Im Jahre 1961 baute das Regime der DDR die Berliner Mauer. Im Jahre 1989 stürzte dieses Regime und mit ihm die Berliner Mauer. War der Bau dieser Mauer im Nachhinein überflüssig? – Ja. – Kann der Bau der Mauer erklärt werden? – Ja, auch. Was lässt sich also über den Mauerbau – fünfzig Jahre danach – sagen? Was immer es ist, kann es nur unter den Bedingungen gesagt werden, denen man unterworfen ist, wenn man über Geschichtliches redet: Man befragt die Eule der Minerva, die ihren Flug bekanntlich erst in der Dämmerung beginnt. Nimmt man allerdings in Kauf, dass Geschichte stets ihren Siegern als Beute zufällt, darf man sich auch fragen, wann die Dämmerung beginnt. Wird nicht auch die Dämmerung – mithin der Zeitpunkt, an welchem man Geschichtliches „legitimerweise“ zu reflektieren beginnen darf – von den Siegern bestimmt? Dass die Sieger voreilig sein können, konnte man kurze Zeit nach dem Mauerfall gewahren, als mit ihr (und dem Zusammenbruch dessen, was sie symbolisierte) das Ende der Geschichte verkündet wurde – diesmal freilich nicht vom Eulen-Philosophen, sondern von einem geschwinden US-Politologen.
Die vielen Bedeutungen der Berliner Mauer
Was war er also, der Berliner Mauerbau? Zunächst und vor allem die Manifestation eines fundamentalen Unrechts des Regimes, das diesen Mauerbau initiiert hatte, ein Regime freilich, das als Erzeugnis einer geopolitischen Konstellation in die Welt kam und der Logik dieser Konstellation im Kalten Krieg strikt gehorchte – wie etwa auch der US-amerikanische Napalmbomben-Beschuss von Vietnam zur selben Zeit. Der Mauerbau war auch das steinerne Monument der welthistorischen Tragödie, welche den sowjetischen Sozialismus von seinem Anbeginn dem Zwang unterworfen hatte, die riesige Kluft im realen Stand der Produktionsmittel gegenüber dem westlichen Kapitalismus schließen zu sollen, diesem mithin immerzu hinterherzujagen, nur weil die sozialistische Revolution (nach Marx’scher Maßgabe) am denkbar falschesten Ort der entwickelten Welt ausgebrochen war. Der Mauerbau war zudem das objektive – subjektiv freilich nie artikulierte – Eingeständnis, den Kampf um den Sozialismus als historischen Gegenentwurf zum Kapitalismus sehr früh schon verloren gegeben zu haben.
Rückkehr zur Prämoderne
Mitte des vergangenen Jahrzehnts errichtete der israelische Staat eine Trennungsmauer (bzw. einen Trennungszaun) von den unter seiner Okkupation lebenden Palästinensern. Die Initiatoren der Mauer gaben sie als Mittel zur Bekämpfung von Terror aus, als Instrument der Angstbewältigung und Sicherheitsgarantie. Der Frieden kommt den Sachwaltern der israelischen Sicherheit nicht als reale Möglichkeit in den Sinn, die Ursachen von Terror, Bedrohtheit und Angst von Grund auf auszumerzen. Eine archaisch anmutende, im Wesen prämoderne Maßnahme wird eingesetzt, um zu erreichen, was sich nicht erreichen lässt: Erhaltung der Okkupation bei gleichzeitigem Anspruch auf Sicherheit. Und so schottet sich Israel nicht nur von seinem regionalen Umfeld, sondern gleich vom gesamten Rest der Welt ab. Die Dämmerung ist längst angebrochen, die Eule der Minerva hat ihren Flug begonnen, aber die Errichter der Mauer verweigern sich unerbittlich dem auf der Hand liegenden Ausweg aus der welthistorischen Tragödie – Nahostkonflikt genannt –, welche sie mit Verve perpetuieren, weil sie die Stagnation im Ausweglosen zu ihrem politischen Prinzip erhoben haben. Hat man sich etwa vorbewusst schon eingestanden, den Kampf um den Frieden als Gegenentwurf zur Ideologie der Selbsteinmauerung bereits aufgegeben zu haben?




















Ein falscher ‘Mauer-Vergleich’. Das wissen Sie auch. Sie diskreditieren die Menschen, die an der ehemaligen Demarkationslinie – mitten durch Deutschland – von Kommunisten hinterrücks erschossen/ermordet wurden.
Zu Israel. Zunächst zur Erinnerung den Grund für die (gegenwärtige) Grenzsicherung – die Hamas-Charta, Artikel 13:
‘Ansätze zum Frieden, die sogenannten friedlichen Lösungen und die internationalen Konferenzen zur Lösung der Palästinafrage stehen sämtlichst im Widerspruch zu den Auffassungen der Islamischen Widerstandsbewegung. Denn auf irgendeinen Teil Palästinas zu verzichten bedeutet, auf einen Teil der Religion zu verzichten; der Nationalismus der Islamischen Widerstandsbewegung ist Bestandteil ihres Glaubens. (…) Für die Palästina-Frage gibt es keine andere Lösung als den Djihad. Die Initiativen, Vorschläge und Internationalen Konferenzen sind reine Zeitverschwendung und eine Praxis der Sinnlosigkeit (…)’.
Abgesehen davon, das auch die Grenze zwischen Gaza und Ägypten ähnlich, wie zwischen Israel und Gaza gesichert wird. Soweit mir bekannt, kann jeder Recht-schaffende über Grenzkontrollpunkte nach Israel ein- und/oder ausreisen. Wo ist Ihr Problem?
zu “von Kommunisten erschossen”:
Nur, weil man sich das Etikett “Kommunist” auf die Stirn klebt, heißt das noch lange nicht, wirklich einer zu sein. Siehe “Kommunismus in der DDR”, der sich so schimpfte, aber keiner war. Dementpsrechend waren es keine Kommunisten, die dort Menschen erschossen haben, klingt aber ideologisch-knackiger, nicht wahr.
Vielleicht definieren Sie ‘Ihren’ Kommunismus? Dann hätten wir eine gemeinsame Diskussionsgrundlage. Derweil ‘helfe’ ich mit Karl Marx schon mal aus:
Wir haben es nie verheimlicht. Unser Boden ist nicht der Rechtsboden, es ist der revolutionäre Boden. Karl Marx, 1848 (MEW 6, 102).
Wir haben es von Anfang an für überflüssig gehalten, unsre Ansicht zu verheimlichen …Wir sind rücksichtslos, wir verlangen keine Rücksicht von euch. Wenn die Reihe an uns kömmt, wir werden den Terrorismus nicht beschönigen. Karl Marx, 1849 (MEW 6, 504).
Hier noch etwas Marx zum Kommunismus:
“An die Stelle der alten buergerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensaetzen tritt eine Assoziation, worin die Entwicklung eines jeden die Bedingung fuer die freie Entwicklung aller ist” (MEW 4;482)
Fuer mich kann das nur die Diktatur der Freiheit sein. Was sonst?
@ der blode Hans
Der hier verwendete Editor taugt nicht viel.
Er führt manche Anweisungen einfach nicht aus.
Ich rate dem EDV-Kollegen vom European, eine verbesserte Updateversion zu installieren.
dass mit der israelischen Mauer die Rate der jährlichen Terrortoten in Israel von bis zu 600 auf null gesunken ist, mag zwar nicht “das Übel an der Wurzel” packen, rechtfertigt das hässliche Bauwerk aber allemal. Oder nicht, Professor Zuckermann??
Vorab:
1) Wir alle werden vermutlich keinerlei Sympathie für nationalistisch-religiöse Krawallos hegen, ob Lieberman oder Hamas. 2) Ein Vergleich ist noch keine Gleichsetzung.
3) Und eine Mauer trennt in beide Richtungen.
Hallo, Herr Albers von der Reeperbahn,
“Soweit mir bekannt, kann jeder Recht-schaffende über Grenzkontrollpunkte nach Israel ein- und/oder ausreisen.”
Da sollte er oder sie aber sehr viel Zeit mitbringen, und selbst dann wird vor allem ein Palästinenser auch schon mal ohne Gründe nicht hineingelassen. Ob er kein Recht schafft oder Recht schafft, um Ihre unkonventionelle Rechtschreibung aufzugreifen.
Dies kann auch passieren, wenn er einen israelischen Pass hat, aber die “falsche” Religion bzw. Eltern.
Ein anderer Punkt @ addib, wenn man schon Toten-Zahlen aufführt, ergänzen Sie bitte noch diejenigen der toten Zivilisten auf palästinensischer Seite? Beide sind bedauerlich.
Herr Zuckermann hat hier wie so häufig einen wichtigen Punkt beigesteuert, auch wenn es wehtut.
Menschen haben schon immer Mauern zur Selbstverteidigung gebaut, um sich vor Feinden oder auch Umwelteinflüssen zu schützen (z. B. die chinesische Mauer). Dieses Recht hat auch Israel. Andere haben Mauern gebaut, damit die Menschen nicht aus den von ihnen errichteten Gefägnissen davonlaufen können (z. B. Berliner Mauer).
Wenn jemand alle Mauern gleichsetzt und negativ bewertet, so verzichtet er wahrscheinlich bewusst darauf, die Geister zu unterscheiden.
Kommentare im Stile eines @addib oder @derblondehans machen mehr als deutlich, dass sie den Beitrag des israelischen Historikers Zuckermann nicht verstanden haben. Ich befürchte, dass die Mauern in den Köpfen solcher Kommentatoren so fest betoniert und undurchlässig sind, dass universell-humanistisches Denken daran abprallt. Wenn die emotionale Intelligenz bei solchen Leuten einen ähnlichen Härtegrad aufweist wie ihre kognitive, dann ist Gefahr in Verzug. Dass @Heinrich Mößler die israelische Mauer als ’ gute Mauer’ betrachtet zeugt von einem archaischen Weltbild, in dem Menschen in gute und böse, weiße und schwarze, starke und schwache, jüdische und arabische usw. usw.usw. eingeteilt werden. MauerfetischistInnen rate ich zur Adorno-Lektüre: “Erziehung nach Auschwitz”.