Hinter uns liegen 2000 Jahre, die von der Frage nach Gott geprägt sind. Martin Walser

Mir nichts, dir nichts

Informationen sind Macht. Niemand weiß das besser als Journalisten. Doch die Entwicklung des Internets schafft immer mehr Konkurrenz – in Form von "citizen journalists“, informierten und aktiven Bürgern, die journalistische Inhalte weiterverarbeiten. Die alten Welterklärer müssen sich auf diese neuen Spielregeln einlassen. Oder untergehen.

Das Netz hat mit Social Media eine doppelte Tautologie kreiert. Zum einen sind Medien immer sozial, wollen wir sie nicht nur als technische Plattformen der Informationsverbreitung und Signalübertragung verstehen. Zum anderen ist Social Media ein Übergangsbegriff. Er wird sterben, weil er zum Normalfall wird.

Das Internet hat also nicht die Medien neu erfunden, indem es "soziale Medien“ wie Twitter, Facebook und Blogs hervorgebracht hat. Aber es verlangt bei denen ein radikales Umdenken, die bislang für Medien zuständig waren. Die wollen von ihrer eigenen Neuerfindung bislang nicht viel wissen. Kein Wunder. Bislang war der Journalismus in der komfortablen Situation, den Menschen die Welt zu erklären, dabei die eigenen Deutungsmodelle als gegeben und richtig zu betrachten, auch weil selten Korrekturmöglichkeiten gegeben waren, denn die journalistische Thematisierung verlief bis in die Zeiten des Web 1.0 als Einbahnstraße.

Bürger mischen sich ins Agenda Setting ein

Doch plötzlich hat das Netz die Verkehrsregeln geändert. Bürger mischen sich als "citizen journalists“ über die Kommunikationsplattformen des Web 2.0 ins Agenda Setting ein, liefern Informationen in Text und Bild zu aktuellen Ereignissen aus der lokalen Nachbarschaft und der Welt drum herum. Journalisten müssen sich plötzlich geballt mit den Reaktionen ihrer Leser auseinandersetzen, ihre Produkte werden ungefragt weiterverarbeitet, getagged, verlinkt, gemashed. Rechercheprozesse finden nach einem beliebig gesetzten Initialreiz in Communitys statt und fördern Ergebnisse zutage, nach denen traditionelle Redaktionen lange suchen müssen. So haben Tausende von Menschen dem britischen Guardian geholfen, mehr als 450.000 Ausgabenbelege britischer Parlamentarier zu analysieren, um Spesenbetrug aufzudecken.

Es ist einleuchtend, warum Journalisten diesen Entwicklungen teils skeptisch gegenüberstehen. Sich von gewohnten Denk- und Arbeitsmustern zu verabschieden ist anstrengend, sich neuen Technologien und Kommunikationsformen zu öffnen mühsam. Es ist vermeintlich langweiliger, wichtige Informationen und Hinweise für Storys am Computer aus Twitter herauszufischen, statt durch die Welt zu reisen. Vor allem aber ist es bedrohlich für die Welterklärer, dass sie plötzlich ihre Interpretationshoheit verlieren sollen. Ihnen hilft keine Medieninstitution mehr, keine hierarchische Position im redaktionellen Gefüge. Sie müssen allein durch das überzeugen, was sie an Neuigkeiten und Geschichten zu liefern in der Lage sind und wie sie diese in die Gesprächsflüsse und Gesprächsräume im Netz einbringen.

Der Journalist in "embedded“ in eine Vielzahl von Öffentlichkeiten

Information ist Macht. Das wissen Journalisten. Und das wissen auch alle anderen Menschen, die daran interessiert sind, ihre Sicht der Dinge dem Rest der Welt unbeeinträchtigt zu übermitteln. Unter anderem deshalb ist der "embedded Journalism“ erfunden worden, der Journalisten zum Teil der eigenen Truppen an der kriegerischen Front macht. Nutzen wir dies als Analogie: Der Journalist ist heute anders eingebettet, nämlich in Prozesse der kollaborativen Informations- und Geschichtenproduktion. Er ist "embedded“ in eine Vielzahl von Öffentlichkeiten, von denen die eigene nur eine unter vielen ist. Wer als Journalist an der Front des Crowdsourcings überleben will, sollte sich eine Erkenntnis in Erinnerung rufen, die schon für das althergebrachte "Embedding“ wichtig war: Ich bin nur ein Teil der Sache, vermutlich nicht der wissendste und ganz sicher nicht der wichtigste. Und wenn ich überleben will, sollte ich mich auf die neue Situation einlassen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: David Kirkpatrick, Evgeny Morozov, Nicholas Carr.

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