Wenn man will, könnte man sein Leben entgooglefizieren. Jeff Jarvis

„Ägypten ist eine Schamgesellschaft“

Ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl in Ägypten ist die Opposition in einer schwachen Position. Mit dem ägyptischen Blogger Mood Salem sprach Alexander Görlach über den Wahlkampf, politische Unterdrückung, “brain drain” im Nahen Osten und die Rolle der Religion im ägyptischen Alltagsleben.

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The European: Wie würden Sie die Situation in Ägypten beschreiben? Glauben die Menschen an den Wandel, an die Chancen von Herrn El Baradei auf einen Wahlsieg?
Salem: Die Menschen in Ägypten wollen Veränderung. Aber sie sind sehr skeptisch, ob Herr El Baradei wirklich einen Wandel einleiten kann. Er hat immer noch nicht offiziell verkündet, ob er sich um das Amt des Präsidenten bewerben wird. Er hat immer noch keinen Plan und kein Wahlprogramm und seine Abwesenheit treibt ihm auch nicht gerade die jetzige Opposition in die Arme. Momentan ist Herr El Baradei vor allem ein Kandidat der Medien.

“El Baradei ist ein Kandidat der Medien”

The European: Sie haben die Oppositionsbewegung angesprochen. Werden Kritiker der Regierung denn unter Druck gesetzt?
Salem: Auf jeden Fall, die Opposition in Ägypten wird von der Regierung unterdrückt. Es ist fast unmöglich, eine eigene unabhängige Partei zu gründen und dafür die offizielle Erlaubnis zu erhalten. Falls man es dennoch schafft und die Partei registrieren kann, werden die politischen Aktivitäten überwacht und können nach Gutdünken von den Sicherheitsorganen unterbunden werden. Außerdem gibt es keine Fernsehkanäle, die Werbung einer solchen Partei senden würden.

The European: Beobachter sagen manchmal, die Region sei intellektuell gesehen tot. Kluge junge Menschen verlassen das Land, die Massen bleiben zurück. Stimmt das?
Salem: Es gibt diese Entwicklung des “brain drain”, zumindest zum Teil. Ich glaube aber nicht, dass es fair ist, die gesamte Region dafür verantwortlich zu machen oder von einer intellektuellen Totenstarre zu reden.

The European: Welche Rolle spielt das Internet in Ägypten? Für junge Menschen, für politische Bewegungen …?
Salem: Das Internet hat in Ägypten begonnen als einzige Bastion der Redefreiheit. Jetzt ist es zu einem der besten Medien- und Organisationswerkzeuge der Politik geworden. Seit 2005 haben politische Bewegungen das Internet benutzt, um sich zu organisieren oder durch Blogger auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

“Es gibt einen Verwerfungseffekt zwischen Religion und Moral”

The European: Welche Einschätzung haben Sie zur Gesellschaft allgemein? Spielt die Religion eine immer größere Rolle im Alltagsleben?
Salem: Die ägyptische Gesellschaft ist auf jeden Fall sehr religiös. Aber wie immer in solchen Situationen gibt es viele Facetten. Im Endeffekt ist es vor allem eine Schamgesellschaft. Die Menschen geben sich vor anderen als sehr religiös und machen dann hinter verschlossenen Türen Dinge, die ihnen die Religion eigentlich verbieten würde. Es gibt also einen Verwerfungseffekt zwischen Religion und Moral. Das ist auch der Grund für viele der sozialen Probleme, die das Land momentan beschäftigen: Korruption, politisches Desinteresse oder die herablassende Behandlung und Diskriminierung von Frauen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Hans-Ulrich Klose: „Man erwartet mehr von Deutschland“

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