Die Merkel-Regierung hat die Vorschusslorbeeren nicht zu nutzen gewusst. Andrea Nahles

Seicht, seichter, online

Obwohl das Internet erst seit 20 Jahren verbreitet ist, scheint ein Leben und Arbeiten ohne Netz kaum vorstellbar. Aber unsere Abhängigkeit vom Internet hat auch eine Schattenseite. Durch konstante Ablenkungen, Unterbrechungen und Reizüberflutungen verführt es uns zu intellektueller Oberflächlichkeit.

Ich habe immer mehr Probleme, mich wirklich auf eine Sache zu konzentrieren. Nach der permanenten Stimulation am Bildschirm scheint mein Gehirn hungrig zu sein nach schnellen und leicht zu verarbeitenden Informationshappen.

Könnte der Konzentrationsverlust ein Resultat all der Zeit sein, die ich online verbracht habe? Aktuelle Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen, die mit Links gespickte Texte lesen, weniger verstehen als diejenigen, die gedruckte Wörter auf einer Papierseite lesen. Menschen, die ständig von E-Mails, Terminhinweisen oder anderen Nachrichten abgelenkt werden, verstehen weniger als die, die sich ohne Unterbrechung konzentrieren können. Und Menschen, die mehrere Dinge auf einmal bewältigen, sind oft weniger kreativ und produktiv als diejenigen, die eine Sache nach der anderen erledigen.

Assoziationen sind essenziell

Was all diese Phänomene wie ein roter Faden verbindet, ist die Partialisierung unserer Aufmerksamkeit. Gehirnforscher haben herausgefunden, dass die Reichhaltigkeit unserer Gedanken und Erinnerungen der Fähigkeit geschuldet ist, unser Denken zu fokussieren. Nur wenn wir einer neuen Information gezielte Aufmerksamkeit schenken, sind wir in der Lage, sie “zu deuten und systematisch mit vorhandenem Wissen aus unserer Erinnerung” zu assoziieren, so der Nobelpreisträger und Neurowissenschaftler Eric Kandel. Solche Assoziationen sind essenziell, um komplexe Konzepte zu durchdringen und kritisch zu denken.

Was wir bei unserem ganzen Surfen und Suchen aufgeben, ist die Kapazität, uns auf ruhiges Denken einzulassen und uns der Kontemplation, Reflexion und Introspektion hinzugeben. Das Internet ermutigt uns niemals, langsamer zu treten. Es hält uns in einem Zustand ständiger mentaler Fortbewegung. Der neuerliche Aufstieg von sozialen Netzen wie Facebook und Twitter, die einen ständigen Strom kurzer Nachrichten und Updates produzieren, hat das Problem noch verschärft.

Überfliegen wird zur dominanten Denkweise

Es ist nicht verwerflich, Informationen in kleinen Häppchen aufzunehmen. Wir haben immer schon Zeitungen eher überflogen als gelesen, und wir sind es gewohnt, unsere Augen über Bücher und Magazine gleiten zu lassen, um anhand einer Kernaussage zu entscheiden, ob sich eine genauere Lektüre lohnt. Die Fähigkeit zu scannen und zu suchen ist ebenso wichtig wie die Fähigkeit des genauen Lesens und aufmerksamen Denkens. Bedenklich ist jedoch, dass das Überfliegen zur dominanten Denkweise wird. Einst ein Mittel zum Zweck – eine Art, Informationen zur genaueren Sicht zu identifizieren –, wird es zum Selbstzweck.

Das wäre alles kein Problem, wenn diese Effekte auf das Internet und auf den Zeitraum unserer Internetnutzung beschränkt blieben. Aber das tun sie nicht. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich die zelluläre Struktur des menschlichen Gehirns leicht den Werkzeugen anpasst, die wir zum Finden, Speichern und Teilen von Informationen nutzen. Indem sie unsere Denkgewohnheiten verändert, verstärkt jede neue Technologie bestimmte neurale Pfade und schwächt andere.

Wenn wir ständig durch Computer und Mobiltelefone abgelenkt und unterbrochen werden, strömen Informationen durch unser Kurzzeitgedächtnis, ohne je in unserem Langzeitgedächtnis verfestigt zu werden. Unser Gehirn ist nicht in der Lage, die starken neuronalen Verbindungen herzustellen, die unserem Denken erst Tiefe und Klarheit verschaffen. Unsere Gedanken werden zusammenhangslos, unser Erinnern flach. Der römische Philosoph Seneca hat es vor 2000 Jahren wohl am besten formuliert: “Nirgendwo ist der, der überall ist.”

Lesen Sie hier auch ein Interview mit Nicholas Carr.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: David Kirkpatrick, Miriam Meckel, Evgeny Morozov.

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