Es gibt ja immer Krise und nie gute Zeiten – zumindest kriege ich die nicht mit. Dagobert Jäger

„Wir industrialisieren unseren Intellekt“

Der Netz-Philosoph und Schriftsteller Nicholas Carr warnt mit drastischen Worten vor den Gefahren, die die Nutzung des Internets für unseren Intellekt bedeutet. Ob er selbst wieder gedruckte Bücher liest, was unserer Kultur und unserem Geist in den nächsten Jahrzehnten droht und wie das Netz unser Gehirn neu programmiert, verrät er im Gespräch mit Florian Guckelsberger.

The European: Herr Carr, wann haben Sie zum letzten Mal ein Buch gelesen?
Carr: Ich habe gerade erst Douglas Couplands neue Biografie von Marshall McLuhan gelesen.

The European: Sie argumentieren, dass das Internet unsere Fähigkeit einschränkt, komplexe Informationen zu verstehen. Unser Gehirn muss einfach zu viele Informationen auf einmal verarbeiten. Falls Sie recht haben: Welche Auswirkungen hat das auf unser Verständnis von Kultur und Gesellschaft?
Carr: Wir beobachten hier einen Teil der Abkehr vom reflektiven Denken hin zu kurzfristigem, utilitaristischem Denken. Die Quelle von vielen Dingen, die wir an Kunst, Literatur, Wissenschaft oder Politik schätzen, hat ihren Ursprung in reflektiv-aufmerksamem Denken. Wenn wir das nicht mehr kultivieren, werden wir irgendwann auch eine Verflachung der Kultur beobachten. Man könnte sogar sagen, dass sich das heute schon andeutet.

“Wir industrialisieren unseren Intellekt”

The European: Wie verändert sich der Mensch durch eine solche Entwicklung?
Carr: Wir würden dann einen Menschen sehen, dessen Intellekt sehr industrialisiert wäre. Man wäre konstant damit beschäftigt, Daten zu verarbeiten, Probleme zu lösen, Effizienzsteigerungen zu suchen, das Schweifen der Gedanken zu verhindern. Dieser Mensch würde Nachdenklichkeit und Einsamkeit kritisch beurteilen und als Zeichen für geringe Produktivität aburteilen.

The European: Ein Vorteil des Internets gegenüber klassischen Medien ist die Verlinkung von kontextrelevanten Inhalten. Trägt das nicht auch dazu bei, dass sich komplizierte Sachverhalte besser darstellen und erfassen lassen?
Carr: Das ist möglich, aber es kann auch dazu beitragen, dass wir oberflächlich und distanziert lesen. Es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass zum Beispiel Hyperlinks unser Textverständnis behindern, weil sie den Lesefluss und damit die Konzentration stören. Aber wir müssen uns auch bewusst machen, dass es Verlinkungen auch in klassischen Medien gibt, nur haben sie da die Form von Zitaten, Andeutungen oder Quellenangaben.

The European: Ist es möglich, durch Modifikation oder Evolution zu erreichen, dass tiefes Leseverständnis und Leseeffizienz gleichzeitig möglich werden?
Carr: Gleichzeitig geht das sicherlich nicht. Genetische Veränderungen spielen sich über extrem lange Zeiträume ab und sind nur schwer vorhersagbar. Was wir aber in den kommenden Generationen sehen könnten, ist eine Anpassung unseres Gehirns an die simultane Verarbeitung von Information und schnell veränderlichen visuellen Reizen. Das ginge dann auf Kosten der Aufmerksamkeitsspanne, die wir für intensives Lesen benötigen.

The European: In Ihrem Buch ziehen Sie das Fazit, dass wir durch das Vertrauen auf computerbasierte Mediation zwischen uns und der Umwelt die eigene Intelligenz auf ein künstliches Niveau verflachen. Wenn wir die Erinnerungsleistung auslagern, verschwindet die Kultur. Was meinen Sie damit?
Carr: Das sind zwei verschiedene Punkte. Ich glaube, dass es Anzeichen dafür gibt, dass eine Automatisierung von Denkprozessen und eine Verlagerung sozialer Interaktion ins Netz zu einer Verflachung und Vereinheitlichung unseres Intellekts beitragen. Das lebendige intellektuelle Leben geht dabei verloren. Wenn wir uns an Algorithmen orientieren, werden wir immer maschinenähnlicher, wir verlieren unsere Emotionen. Im Bezug auf Erinnerung ist es so, dass wir nicht mehr gezwungen sind, uns Dinge zu merken. Das übernimmt Google für uns. Das Problem ist allerdings, dass unser kreatives und konzeptionelles Denken oftmals von den engen und komplexen Verbindungen zwischen unseren Erinnerungen ausgeht. Die Fähigkeit des Gehirns, Informationen zu speichern und kritisch zu analysieren, ist die Grundlage für die Sonderstellung des Menschen in der Natur und für unsere Kultur. Wenn wir diese Fähigkeit auf Server auslagern, beginnen wir, die Grundlagen unseres Daseins zu zerstören.

“Es gibt eine Spannung zwischen dem Unmittelbaren und dem Tiefsinnigen”

The European: Ist es nicht ebenso möglich, dass Komplexität und Analyse durch das Netz vorangetrieben werden? Dass wir Kultur neu erfinden?
Carr: Das ist möglich, aber ich sehe keine Anzeichen in diese Richtung. Es scheint mir, dass zwischen dem Unmittelbaren und dem Tiefsinnigen immer eine Spannung besteht.

The European: Es gibt Experten, die eine Gefahr durch die Monopolisierung von Wissen sehen. Sie sehen eine Informationstyrannei, zum Beispiel bei Google. Teilen Sie diese Bedenken?
Carr: Es gibt auf jeden Fall das Risiko. Die Frage ist, ob wir uns gegen den Tyrannen stellen oder einen Pakt mit ihm eingehen. Momentan sieht es eher so aus, als ob wir uns auf einen fatalen Pakt einlassen.

The European: Sie haben gesagt, dass auch Sie nicht vom Netz lassen können oder es sinnvoller nutzen. Wie sollen es unsere Leser dann schaffen?
Carr: Vielleicht sind Ihre Leser ja stärker und couragierter als ich.

Das Buch “Wer bin ich, wenn ich online bin …: und was macht mein Gehirn solange? – Wie das Internet unser Denken verändert” ist 2010 im Karl Blessing Verlag erschienen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Jörg Blech: „Gene sind kein Schicksal“

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