Niemand wird als Abgeordneter geboren. Florian Bernschneider

Wir haben die Autos mal eben abgeschafft

Der Bürgermeister von Johannesburg, Mpho Parks Tau, leitet die Dekarbonisierung des städtischen Verkehrs in der größten Stadt Südafrikas ein.

Johannesburg mag eine zwischen Arm und Reich zerklüftete Stadt des Goldes sein, aber Mpho Parks Tau, der Regierende Bürgermeister von Südafrikas größter Stadt, hat einen grünen Traum. Sein Traum ist, „den öffentlichen Verkehr, das Laufen und Radfahren zugänglicher, sicher, attraktiver und cool“ zu machen. Um zu zeigen, dass ein Verzicht auf das Auto möglich ist, hat er Ende 2015 Afrikas erstes EcoMobility Festival lanciert. Für den gesamten Monat wurde das pulsierende Finanzviertel Sandton weitgehend für den regulären Autoverkehr gesperrt. „The European“ sprach mit dem dynamischen 45-jährigen Bürgermeister über seine Vision für eine nachhaltige, sozial gerechte Stadt.

Was war die Absicht des einmonatigen ökomobilen Experiments?

Johannesburg ist eine autozentrierte, zersiedelte Stadt mit über 4,8 Millionen Einwohnern und dem höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf in Afrika. Wir müssen die Autoabhängigkeit im Joburger Berufsverkehr angehen, weil sie umweltschädigend und ineffizient ist. Mit dem Festival wollten wir zeigen, dass es möglich ist, unsere Fortbewegungsweise zu ändern. Es hat eine Plattform zum öffentlichen Dialog geschaffen. Die Förderung von Ökomobilität, was Priorität für den Rad- und Fußverkehr, öffentlichen Verkehr und Car-Sharing bedeutet, ist ein Kernstück unserer Maßnahmen gegen den Klimawandel, Luftverschmutzung und soziale Ungerechtigkeit. Das erste Festival fand 2013 in der südkoreanischen Stadt Suwon statt. Wir haben beschlossen, das zweite in Johannesburg auszurichten, um Klimaschutz-Führerschaft zu zeigen, nicht nur in Südafrika, sondern auch für afrikanische Städte.

Warum wurde der wohlhabende Bezirk Sandton, auch Afrikas reichste Quadratmeile genannt, dafür ausgewählt?

Sandton ist Afrikas Finanzknotenpunkt, Sitz der größten Börse und vieler multinationaler Konzerne. Der Bezirk hat eines der höchsten Verkehrsaufkommen im Land. Bis zu 100.000 Autos fahren täglich nach Sandton rein und raus. Pendler beschweren sich, dass sie im Verkehr festsitzen, doch sie sind der Verkehr. Sandton droht mit dem Bau neuer Bürohäuser, Hotels und Einkaufszentren ein riesiger Parkplatz zu werden. Treibhausgase und die Verkehrsbelastung bedrohen unsere Umwelt und die Wirtschaftskraft der Stadt.

Was waren die Ergebnisse des Festivals?

Das Festival hat bewiesen, dass es einen Bedarf für ein sicheres, erschwingliches und integriertes Nahverkehrssystem gibt. Es hat gezeigt, dass Sandton ohne die übliche hohe Autodichte funktionieren kann. Während des Festivals fiel die private Autonutzung von 90 auf 68 Prozent. Die Anzahl von Gautrain/Schnellbahn-Passagieren stieg um acht Prozent und die Zahl der Radfahrer um fast sieben Prozent. Die Rolle der Minibus-Taxiindustrie im Verkehrsmix wurde in den vier Wochen unterstrichen.

Was ist Ihre Botschaft an die Staatschefs beim Klimagipfel in Paris?

Städte sind verantwortlich für 70 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen Zwei Drittel der Weltbevölkerung werden 2050 in Städten leben. Wir haben die Johannesburger Deklaration für Ökomobilität in Städten verabschiedet, unterstützt von Bürgermeistern aus fünf Kontinenten, die hervorhebt, dass ohne die Dekarbonisierung des urbanen Verkehrs keine Strategie zur Reduktion des globalen Treibhausgas-Ausstoßes erfolgreich sein kann. Sie fordert, auf allen Regierungsebenen Richtlinien durchzusetzen, um autozentrierte Städte in menschenfreundliche zu verwandeln und unter Mitwirkung von Bürgern und Arbeitgebern den motorisierten Individualverkehr einzuschränken. Wir fordern die Vertreter der Nationalstaaten beim Klimagipfel auf, die Rolle der kommunalen und subnationalen Regierungen bei der Implementierung des Klimavertrages anzuerkennen. Wir Städte gehen nicht nach Paris und lamentieren, dass der Klimawandel eine komplexe Angelegenheit ist. Wir bringen echte Lösungen.

Wird das Festival dauerhafte Spuren in der Stadt hinterlassen?

Mehrere Veränderungen, die beim Festival eingeführt wurden, werden Bestand haben, wie Park&Ride-Plätze und Expressspuren für Busse und Fahrgemeinschaften. Der Bau einer neuen Fußgängerbrücke zwischen Sandton und der benachbarten Township Alexandra wird das Laufen und Radfahren sicherer und bequemer machen. Das Bussystem wird ausgebaut, um mehr Wohnquartiere mit Sandton und dem innerstädtischen Geschäftsviertel zu verknüpfen. Zum Festivalstart wurden 88 grüne Busse eingeführt. Weitere werden 2016 folgen. In Sandton haben wir neue Fahrrad- und breitere Fußgängerwege, Busspuren und einen Ring für den Minibus-Taxiverkehr gebaut.

Johannesburg ist bestrebt, eine afrikanische Metropole von Weltrang zu sein. Es wird erwartet, dass sie bis 2030 die Zehn-Millionen-Marke überschreitet. Wie bewältigt die Stadt dieses Wachstumstempo?

Johannesburg hat einen Zustrom von 10.000 Menschen im Monat. Die Zahl der Einwohner ist zwischen 2001 und 2011 um 37 Prozent gestiegen. Sie müssen in die Stadt integriert werden. Wir benutzen einen Entwicklungsansatz, um die mit der rapiden Urbanisierung und Migration verbundenen Probleme zu bewältigen, wie die Lieferung von Versorgungsleistungen, und nutzen alle verfügbaren Ressourcen zur Lebensverbesserung der Einwohner. Urbanisierung bringt Herausforderungen und Chancen mit sich. Einwanderer bringen Unternehmertum in die Stadt und erhöhen das Arbeitskräftereservoir. Johannesburg ist ein Schmelztiegel mit einer hohen Konzentration von Einwanderern, die ein besseres Leben suchen. Die Stadt wurde von Neuankömmlingen gegründet, durch Vielfalt geprägt und wird immer offen für Afrika und die Welt sein.

Die Dekarbonisierung des Verkehrs erfordert ein radikales Umdenken. Welche Rolle spielt die Wirtschaft?

Die südafrikanische Wirtschaft ist sich des Klimawandels sehr bewusst. Unternehmen ergreifen Maßnahmen hinsichtlich Standards zum Grünen Bauen und energieeffizienter Sanierung. Wir müssen mit der Industrie zusammenarbeiten, sodass unsere Städte nachhaltiger und klimaresistenter werden. Wir sind begeistert, dass Unternehmen unsere ökomobile Vision teilen. Wir schätzen ihr demonstriertes Verständnis, dass das jetzige fossile, zeit- und geldverschwendende Verkehrssystem unserem Wirtschaftswachstum und der Lebensqualität schadet. Es ist eine Transformationszeit. Wir befinden uns darin zusammen.

Das Interview führte Sandra Prüfer. Bearbeitung: Stefan Groß und Sebastian Sigler.

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