Wenn wir durch Zauberhand nicht mehr unter US-Recht fallen würden, wäre das großartig. Sergey Brin

„Professionelle Neugier kann unglaublich abgefuckt sein“

Der Journalist und Buchautor Moritz von Uslar hat für sein neues Buch “Deutschboden” drei Monate in Ostdeutschland recherchiert. Im Interview mit The European spricht er über das Gefühl “geiler Angst”, ostdeutsche Klischees und den Umgang mit Kritik.

The European: Herr von Uslar, zu Beginn Ihres Romans "Deutschboden“ nennen Sie ein kurioses Gefühl, nämlich eine “geile Angst”. Was genau bedeutet das?
Von Uslar: “Geile Angst” will sagen, dass die Sensoren angenehm angetriggert sind. Die Aufmerksamkeit ist hoch, der Reporter ist auf Aufnahme gestellt, im besten Sinne alarmiert. Das ist ein schöner Zustand, eine Art von Ekstase. In diesem Zustand kann das Abenteuer losgehen.

The European: Hatten Sie denn wirklich Angst in dieser Kleinstadt in Ostdeutschland? Vielleicht Angst, nicht willkommen zu sein?
Von Uslar: Es ist ein Klischee, dass man in irgendeinem Ort in Deutschland, insbesondere im Osten Deutschlands, Angst haben müsste. Muss man natürlich überhaupt nicht. Nur ist es so, dass ich grundsätzlich Angst – nein, das Wort ist zu groß –, besser: Respekt habe an fremden Orten und in neuen Situationen. Im Übrigen ging es mir, als ich beschloss, dieses Buch zu schreiben, überhaupt nicht um den Osten. Mein Interesse richtete sich auf ein abstrakteres Ziel, nämlich darauf, an einen Ort zu gehen, wo man eigentlich nicht hin muss, wo man nichts verloren hat. Das hätte an jedem anderen strukturschwachen Ort, in Oberfranken, im Bayerischen Wald oder im Ruhrgebiet sein können.

The European: Es ist aber dann Zehdenick in Brandenburg geworden, 60 Kilometer nördlich von Berlin, im Buch “Oberhavel” genannt.
Von Uslar: Ich habe keine Internetrecherche im Vorfeld gemacht, sondern bin einfach losgefahren und habe mich durchs Land getastet. Ich habe 18 Orte angefahren, bevor ich den 19. genommen habe, nämlich den, in dem ich das beste Gefühl hatte. Es ist kein Klischee-Osten, kein plakativ hässlicher und auch kein plakativ neu renovierter Osten. Kein Plattenbau, sondern das, was sich von einer 19.-Jahrhundert-Bürgerlichkeit in die Gegenwart hat rüberrenovieren lassen: bisschen braun, bisschen grau, bisschen bunt. Ich stand auch zwischen den Plattenbauten in Schwedt und muss gestehen, da kamen Dekadenzgefühle auf: Warum soll ich jetzt hier stehen und warten, bis mir jemand auf die Schnauze haut?

“Professionelle Neugier kann auch etwas unglaublich Abgefucktes sein”

The European: In “Oberhavel” haben Sie sich hingegen richtig mit den Leuten angefreundet. Wie macht man das als Fremdling? Wie fängt man da an?
Von Uslar: So wie ich es in dem Buch beschreibe: in die Kneipe gehen, stehenbleiben, dann wiedergekommen. Danach noch mal kommen, dann noch mal kommen, stehenbleiben, dann noch mal kommen, dann eins trinken, noch mal kommen, stehenbleiben. Beim nächsten Mal 20 Minuten länger bleiben. Danach fünf Stunden länger bleiben. Man steht da nur rum und verbreitet Offenheit. Das ist alles. Und eine Sache habe ich beibehalten: Ich habe mich ansprechen lassen, selbst aber niemanden angesprochen. Ich misstraue nämlich bestimmten Reportermechanismen wie dem, Leute einfach anzusprechen. Selbst neugierig sein finde ich abgehalftert. Professionelle Neugier kann auch etwas unglaublich Abgefucktes sein. Die Eingeborenen, die der Reporter professionell neugierig behandelt, antworten dann nämlich auch professionell authentisch und nicht wirklich authentisch.

The European: Hatten Sie jemals Bedenken, dass es arrogant klingen könnte, wenn Sie als Stadtmensch – oder vielmehr die Figur des Reporters in Ihrem Buch – ausziehen, um über die Landmenschen zu berichten?
Von Uslar: Nein. Ich trage in mir die Gewissheit, dass ich nicht arrogant bin. Ein guter Schutz gegen eine arrogante Wirkung ist, in sich hineinzutasten und zu fragen: Fühle ich mich als etwas anderes oder gar Besseres? Und ich dachte immer: nö! Zugleich war mir natürlich bewusst, dass das, was ich schreibe, als arrogant ausgelegt werden kann. Ich weiß, dass der Schritt von der Großstadt in die Provinz einer ist, der mit bestimmten Klischees verbunden ist.

The European: Vermutlich, weil es Ihnen gelungen ist, diese Klischees zu vermeiden, ist das Buch von den Kritikern eigentlich ziemlich gut aufgenommen worden. Überrascht?
Von Uslar: Wenn ein Journalist ein Buch schreibt, dann tun sich die Kritiker erfahrungsgemäß oft ein bisschen schwer: nachvollziehbar. Bei Spiegel und Süddeutsche habe ich jahrelang gearbeitet, da kann der Spiegel keine große Besprechung bringen. Vor dem Hintergrund also, dass die großen Blätter quasi kontaminiertes Gebiet sind, war ich überrascht, dass so viele Kritiken und so positiven Kritiken über das Buch erschienen sind.

“Jede Kritik ist verletzend”

The European: Nur in der Welt kam "Deutschboden“ nicht gut weg.
Von Uslar: Ich möchte mich zu dieser Geschichte nicht äußern. Grundsätzlich muss gelten: Wenn ich als Reporter herausbekommen möchte, wie ein Buch am Ort der Recherche ankommt, dann warte ich doch, bis das Buch erschienen ist. Und halte den Einwohnern nicht Kopien von Druckfahnen unter die Nase. Diese Art der Recherche war böse.

The European: Wie gut können Sie mit Kritik seitens Kollegen umgehen?
Von Uslar: Jede Kritik ist verletzend. Selbst eine gut gemeinte Kritik kann verletzend sein. Und wer ein Buch veröffentlicht, hat die Kritiken, die guten und die bösen, zu ertragen – fertig, so einfach ist das. Ich bin als Journalist ja auch oft verletzend, auch tendenziös, auch manchmal asozial. Mein Selbstverständnis als Journalist war immer, bissig und nicht böse zu sein, also hinzulangen, ohne zu verletzen, aber ich weiß auch, dass das oft nicht gelingt. Was ich als Journalist, der Bücher veröffentlicht, sagen kann, ist: Nichts ist eine bessere Erziehung für einen Journalisten, als selbst in der Öffentlichkeit zu stehen und kritisiert zu werden. Eigentlich sollte jeder Journalist mal ein Buch veröffentlichen oder einen Film machen, um zu lernen, was Öffentlichkeit, Kampagnen und Kritik bedeuten.

The European: Und was ist mit Kritik vonseiten der Leser?
Von Uslar: Wer einen Leserbrief verfasst, formuliert meistens eine negative Meinung, insofern hat man die als Journalist nicht besonders gern. Bei Internetkommentaren neige ich, sie vollkommen zu ignorieren.

“Blödsinn! Lüge! Trallala!”

The European: Nun war ja nicht nur der Welt-Reporter in Zehdenick, sondern auch viele andere Kollegen. Glauben Sie, der Medienrummel könnte der Kleinstadt schaden?
Von Uslar: Ich habe die Menschen dort, was den Umgang mit den sogenannten Medien angeht, als äußerst robust und abgeklärt erlebt. Die wissen schon, wie sie mit den Medien umgehen müssen. Da täuschen sich viele Journalisten – mich eingeschlossen – ja oft: Den was Medien und Öffentlichkeit angeht naiven Kleinstadtbürger gibt es nicht mehr. Jeder Mensch in Deutschland weiß mittlerweile, wenn er die Bild-Zeitung in die Hand nimmt: Blödsinn! Lüge! Trallala! Jeder weiß, wenn er bestimmte Fernsehsender einschaltet: Blödsinn! Lüge! Trallala!

The European: Glauben Sie wirklich? Aber warum sollte der Leser die Bild-Zeitung lesen, wenn er weiß, dass er darin belogen wird?
Von Uslar: Weil die Unwahrheit bequem ist. Und weil sie ein kurzes Wohlgefühl erzeugt – und ein langes Unwohlsein. Die Boulevard-Menschen machen ihre Bild-Zeitung, ihre Gala und ihre Bunte ja für einen Leser, den sie für dumm halten, der angeblich zu dumm ist, die Wahrheit von der Unwahrheit und die seriöse Berichterstattung vom Schund, vom Tratsch, von der Lüge zu unterscheiden. Aber es gibt diesen Leser längst nicht mehr. Noch der hinterletzte Proll-Leser, der angeblich stumpfe LKW-Fahrer und die angeblich unterbelichtete Oma wissen, dass in der Bild-Zeitung nur Mist steht. Ich bin, natürlich, ein glühender Boulevard-Gegner, ich verachte das richtiggehend. Warum? Weil ich nicht einsehen möchte, dass man nicht beinhart lustig und brutal unterhaltsam schreiben kann, ohne den Leser zu belügen. Weil ich die ödeste Wahrheit für interessanter halte als die irrste Lüge, deshalb. Weil wir Journalisten die Pflicht haben, nicht mitzuarbeiten am bösen Weltvernichtungstext. Verstehen Sie? Man soll nicht abgefuckt sein. Das ist manchmal nicht so einfach. Schluss.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Michael Kempf: „Berlin ist heute eine kulinarische Hochburg“

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