Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen. Winston Churchill

„Ist die Seele einmal verkauft, ist sie verkauft“

Am 23. September kommt ein Film über Entstehung und Rezeption des NS-Propagandafilms “Jud Süß” in die Kinos. Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu spielt den Hitler-Adjutanten Joseph Goebbels. Im Gespräch antwortet er seinen Kritikern, rechnet mit US-Präsident Barack Obama ab und verrät, wieso ihn die Zeit des Nationalsozialismus so fesselt. Das Interview führte Nina Klotz.

The European: Herr Bleibtreu, zur Berlinale wurde der Film “Jud Süß. Film ohne Gewissen” uraufgeführt und hat teils heftige Reaktionen hervorgerufen. Sind Sie vor der Kinopremiere nächste Woche nervös?
Bleibtreu: Dass bei einem solchen Film die Befindlichkeiten riesengroß sind, liegt auf der Hand. Und das ist auch gut so. Trotzdem finde ich, dass gerade Leute aus meiner Generation das Recht haben müssen, sich mit der eigenen Zeitgeschichte künstlerisch frei zu beschäftigen. Ich muss das Recht haben, mit diesen Figuren künstlerisch machen zu können, was ich will. Dass das kontrovers diskutiert wird, ist völlig o.k.

The European: Die Kritik ging so weit, dass Frau Knobloch vom Zentralrat der Juden sich in einem Brief geäußert hat, in dem sie dem Film “Legendbildung” vorgeworfen hat, mit der antisemitische Tendenzen befördert werden könnten.
Bleibtreu: Diese Äußerungen sind inzwischen zurückgenommen worden. Und der Vorwurf an sich ist lächerlich. Der Film hat keine politische Haltung und bietet natürlich trotzdem inhaltlich eine gute Möglichkeit, sich medial zu positionieren und mitzureden. Ein Film ist immer eine in sich geschlossene Form der Realität, die immer fiktiv ist und bleibt, egal, wie akkurat man mit historischen Fakten umgeht. Ich würde gerne vom Publikum erwarten können, dass es fähig ist, Fiktion und Realität voneinander zu trennen.

“Diesen Film zu verbieten schürt nur den Reiz des Verbotenen”

The European: Sie sagen, der Originalfilm “Jud Süß” sei fälschlicherweise bis heute verboten. Warum?
Bleibtreu: Das ist handwerklich ein über die Maßen gut gemachter Film. Großartig gespielt, toll gemacht, der filmischen Welt damals um einige Schritte voraus. Er spielt mit einer irren Manipulation, die den Film wahnsinnig gefährlich macht, keine Frage. Es ist perfide. Und gerade in Bezug auf die Novelle von Feuchtwanger ist es abstoßend, was daraus gemacht wurde – und mit welcher Intelligenz. Aber diesen Film zu verbieten schürt nur den Reiz des Verbotenen. Der Film bekommt dadurch eine Wichtigkeit und ein Gewicht, die er überhaupt nicht verdient hat. Ich bin der Meinung: Zeigt ihn in der achten Klasse im Deutschunterricht, lest die Novelle dazu und diskutiert es!

The European: Wer heutzutage diesen Film sieht, wird also nicht zum Faschisten?
Das ist doch lächerlich. Das funktioniert doch heute alles auf ganz andere Art und Weise. Und überhaupt: Wenn Faschismus zurückkehrt, dann doch sicher nicht in genau demselben Gewand wie damals. Wenn Faschismus uns noch einmal einholt, dann auf eine Art und Weise, bei der wir alle sagen müssen: Das habe ich nicht kommen sehen! Der Faschismus damals war auf seine Art so intelligent, dass die Menschen nicht gemerkt haben, worauf er hinausläuft.

“Obama ist höchstwahrscheinlich das Schlimmste, was der Menschheit seit langer Zeit passiert ist”

The European: Wo sehen Sie heute denn eine solche Gefahr?
Bleibtreu: Man muss sich doch bloß ein bisschen die Welt anschauen, den Blick auf Amerika richten. Da sieht man, wie ein Staat aussieht, den keiner als totalitären Staat wahrnimmt, der aber auf dem besten Weg ist, als ein solcher zu enden. Obama ist höchstwahrscheinlich das Schlimmste, was der Menschheit seit langer Zeit passiert ist. Nichts von dem, was er versprochen hat, hat er wahrgemacht. Nicht im Ansatz! Das genaue Gegenteil hat er getan! Aber keiner sagt etwas. Und warum? Weil er so nett ist. Die USA sind mittlerweile fast ein Polizeistaat. Von Demokratie kann nicht die Rede sein. Zwei Parteien? Was ist da los? Ein totalitärer Staat ist der erste Ansatz zum Faschismus. Dazu braucht es keine Binden mit Kreuzen drauf und irgendwelche Verrückten, die komisch reden.

The European: Nun wurden vor “Jud Süß. Film ohne Gewissen” schon viele Filme über den Nationalsozialismus gedreht. Warum, glauben Sie, hat gerade dieser so heftige Kritik hervorgerufen?
Bleibtreu: Mir war klar, dass das ein Film ist, der wahnsinnig polarisiert. Es ist ein Film, der sich traut, keinen bestimmten Ton anzuschlagen. Das ist der Unterschied zu “Inglourious Basterds”. Da weiß man sofort: Das ist eine Satire, ich darf lachen. “Jud Süß” tut das nicht. Dieser Film erwartet vom Zuschauer, dass er selbst entscheidet, wann er etwas komisch findet. Das ist es ja auch, worum es in dem Film geht: um Eigenständigkeit und darum, dass man sich selbst eine Meinung gönnt und bildet und diese auch verteidigt.

The European: Ihre Darstellung vom Propagandaminister Joseph Goebbels ist auch so, dass man nicht immer weiß, ob man lachen darf, sie schwankt zwischen Monster und Clown. Hatten Sie Sorge, eine Seite zu überspielen?
Bleibtreu: Man muss sich beim Spielen den Hintergrund vor Augen führen, wie Goebbels so geworden ist, wie er war. Es ist ja im Allgemeinen so: Böses kommt vom Bösen. Bei Goebbels war das so: Er war immer zu klein, schwächlich, Asthmatiker. Dann wurde er mit acht Jahren zum Krüppel. Er war immer unternährt, hat nie Frauen abbekommen. Er muss ein ganz schlimmes Leben gehabt haben. Nicht umsonst ist er so eine Bestie geworden, als er dann die Macht hatte. Wenn man vergisst, wie er zu der Bestie geworden ist, neigt man schnell dazu, zu übertreiben. Dann wird es zur Karikatur. Der Vorwurf also, dass ich Goebbels zu einer Karikatur gemacht habe, stimmt nicht, insofern, dass eine Karikatur den komödiantischen Aspekt einer Figur immer mitspielt. Das tue ich nicht. Es gibt Momente, in denen ist die Figur alles andere als komisch.

“Ist die Seele einmal verkauft, ist sie verkauft”

The European: Wie haben Sie sich der Figur denn genähert?
Bleibtreu: Ich habe alle seine Tagebücher gelesen, alles an Archivmaterial gesehen, das es gibt. Daraus geht hervor, dass Goebbels überhaupt kein introvertierter Mann war. Das war bisweilen der Vorwurf an mich: Warum ist der so extrovertiert, so laut, so jovial? Darauf kann ich nur sagen: weil er nach allem, was ich gesehen habe, so war! Er hatte immer ein Lächeln im Gesicht. Und er war meiner Meinung nach so ein Alles-oder-Nichts-Typ. Dafür spricht auch der Mord an seinen eigenen Kindern. Das hat so etwas Absolutistisches. Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht. Und dann geht er auch mit unter. Sicher weiß niemand, was in Goebbels vorging, wenn er allein im Kämmerchen saß. Aber aus seinen Tagebüchern geht hervor, dass er eine unheimliche Bewunderung Hitler gegenüber hegte. Er hatte einen wahnsinnigen Minderwertigkeitskomplex Frauen gegenüber, den er durch das Anhäufen von mehr und mehr Macht kompensierte. Und als er dann die Macht hatte, hat er in die Vollen gehauen. “Der Bock von Babelsberg”, “Goebbels gerammelte Werke” – der hat ja alles gevögelt, was nicht bei drei auf dem Baum war. Das war kein Kostverächter. Und die haben ganz schöne Partys gefeiert damals, haben alle möglichen Drogen genommen, vor allem Speed, Göring war auf Heroin. Was diese Leute alle ausgemacht hat, war ihr Größenwahn. Die können nicht über morgen nachgedacht haben. Das war Wahnsinn! Kompletter Wahnsinn! Ich glaube, alle, auch Hitler, wussten, dass das nicht gut geht. Sie haben sich nur auf den Gedanken nicht eingelassen, weil der Größenwahn viel zu groß war. Wenn man dem Wahn einmal verfallen ist, ist es ganz schwer zurückzukommen. Ist die Seele einmal verkauft, ist sie verkauft.

The European: Und wie wird aus Ihrem geschichtlichen Wissen über den Menschen Goebbels dann eine Rolle?
Bleibtreu: Wie viele Figuren dieser Zeit hat er eine irre physische und mimische Präsenz. Da kommst du als Schauspieler einfach nicht drum herum. Du hast so viele physische Aspekte, die du nicht außen vor lassen kannst: der kaputte Fuß, die merkwürdige Fingerhaltung. Spätestens, wenn du die erste Rede hörst, weißt du, dass du auch die Mundart mitspielen musst. Mein allererster Arbeitsansatz war also: Das muss ich mir irgendwie aneignen.

The European: Das ist bereits Ihr dritter Film, in dem Sie sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen.
Bleibtreu: Diese Zeit hat für mich als Schauspieler immer noch einen direkten Einfluss auf mein Leben, da sie meine kulturelle Identität beeinflusst hat. Alle Kunstschaffenden leben von kultureller Identität. Kino wäre ohne kulturelle Identität tot. Und diese sind wir gerade dabei wiederzuerlangen. Die letzten zehn Jahre ging es im deutschen Film um nichts anderes. Ich mag das Wort Vergangenheitsbewältigung nicht, aber im Grunde war es das, worum es ging. Wir finden unsere Wege, unsere Geschichten unseren Leuten zu erzählen. Und ich bin wahnsinnig froh, ein Teil dessen zu sein. Als ich jung war, habe ich Deutschland gehasst. Ich fand alles an diesem Land schrecklich, weil ich keine Identifikationsfläche hatte für irgendetwas Deutsches, das ich als positiv empfinden konnte. Es gab keine deutsche Musik, es gab keine deutschen Filme, es gab keinen Xavier Naidoo, kein Silbermond, keinen Til Schweiger und keinen Jürgen Vogel. Es gab im Bezug auf das Deutsche gar nichts. Wir sind Besatzerkinder. Hier waren die Amis, da die Franzosen, dort die Engländer und da die Russen. Ich gehöre zu den Ami-Kindern. Alle meine Identifikationsflächen waren amerikanisch: Meine Filme waren amerikanisch, meine Musik, meine Klamotten.

The European: Inzwischen ist Deutschland aber doch ganz liebenswert geworden.
Bleibtreu: Ja, klar. Ich frage mich nur: Wann werden wir es endlich lernen, auf eine schöne und coole Art patriotisch zu sein? Patriotismus ist doch cool! Das ist nichts Schlechtes, sondern etwas Schönes. Und es heißt doch noch lange nicht, dass man andere Länder nicht mag, nur weil man sein eigenes mag. Patriotismus ist wichtig. Das ist ein Lebenselixier. Geh mal nach Italien. Was meinst du, wie die das aushalten in Kalabrien? Das geht nur, weil sie sich abfeiern gegenseitig. Patriotismus bedeutet vor allem soziale Integrität beziehungsweise füreinander einzustehen. Wie soll ich in einem Land ein soziales Gefüge unter Menschen aufbauen, in dem der eine dem anderen hilft, wenn ich dieses Land nicht liebe?

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Michel Friedman: „Wie wirst du zum Mörder?“

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