Große Anführer sind fast immer große Meister im Vereinfachen. Colin Powell

„Perfektion ist ein seltsames Konzept“

Als Transhumanistin entwirft Natasha Vita-More seit Jahrzehnten Konzepte zur Weiterentwicklung des Menschen. Im Gespräch mit Lars Mensel redet sie über das Meta-Gehirn, designte Körperteile und kopierbare Erinnerungen.

The European: Frau Vita-More, 1983 schrieben Sie in Ihrem Transhumanismus-Manifest: „Der Mensch entwickelt sich passend zur Evolution seine Werkzeuge und Ideen.“ Dreißig Jahre sind vergangen – welche Werkzeuge sind am interessantesten?
Vita-More: Diejenigen, die uns beim Lösen menschlicher Probleme und unserer Interaktion helfen. Könnte ich einen Werkzeugkoffer zusammenstellen, würde ich „NBIK+“ daraufschreiben: Nano-, Bio-, Informationstechnologie und Kognitionswissenschaft plus Robotik und künstliche Intelligenz. Mit Weiterentwicklungen der Technik beeinflussen wir unser Leben und die menschliche Wahrnehmung.

The European: Menschengemachte Evolution klingt einerseits verheißungsvoll, andererseits bedrohlich. In Deutschland debattieren wir über die Eingriffe in die Natur – sei es Präimplantationsdiagnostik oder genetische Modifikation.
Vita-More: Deutschland ist nicht zuletzt aufgrund seiner Geschichte in Sorge. Die Nationalsozialisten verwendeten die Technik gegen den Menschen. Ihr Ziel war es, mit Gewalt und Zwang eine überlegene Rasse zu schaffen – das ist niederträchtig und kriminell. Tatsächliche Verbesserung des Menschen besteht aus zwei Komponenten: Therapie und Auswahl. Erstere heilt kranke Menschen. Letztere bedeutet, manche unserer physiologischen Funktionen mit Hilfe von Technik über die Grenzen der biologischen Möglichkeiten zu erweitern. Das heißt auch, die Ursachen psychologischer und physiologischer Krankheiten auszuräumen. Sofern der Mensch das will.

The European: Freiwillige Evolution also?
Vita-More: Verbesserung ist eine freie Entscheidung. Ein wichtiges Recht dazu nennt sich morphologische Freiheit. Es erlaubt Menschen, ihre Körper zu erweitern – aber sie dürfen niemals dazu gezwungen werden.

The European: Sollten wir Erweiterungen als persönlichen ­Entschluss begreifen, etwa wie die Entscheidung für eine Tätowierung?
Vita-More: Ja, aber es geht um wesentlich extremere Eingriffe. Ein einfaches Beispiel ist die Technik zur Erweiterung der Sinne: Betrachten Sie gerne die Sterne, oder wollen Sie Moleküle erkennen können? Dann könnten Sie eine teleskopische Linse auf dem Auge tragen. Das wäre wie ein Tattoo mit einer Funktion.

The European: Weitere Möglichkeiten haben Sie in einer Konzeptstudie namens „Primo Posthuman“ festgehalten, dem Prototypen für einen zukünftigen Menschen. Dessen Haut schützt sich selbst vor UV-Strahlen, und er kann das Geschlecht wechseln. Ist das realistisch?
Vita-More: Ich habe dieses Konzept als Ganzkörper-Prothese entworfen, als Alternative zum menschlichen Körper im Sinne der Robotik, künstlichen Intelligenz und Neurowissenschaft. Es bietet kranken Menschen die Möglichkeit des „freiwilligen Todes“, bei dem das Gehirn in diesen Ersatzkörper verpflanzt wird. Wir haben bereits begonnen, Menschen fernab der Regieanweisungen unserer DNS zu entwerfen. Die Medizin weiß sehr viel über unser größtes Organ, die Haut. UV-Schutz ist bereits mit Sonnencreme möglich – eine einfache, aber fortschrittliche Anwendung, die jeder gewohnt ist.

The European: Und wie können wir unsere Haut so verbessern, dass Sonnencreme überflüssig wird?
Vita-More: Synthetische Haut kann im Labor gezüchtet werden und als Ersatzhaut dienen. Eine an der Stanford University entwickelte Plastikhaut ist berührungsempfindlich und kann sich bei Zimmertemperatur selbst reparieren. Wissenschaftler arbeiten daran, Haut mit 3D-Druckern zu erzeugen – ein lebendiges Konstrukt, das der menschlichen Haut entspricht.

The European: Haut ist sicherlich nicht das einzige Organ?
Vita-More: Wir könnten quasi jedes Gewebe drucken und damit kranke Körperteile ersetzen, zum Beispiel bei Krebs. Oder wir können Zellstrukturen manipulieren und die Organe in ihren Urzustand zurückversetzen. Wenn wir die Krebszellen aus einer Harnblase entfernen und das kranke Gewebe ersetzen, kann diese ihre Funktion ungestört wiederaufnehmen. Auch was das Geschlecht angeht, sind die Fortschritte beeindruckend: Wir heilen bereits Unfruchtbarkeit, frieren Embryos ein oder führen Geschlechtsumwandlungen durch.

The European: Welche Fortschritte wurden bisher in der ­Psychologie gemacht?
Vita-More: Neuropharmazie hat vielen Menschen mit Krankheiten wie Parkinson dabei geholfen, ihre kognitiven Fähigkeiten und Erinnerungen zurückzuerlangen. Menschen mit psychischen Problemen erlangten eine ausbalancierte Psyche. Depressionen, Phobien, Psychosen und andere seelische Krankheiten wurden von diesen Entwicklungen bereits enorm zurückgedrängt. Für die Zukunft habe ich ein Meta-Gehirn vorgeschlagen. Es hätte ein größeres Erinnerungsvermögen und verbesserte kognitive Fähigkeiten. Der von mir entworfene Prototyp könnte seinen eigenen Körper regenerieren und Krankheiten oder Alterung automatisch korrigieren.

The European: Wie sähe so ein Mensch aus?
Vita-More: Ich habe den „Primo Posthuman“ so gestaltet, dass er mehr einem Menschen als einem Cyborg gleicht. Cyborgs sind zu mechanisch – menschenähnliche Körper und Sinne sollten vorhanden bleiben.

The European: Nach Ihren Beschreibungen könnten wir aber auch Körper entwerfen, die unserem kaum ähneln.
Vita-More: Sicher, aber wir wissen einfach noch nicht, wie wir aussehen werden. Designer und Ingenieure werden sich in den kommenden Jahrzehnten austoben. Bereits jetzt ist Prothesenkunde praktisch ein Gestaltungsfach. Moderne Prothesen können immer besser mit dem Gehirn interagieren – um beispielsweise einen Tastsinn zu simulieren – und sehen dazu noch atemberaubend aus. Arme und Beine sind Designprodukte, und manche von ihnen wurden in Fachzeitschriften gezeigt, weil sie so wunderschön sind. Trotzdem brauchen wir noch immer eine Art Struktur. Ein Baugerüst, nennen wir es Körper. Bewusstsein, Gehirn, die kognitiven Fähigkeiten und das zentrale Nervensystem müssen in irgendeiner Struktur beheimatet sein. Ob nun biologisch, mechanisch oder ganz anders: Sie müssen zusammenhängen.

The European: Welche anderen Einschränkungen gibt es?
Vita-More: Wir Menschen sind sehr zerbrechlich. Und Ganzkörperprothesen sind noch nicht möglich, ebenso wenig wie Sicherungskopien unserer Erinnerungen. Sobald wir das Gehirn in den Computer laden können, sind wir einen großen Schritt näher an einer tatsächlich nachhaltigen Erweiterung.

The European: Aber hat diese Zukunftsvision überhaupt noch etwas mit unserer menschlichen Natur gemein?
Vita-More: Den Begriff finde ich schwierig. Wenn wir von der menschlichen Natur sprechen, meinen wir oft die Natur um uns herum. Wir haben unser Bestes getan, um Mutter Natur in den Griff zu bekommen. Aber unsere eigene Natur ist anders, sie hängt mit unserer Biologie und unserer DNS zusammen. Ausschließlich menschlich war diese aber noch nie. Alle von uns tragen in ihren Zellen Mitochondrien, welche eine völlig andere DNS haben als wir selbst. Letztlich liegt es in unserer Natur, Lösungen zu suchen – also müssen wir innovativ sein. Im Laufe der Evolution hat sich der Mensch immer anpassen müssen.

The European: Krankheit, Alter und Tod sind integrale Bestandteile unserer menschlichen Existenz. Dürfen wir sie auf der Suche nach Perfektion einfach abschalten?
Vita-More: Auch Perfektion ist ein seltsames Konzept. Um sie zu erreichen, müssten wir uns in einem Zustand befinden, in dem nichts mehr zu tun wäre. Es würden keine weiteren Hoffnungen, keine weiteren Träume, keine Probleme existieren. Dort anzukommen, würde ewigen Stillstand bedeuten. Wie langweilig. Perfektion ist kein Zustand, den ich selbst anstrebe – und ihr Erreichen ist auch kein Ziel der Transhumanisten. Der Drang zur Perfektion wurde uns von der Religion auferlegt, insbesondere dem Christentum. Menschliche Verbesserung sollte uns nicht perfekt, sondern zu besseren Menschen machen.

The European: Welche Rolle spielt die Technik dabei?
Vita-More: Das kommt auf die Stoßrichtung der technischen Entwicklung an. Will sie uns ersetzen? Vermutlich nicht. Wahrscheinlicher ist, dass wir selbst zu super-intelligenter Technik werden, weil wir auf sie zurückgreifen werden, um schlauer, effizienter, kommunikativer zu werden. Wenn diese Entwicklung stattfindet, werden wir neben der normalen Welt auch in einer künstlichen Simulation leben und kommunizieren. Seit Jahrhunderten nutzen Menschen Technologien, um ihre Möglichkeiten zu verbessern. Ob das gut ist, kommt immer auf deren Verwendung an.

„Technikoptimismus ist ein Oxymoron“

The European: Alan Turing wurde einmal damit konfrontiert, dass Eingriffe in die menschliche Biologie so wären, wie Gott zu spielen. Er antwortete: „Wir sind trotzdem Instrumente seines Willens und bieten Raum für die Seelen, die er schuf“. Sind Sie seiner Meinung?
Vita-More: Für Christen ist der Himmel das absolute Finale. Für Buddhisten geht das Leben stets weiter. Wir anderen schaffen unseren Seelenfrieden durch Taten. Es liegt in unserer Verantwortung, unsere Spezies zu beschützen. Aber ebenso haben wir die Evolution in der Hand.

The European: Unser Zusammenleben fußt darauf, dass wir auf gegenseitige Hilfe angewiesen sind. Die Diskussion um menschliche Verbesserung scheint vom Versprechen getragen, den Menschen komplett unabhängig zu machen.
Vita-More: Ich glaube, dass unser Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der Verbesserung stärker geworden ist. Für lange Zeit waren Menschen beispielsweise nur mit ihrer direkten Umgebung im Kontakt. Heute bringen uns die Telekommunikation und das Internet näher zusammen. Wenn wir die Kommunikationstechnik weiterentwickeln, wird sie stets präsenter und inniger. Virtuelle Realitäten demonstrieren, wie uns Verbesserungen dabei helfen können, besser miteinander umzugehen. Wie wäre es, wenn wir Erfahrungen teilen könnten? Stellen Sie sich vor, ich könnte die neuronalen Verknüpfungen einer meiner großartigsten Erinnerungen in Algorithmen umwandeln und in Ihr Gehirn laden. Je mehr wir unsere technischen Möglichkeiten vorantreiben, desto näher werden wir zusammenrücken.

The European: Dennoch könnte eine Verbesserung zu gesellschaftlichen Problemen führen. Beispiel: verlängertes Leben. Wir kämpfen bereits heute mit der Überbevölkerung und der Last des demografischen Wandels.
Vita-More: Sicher, wenn wir mit längerem Leben Überbevölkerung hervorrufen, ist das schlecht für unsere Welt und uns alle. Momentan wächst die Weltbevölkerung noch. Aber im Westen ist bereits ersichtlich, dass Bevölkerungen auch wieder schrumpfen können. Längeres Leben kann genau da ansetzen. Momentan liegt das Maximum bei 122 bis 123 Jahren. Aber wenn wir länger leben würden, 150 Jahre oder mehr, wäre das ein Paradigmenwechsel für unsere Spezies.

The European: Wie hat man sich so eine Welt vorzustellen?
Vita-More: Ich glaube, dass wir unsere Zivilisation ins Sonnensystem ausweiten werden – beispielsweise mit Gesellschaften im Erdorbit.

The European: Ist es also Zeit für Technik-Optimismus oder eher für behutsames Vortasten?
Vita-More: Weder Technik-Optimismus noch dystopischer Pessimismus werden die vielen Probleme lösen, mit denen wir konfrontiert sind. Wir leben in einer Zeit, wo der Fortschritt von zahllosen Problemen der Welt aufgehalten wird. Technik-Optimismus ist also ein Oxymoron: Wie kann man angesichts der Wirtschaftskrise, der Umweltprobleme, der Armut und den ständigen Kriegen im Nahen Osten optimistisch sein? Ich schlage also eine dritte Option vor: Das proaktive Prinzip basiert auf kritischem Denken, um die Probleme unserer Welt sensibler anzugehen. Es ist optimistisch – aber auf eine pragmatische Art.

Übersetzung aus dem Englischen

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

Sie können es hier direkt bestellen.

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