Obama hat bei Weitem nicht so viel erreichen können, wir er es sich gewünscht hatte. Stephen Wayne

Bis zum Äußersten

Israels Hysterie um die eigene Existenz ist wenig glaubhaft – sollte dem Land etwas an der Lösung der Konflikte liegen, müsste es zunächst die Palästinenserfrage klären.

Seit dem Fall der Mauer erlebte der Nahe Osten zwei mittelgroße Kriege – den ersten (1991) und den zweiten (2003) Irak-Krieg. Der erste endete mit der Wiederherstellung der Souveränität Kuwaits, der zweite mit dem Zusammenbruch des Irak. Die Vereinigten Staaten dürfen das Ergebnis des ersten Krieges zwar als einen bescheidenen Erfolg, des zweiten als eklatanten Misserfolg bewerten. Dafür kam Israel aus dem ersten Krieg mit nur einem blauen Auge davon, aus dem zweiten aber mit einer herben Klatsche. Zwar ist Saddam Hussein nicht mehr Herrscher über Irak, aber die hegemoniale Position des Iran in der Region konnte sich seit dem zweiten Irak-Krieg verfestigen. In anderen Worten – ausgerechnet der Erzrivale Israels, die Macht hinter der Hisbollah und der Hamas, trat als klarer Gewinner aus der 20-jährigen Krise in der Region hervor.

Politisches Eigentor

Zwar war Israel am ersten Irak-Krieg nur passiv, und am zweiten Krieg überhaupt nicht beteiligt, die Begeisterung über Amerikas Initiative in beiden Fällen war jedoch eindeutig. Das Ergebnis kann man in der Fußballsprache nur als Eigentor bezeichnen: Nicht nur war Iran der Gewinner – Israel erwies sich als machtlos oder mindestens unbedeutend, dazu von den USA völlig abhängig. Auch die Versuche, im zweiten Libanon-Krieg 2008 und im Gaza-Krieg 2010 Israels Abschreckungspotenzial zu demonstrieren, konnten daran nichts ändern.

Statt aber aus diesem Schlamassel den Schluss zu ziehen, dass in der Region geführte Kriege am Ende Israel keinen Vorteil mehr verschaffen (anders als zur Zeit des Iran-Irak-Krieges) und dass Israel auf regionaler Ebene Erfolge wie im Sechs-Tage-Krieg nicht mehr erwarten kann, entschied sich die israelische Politik für einen politischen Kurs, der den nächsten Krieg eher herbeiführt. Bis 2003 war Saddam für Israel der Buhmann, der angebliche Vorbereiter des atomaren Schlags gegen Israel (was im Jahr 1981 zum Angriff auf die im Bau befindliche Atomanlage führte), nach 2003 hat der Iran für Israel diese Rolle übernommen. Israel setzt seitdem auf ein Entweder-oder mit dem Iran, weil Israel keine andere atomare Macht in der Region dulden kann, und schon gar nicht den vom Shoa-Leugner Ahmadinedschad regierten Iran. So manövrierten sich Israel und der Iran in eine Situation, die auf beiden Seiten keinen Raum für „losing face“ zulässt. In anderen Worten: Hier wurde eine „Brinkmanship“-Taktik in Gang gesetzt, die eine kriegerische Auseinandersetzung praktisch vorprogrammiert.

Die arabische Region als Kollateralschaden

Statt, wie in den Irak-Kriegen, die Verantwortung den USA bzw. der UN zu überlassen, versucht Israel den äußerst risikoreichen Alleingang. Statt aus der Geschichte des kalten Krieges bzw. z.B. aus der Erfahrung Koreas zu lernen, hat Israel Irans Wunsch, atomare Macht zu werden, zu einem Existenzkampf Israels stilisiert, und so zur unnötigen Aufwertung des Iran beigetragen. Seit 1979 unterschätzt niemand den Fanatismus und die Machtbestrebung des Iran, aber im Endeffekt ist die Bombe auch für den Iran ein zu hohes Risiko: Fällt die Bombe auf israelischem Territorium, so werden die Palästinenser zu „Kollateralschäden“, wenn nicht sogar die gesamte arabische Region.

Dass aber Israel nicht im Ernst die iranische Gefahr als existenziell betrachtet, zeigt Israels Verhalten gegenüber der anderen Regionalmacht, der Türkei, gegenüber Irans Schützling, Syrien, aber auch gegenüber den Palästinensern: Im Angesicht der großen Gefahr (Iran) hätte man die kleineren Gefahren (Palästina und Syrien) beseitigen müssen, was nur mithilfe von Verzicht auf besetzte Gebiete möglich wäre. Glaubhaft ist Israels Existenz-Hysterie also nicht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sahar el-Nadi, Ghassan Abid, Elisabeth Braune.

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