches Kolumne und den Titel finden sicher alle witzig, außer die Besitzer eben jenes Auges, auf das ohne zu fragen geschlagen wird. Warum auch fragen, in der PR gilt kein Unschuldsprinzip. Und so gefällt sich Wolfgang Brosche als Asket des Differenzierens. Dass es in Kassel in keinem Seminar über Homosexualität ging, ist ihm keine Silbe wert.

Und das tut weh. Nicht nur inhaltlich, es schmerzt vor allem dieser völlige Verzicht auf Differenzierung. Der Verzicht auf Differenzierung zur Erreichung bestimmter Ideen ist Ideologie. Nicht differenzieren ist Wahrheit verschweigen.

Erst protestieren, dann nicht fragen

Es ist genau dieses reziproke Verhältnis von Protestlautstärke und Sachkenntnis, was mir in den letzten Wochen oft zu denken gab. Je weniger die Menschen vom Werden und Sein von Sexualität wissen, umso energischer fordern sie die Mundtotmachung derer, die öffentlich für die Gestaltungsfreiheit des Individuums gegenüber seiner Sexualität eintreten. Wer das Megafon hat, hat Recht.

Grund für die Aufregung war die Einladung zweier Referenten, die zu den Themen Bindungsforschung, die Reise zum Mannsein und sexuelle Identitätsstörungen referieren sollten. Das ging gar nicht. Landtagspolitiker zeigten sich „öffentlich“ besorgt, Diakonieverbände wurden vonseiten des LSVD zu unserem Ausschluss aufgefordert, Vertreter der Presse machten den Kongress zu einem Ex-Gaytreffen, Aktionsbündnisse meldeten Gegenkundgebungen und Proteste an und selbst die Stadtverordnetenversammlung in Kassel erklärte sinngemäß die beiden Personen des Anstoßes als in Kassel unerwünscht.

Vollmundig wurde sich empört, gefragt wurde nicht. Merke: Schreiender Mund fragt nicht gern. Was letztlich in den Seminaren auf der Agenda stehen sollte, war schlichtweg unbedeutend und sollte gar nicht besprochen werden: „Wir möchten nicht mit euch reden, wir haben keine Fragen, wir wollen, dass ihr geht“, antwortete die Mehrheit der Teilnehmer auf dem Protestvorbereitungstreffen auf dem wir Gespräche und Klärung anbieten wollten. Unser Aufenthalt dort war von kurzer Dauer.

Wider den trojanischen Gebrauch der Homosexualität

Es bleibt das Fragen, warum Wolfgang Brosche die Lanze anlegt und im Nachhinein gegen unseren Kongress anreitet, auf dem er nicht anwesend war und dessen Presseerklärung er übersehen oder ignoriert hat. In einem Kommentar am 4.12.2012 forderte Wolfgang Brosche: „Ceterum censeo – Catholica esse delendam!“ Ruft da tatsächlich einer nach dem dritten römisch-karthagischem Krieg, zur völligen Vernichtung? Deutschland muss katholikenfrei werden und bei einem Kongress von Sexualphobikern, wie er uns zärtlich nennt, fängt er an?

Dann muss Brosches indifferenter Wut-Gestus auch nicht überraschen und auch nicht, dass der Leser über diesen Kongress nichts erfährt, dafür aber reichlich über die psychodynamischen Motive anderer Menschen. Ich frage mich: Was haben wir mit diesen Leuten zu tun, außer der Überschrift?

Es ist abstrus. Er wirft jedem alles vor: „Diese Leute“ sind zeitgleich schuld an der antihomosexuellen Gesetzgebung in Uganda, apokalyptischen Strafgerichtsreden nach Flutkatastrophen, Ausrottung, Internierung, Pathologisierung und selbstredend russischer Minderheitenpolitik. So ist es für ihn offensichtlich naheliegend, dass die Antibildungsplan-Demonstrantin in Stuttgart die Motive der Veranstalter und Teilnehmer eines Seelsorgekongresses in Kassel aufdeckt. Ist ja auch logisch, denn „Hinabspucken, Treten und Ausgrenzen“ sind „Spezialitäten des Christentums“. Wieder was gelernt über einen Seelsorgeverband, der in jedem Jahr vielen hunderten Pornosüchtigen, Missbrauchsopfern und krisengeschüttelten Ehepaaren wieder auf die Beine hilft. Weißes Kreuz: Menschenfreunde-Eheretter-Pornokiller – und Homohelfer sind wir auch, das aber nur ganz nebenbei.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass der Mann einen Kulturkampf führt und sein trojanisches Vehikel die Homosexualität ist. Er ist damit nicht allein. Das klappt gut dieser Tage. Auch Jenifer Stange und Oda Lambrecht finden das synergetisch ertragreich: Evangelikalen-Bashing reitet auf der Homoheilerphobie und die Redaktion des Leitmediums „Zeit“ wird zum Sancho Pancha. degradiert. Entgegen aller Fakten konstruiert man einen Seelsorgekongress zum Medizinertreffen um und schreibt „Selbst ernannte Schwulenheiler treffen sich in Kassel“ in den Titel, obwohl alle Beteiligten den Begriff Homoheiler für das Unwort ihres Lebens halten. Brosche macht aus dem Kongress „Schwulenhetze in Kassel“.

Hier wird offensichtlich Differenzierung mit Häme zur Erreichung bestimmter Ziele ersetzt. Es wird bewusst entsachlicht, manipuliert, und wenn man sich inhaltlich mit der Materie nicht auseinanderzusetzen bereit ist, schreiben neuerdings „The European“-Kolumnisten diese kant-averse Grundhaltung als Qualitätssigel in die Einleitung. Schade. Denn die Ausfechtung von Kulturkämpfen bevorzugen wir, anderen zu überlassen.

Dieser Kommentar ist eine Reaktion auf Wolfgang Brosches Kolumne „Was gesagt werden muss“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Ramon Rodriguez , Anton Hofreiter.

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