Seit dem Fall der Mauer erlebte der Nahe Osten zwei mittelgroße Kriege – den ersten (1991) und den zweiten (2003) Irak-Krieg. Der erste endete mit der Wiederherstellung der Souveränität Kuwaits, der zweite mit dem Zusammenbruch des Irak. Die Vereinigten Staaten dürfen das Ergebnis des ersten Krieges zwar als einen bescheidenen Erfolg, des zweiten als eklatanten Misserfolg bewerten. Dafür kam Israel aus dem ersten Krieg mit nur einem blauen Auge davon, aus dem zweiten aber mit einer herben Klatsche. Zwar ist Saddam Hussein nicht mehr Herrscher über Irak, aber die hegemoniale Position des Iran in der Region konnte sich seit dem zweiten Irak-Krieg verfestigen. In anderen Worten – ausgerechnet der Erzrivale Israels, die Macht hinter der Hisbollah und der Hamas, trat als klarer Gewinner aus der 20-jährigen Krise in der Region hervor.
Politisches Eigentor
Zwar war Israel am ersten Irak-Krieg nur passiv, und am zweiten Krieg überhaupt nicht beteiligt, die Begeisterung über Amerikas Initiative in beiden Fällen war jedoch eindeutig. Das Ergebnis kann man in der Fußballsprache nur als Eigentor bezeichnen: Nicht nur war Iran der Gewinner – Israel erwies sich als machtlos oder mindestens unbedeutend, dazu von den USA völlig abhängig. Auch die Versuche, im zweiten Libanon-Krieg 2008 und im Gaza-Krieg 2010 Israels Abschreckungspotenzial zu demonstrieren, konnten daran nichts ändern.
Statt aber aus diesem Schlamassel den Schluss zu ziehen, dass in der Region geführte Kriege am Ende Israel keinen Vorteil mehr verschaffen (anders als zur Zeit des Iran-Irak-Krieges) und dass Israel auf regionaler Ebene Erfolge wie im Sechs-Tage-Krieg nicht mehr erwarten kann, entschied sich die israelische Politik für einen politischen Kurs, der den nächsten Krieg eher herbeiführt. Bis 2003 war Saddam für Israel der Buhmann, der angebliche Vorbereiter des atomaren Schlags gegen Israel (was im Jahr 1981 zum Angriff auf die im Bau befindliche Atomanlage führte), nach 2003 hat der Iran für Israel diese Rolle übernommen. Israel setzt seitdem auf ein Entweder-oder mit dem Iran, weil Israel keine andere atomare Macht in der Region dulden kann, und schon gar nicht den vom Shoa-Leugner Ahmadinedschad regierten Iran. So manövrierten sich Israel und der Iran in eine Situation, die auf beiden Seiten keinen Raum für „losing face“ zulässt. In anderen Worten: Hier wurde eine „Brinkmanship“-Taktik in Gang gesetzt, die eine kriegerische Auseinandersetzung praktisch vorprogrammiert.
Die arabische Region als Kollateralschaden
Statt, wie in den Irak-Kriegen, die Verantwortung den USA bzw. der UN zu überlassen, versucht Israel den äußerst risikoreichen Alleingang. Statt aus der Geschichte des kalten Krieges bzw. z.B. aus der Erfahrung Koreas zu lernen, hat Israel Irans Wunsch, atomare Macht zu werden, zu einem Existenzkampf Israels stilisiert, und so zur unnötigen Aufwertung des Iran beigetragen. Seit 1979 unterschätzt niemand den Fanatismus und die Machtbestrebung des Iran, aber im Endeffekt ist die Bombe auch für den Iran ein zu hohes Risiko: Fällt die Bombe auf israelischem Territorium, so werden die Palästinenser zu „Kollateralschäden“, wenn nicht sogar die gesamte arabische Region.
Dass aber Israel nicht im Ernst die iranische Gefahr als existenziell betrachtet, zeigt Israels Verhalten gegenüber der anderen Regionalmacht, der Türkei, gegenüber Irans Schützling, Syrien, aber auch gegenüber den Palästinensern: Im Angesicht der großen Gefahr (Iran) hätte man die kleineren Gefahren (Palästina und Syrien) beseitigen müssen, was nur mithilfe von Verzicht auf besetzte Gebiete möglich wäre. Glaubhaft ist Israels Existenz-Hysterie also nicht.
Leserbriefe
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Wenn man mit Menschen in Israel spricht wird sehr deutlich, daß schon große Sorge und richtige Angst da sind. Das ist mal Fakt. Fakt ist auch, daß ich Menschen liebe, die in deutsch schreiben und anderen Nationen diktieren wollen, daß die sich mit ihren Ängsten nicht so haben sollen. Ausgerechnet deutsch, wo die Weltmeister im Angsthaben sitzen! Ob sich Moshe Zimmermann als israelischer Quisling gerieren möchte, ist seine Sache, aber die Rhetorik von autoritären Diktatoren zu verharmlosen, ist sehr gefährlich, denn die tarnen ihre Absichten am besten mit der Wahrheit – der Gefreite aus Braunau läßt grüßen. Ob Ahmadinedschad die Bombe auf Israel wirft oder nur oberhalb der Atmosphäre zündet – da werden die Kollateralschäden nicht so direkt sichtbar und wesentlich breiter verschmiert – kann schon einen Riesenunterschied machen, denn kein modernes Land der Welt, das sich auf Elektronik bei Logistikg, Kommunikation und Verteidigung gründet, ist nach solch einem NEMP-Angriff noch zu verteidigen. Die Gelegenheit zum ersehnten Gemetzel wäre auf jeden Fall gegeben. Daß auch eine israelische Bevölkerung in sowas nicht unbedingt reinlaufen will, kann ich schon sehr gut verstehen.
Ich lese, Herr Zimmermann, Ihre Artikel immer mit Gewinn und freue mich auch darüber, dass hier in der Öffentlichkeit jemand ganz unsentimental die selbstverschuldete Situation Israels in dieser Weise bewertet. Auch aus meiner persönlichen Wahrnehmung der letzten 15 A (vorher hatte ich noch kein kritisches Verhältnis zu Israel) würde ich sagen, dass sich Israel aus einer Position der Stärke mit einer Konsequenz in die Sackgasse manövriert hat, die man in personaler Kategorie nur mit so etwas wie paranoischer Realitätsverzerrung beschreiben kann. Im Gegensatz zu Ihnen, der Sie ISraeli und jüdischen Glaubens sind, wird man mich hier für meine Aussage gleich dem Antisemitismusvorwurf
auszusetzen versuchen. Treffen wird mich das nicht, da dieser Vorwurf sich, so oft wie unsinnig gebraucht, verbraucht hat.
Dank also an Sie, Herr Zimmermann für eine klare Analyse, die zudem noch deutlich Stellung bezieht.
Denn nur so lassen sich Lösungen für die verfahrene Situation im Nahen Osten finden.
Wie es nicht geht, zeigt uns der Vorkommentar von "Zvika – 28.02.2012 – 03:17 ". Hier betreibt einer die übliche Eulogie auf Israel mit dem Mittel der Misologie über Deutschland.
SO treibt man recht plan auf jene letzte Wand in der Sackgasse zu, die wir alle schon sehen. Zvika, die Schmähung Deutschlands macht das Handeln Israels weder verständlicher noch besser! Und dass Menschen Angst haben, ist alles andere als ein Realitätsbeweis für eine URsache der Angst. (Bei den Schneiderschen Kriterien der Schizophrenie ist Wahnvorstellung ein Kriterium erster Stufe) Und dann gibt es natürlich noch den Selbsterfüllungsdrang von Angstsyndromen… und Propaganda… .
Bis auf den letzten Absatz kann ich Herrn Zimmermann voll zustimmen. Doch nicht “Israels Hysterie” ist wenig glaubwürdig, sondern aus der Nichtbefolgung der eigenen Wunschstrategie (Verzicht auf besetzte Gebiete) abzuleiten, dass Israel die Bedrohung gar nicht so existentiell betrachte.
Es kann auch einfach sein, dass Israel (oder, weniger pauschalisierend: die politische Führung Israels) sehr wohl die Bedrohung als existentiell, die vorgeschlagene Strategie aber als nicht zielführend betrachtet. Das ist sogar wahrscheinlich.
(Dass ich persönlich mit Herrn Zimmermann einer Meinung bin, dass das Ende der Besatzung hilfreich wäre, ist unbenommen.)
Israels Angst ist wirklich vollkommen unbegründet, sieht man mal ab von den beinahe täglichen Raketenangriffen, Steinwürfen etc. und nicht zu vergessen die unmißverständlichen Aussagen und Drohungen aus Teheran.
http://alef.ir/vdcepw8zwjh8ewi.b9bj.html?142262
sollten jemand der Schrift und Sprache nicht Kundig sein so kann er weiter unten das ganze noch einmal in englischer sprache nach lesen.
Herr Rannseyer, wie Sie oben nachlesen können, hat Moshe Zimmermann ein Buch verfasst: " Die ANgst vor dem Frieden".
Die Diskussion über die Kassam-Raketen aus Gaza mündet letztlich immer bei der Frage: ERst die Henne, dann das Ei?
Im Übrigen können Sie sich im Netz ein von Herrn Prof. Rolf Verleger (Mit-Neubegründer der jüd.Gemeinde in Lübeck) zur Häufigkeit der Raketenangriffe aus Gaza auf Israel im JAhr vor dem Gaza-Massaker heraussuchen: Es gab 0 Raketen aus Gaza im Jahr vor dem Angriff der ISraelis. Trotzdem wurden die Raketenangriffe als ´Vorwand´ genommen, Gaza anzugreifen.
Man könnte das Ganze fortführen, indem man ddie Anzahl der durch Palästinenser getöteten Israelis in Relation setzt zu den durch Israelis getöteten Palästinenser: 1/ 100… .
Natürlich haben die Israelis Angst.
Herr Feldmann, Ihre Behauptung von 0 Raketen aus Gaza ist falsch.
Sie erweisen sich und Ihrer Sache eine Bärendienst, wenn Sie völlig faktenfreie Behauptungen aufstellen.
Dass Zimmermann schon im ersten Absatz so schnoddrig formuliert, sodass man annehmen könnte, Israel hätte an diesen beiden Kriegen teilgenommen, ist kein Zufall, sondern ein immer wieder auftretetender schlampiger Umgang mit Akteuren, Fakten und Ereignissen, die man sich gerade bei diesem Konflikt nicht leisten kann.
In der von Zimmermann verniedlichend “Kollateralschaden” und “die Bombe” genannten Schädigung der Palästinenser, nach Zimmermann ja sogar der gesamten Arabischen Region, kommt dabei die durch “die Bombe” zwangsläufige Auslöschung der israelischen Bürgerinnen nicht vor.
Man fragt sich in solchen Momenten schon, ob so ein Irrsinn nur bei uns vorkommen kann, als spezifisch jüdischer Wahn. Ich vermute und hoffe mal, dass das nicht zutrifft.
Und die Aussage ähnelt noch dazu jener von Rafsandjani:
“If one day, the Islamic world is also equipped with weapons like those that Israel possesses now, then the imperialists’ strategy will reach a standstill because the use of even one nuclear bomb inside Israel will destroy everything. However, it will only harm the Islamic world. It is not irrational to contemplate such an eventuality.”
http://www.globalsecurity.org/wmd/library/news/iran/2001/011214-text.html
Gut Herr Wunderlich, wenn Sie sich selbst nicht die Mühe machen, dann schauen Sie und andere Interessierte unter folgendem Link im Text: “Hier sind die Zahlen über Raketeneinschläge auf israelischem Territorium im Jahre 2008. Die Quelle dieser Zahlen ist die Website des israelischen Außenministeriums www.mfa.gov.il (Stand vom 14. Januar 2009)”
➜ http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/005510.html#ixzz1no8LNxln
Die Zahl der Raketen +Mörser aus Gaza auf Israel war in den 6 Monaten vor dem Angriff auf Gaza (der mit dem Raketenbeschuss begründet wurde!) 0!
Herr Feldmann, Sie behaupten kontrafaktisch:
“Die Zahl der Raketen +Mörser aus Gaza auf Israel war in den 6 Monaten vor dem Angriff auf Gaza (der mit dem Raketenbeschuss begründet wurde!) 0!”
Aus Ihren Angaben geht genau das Gegenteil ihrer falschen Behauptung hervor, warum Sie daher weiterhin Falsches behaupten, bleibt rätselhaft. Nur in vier Monaten ging die Zahl der Attacken signifikant zurück, aber es gab keinen einzigen Monat ohne Raketen- und Mörserattacken. Ihre eigene Quelle schreibt dazu:
“Die Zahl der Einschläge dieser Geschosse war also vom 19. Juni bis 31. Oktober auf fast null zurückgegangen”
Alleine im November 2008 wurden über hundert Raketen, zweifache Verbrechen gemäß dem Völkerrecht, auf Israel abgeschossen.
Also zwei falsche Behauptungen:
1. Sechs Monate
2. 0 Raketen und Mörser
Ich hoffe, dass Sie das bei Israel nicht immer so halten.
Hier wird unablässig über wenn und aber, warum und wieso diskutiert. Betrachten wir das Problem Israel doch mal aus einem ganz anderen Aspekt…Was ist die Ursache dafür, dass sich der Staat Israel so sehr vor seinen Nachbarn fürchten muss??? Und noch was: immer schön erhrlich bleiben !!!
Ehrliche Antisemiten, mal was Neues.
Moshe Zimmermann schreibt u.A.:
" … aber im Endeffekt ist die Bombe auch für den Iran ein zu hohes Risiko: Fällt die Bombe auf israelischem Territorium, so werden die Palästinenser zu „Kollateralschäden“, wenn nicht sogar die gesamte arabische Region."
Dazu fällt mir spontan das Folgende ein:
1.) Die Palästinenser sind größtenteils Sunniten, -und damit aus Sicht der schiitischen Mullahs “vom Glauben Abgefallene” (also aus Mullah-Sicht die schlimmste Kategorie der “Ungläubigen”).
2.) Selbiges gilt auch für die große sunnitische Mehrheit der Araber in den arabischen Staaten.
3.) Die gesamte arabische Region reicht immerhin von Marokko bis Jemen, und hätte daher größtenteils nur wenige bis gar keine Kollateralschäden zu fürchten, falls der Staatenwinzling Israel durch iranische Atomwaffen tödlich getroffen würde.
4.) Die schiitisch-islamistischen Hardcore-Islamisten des iranischen Mullahregimes hätten daher aus eigener Sicht sogar gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen, wenn sie Israel (und mit ihm die in und um Israel herum lebenden arabisch-sunnitischen “Palästinenser”) nuklear ausgelöscht hätten:
a) Die schiitisch-islamistischen Mullahs im Iran hätten auf diese Weise den jüdischen Staat samt eines Großteils der Juden ausgelöscht (was nach eigenem Bekunden immerhin das höchste Ziel der Mullahs in ihrem ‘Dschihad’ ist).
b) Die im Iran zwangsherrschenden schiitisch-islamistischen Mullahs hätten auf diese Art und Weise also auch gegenüber der feindlichen arabisch-sunnitischen Ideologiekonkurrenz ein massenvernichtendes Zeichen ihres Willens zur größtmöglichen eigenen Dominanz und Destruktion gesetzt.
c) Solch ein realisiertes massenvernichtendes Signal
des iranischen Mullahregimes gegenüber Israelwürde auch Europa, die USA, die Türkei, Aserbaidschan, die UNO insgesamt (sowie alle übrigen Mächte und Institutionen) vor dem Mullahregime des Iran kuschen lassen.d) Im Iran selbst hätten die oppositionellen iranischen Kräfte keinerlei Chance mehr darauf, ein atomar gestärktes Mullah-Minderheitsregime zu stürzen, dass durch die zuvor genannten Aspekte praktisch unangreifbar und unbesiegbar würde.
Außerdem halte ich Moshe Zimmermanns These für falsch und in der Praxis widerlegt, wonach Israel im Libanonkrieg 2006 und im Gazakrieg 2008 seine Abschreckungskraft eingebüßt habe.
Wer so argumentiert, der fällt auf die infantile Paganda der militärisch deutlich geschwächten und schwer angeschlagenen Terrormilizen Hisbollah und Hamas herein, indem er den inszenierten Siegerjubel dieser Kriegsverlierer für bare Münze nimmt.
Kleine Korrektur meinerseits:
Es soll natürlich “Propaganda” heißen, nicht “Paganda”.
Sorry dafür.